Vereinte Nationen: In New York wächst die Sorge vor einer russischen Eskalation

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Vereinte Nationen In New York wächst die Sorge vor einer russischen Eskalation

24. September 2026, 1:52 Uhr |

Lesezeit: 4 Min.

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Russlands Außenminister Sergej Lawrow machte im UN-Sicherheitsrat die Hoffnung auf Gespräche zwischen Moskau und Kiew zunichte.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow machte im UN-Sicherheitsrat die Hoffnung auf Gespräche zwischen Moskau und Kiew zunichte. Michael Kappeler/dpa

Mehr als 200 Vorfälle in Nato-Staaten lassen laut Europa und den USA darauf schließen, dass Moskau seinen Krieg über die Landesgrenzen der Ukraine hinweg ausweiten will.

Von Sina-Maria Schweikle, New York City

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Vor der UN-Generalversammlung deutete sich Bewegung an: Gespräche zwischen Moskau und Kiew schienen möglich, vielleicht sogar eine begrenzte Waffenruhe. Am Mittwochvormittag erteilte Russlands Außenminister Sergej Lawrow genau dieser Idee im UN-Sicherheitsrat eine Absage. Mal wieder. Seine Begründung: Nur Europa wolle eine solche Pause, und diese nutzen, um die Ukraine aufzurüsten.

Kurz darauf stand der ukrainische Präsident Wolodomir Selenskij auf der Bühne der UN-Generaldebatte. Manchmal wirke es, als sei die Ukraine auf Krieg fixiert, weil sie so viel über Waffen rede, sagte er. Doch diesen Krieg habe nicht sie gewählt. „Wir verteidigen uns selbst“.

Rund 30 Minuten sprach Selenskij. Es ging um die Last, die sein Land seit Beginn des russischen Angriffskrieges seit 2022 trägt, und um eine russische Bedrohung, die längst über die Ukraine hinausreicht: Auch die Republik Moldau, Polen und die baltischen Staaten seien gefährdet. Die Eigenständigkeit der Staaten im Südkaukasus und in Zentralasien respektiere Moskau ohnehin nicht. Sein Appell an die Weltgemeinschaft: Russland muss eingedämmt werden.

Dafür bleibe die Ukraine auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen, vor allem bei der Flugabwehr. Zwar entwickle das Land mit den Freyja-Systemen gerade eine deutlich günstigere Alternative zu Patriot-Raketen. Doch das könne „erprobte Systeme wie Patriot nicht ersetzen“, sagte Selenskij. Umgekehrt hat die Ukraine inzwischen selbst etwas zu bieten: ihre Erfahrung mit Drohnen. „Es geht nicht einfach darum, Drohnen zu verkaufen. Es geht um Kooperation mit anderen Ländern, um ein modernes integriertes Verteidigungssystem gegen die Drohnengefahr in der Luft, zu Wasser und an Land zu schaffen“, sagte er. Partner dafür fänden sich etwa am Golf. In New York unterzeichnete die Ukraine ein Drohnenabkommen mit Finnland, ein weiteres mit Kanada ist in Vorbereitung. Die Ukraine bereitet sich auf den nächsten Kriegswinter mit russischen Angriffen vor, weil es diplomatisch kaum Fortschritte gibt.

Die Ukraine sagt, man müsse den „langweiligen Märchen“ Lawrows nicht zuhören

Im Sicherheitsrat saßen sich beide Seiten gegenüber, wenn auch nur kurz. Lawrow betrat den Saal kurz vor seiner Rede und verließ ihn unmittelbar danach. Die Verurteilungen seines Landes durch andere Staaten bekam er so gar nicht mit. In seiner Ansprache machte er die europäischen Regierungen für die Invasion verantwortlich. Moskau strebe, wie von Präsident Wladimir Putin formuliert, eine umfassende Regelung zur Beendigung des Konfliktes an. Die „militärische Spezialoperation“ führe Russland, um seine Sicherheitsinteressen und die Rechte der Russen in der Ukraine zu wahren.

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha blieb die meiste Zeit der Sitzung im Saal. Den „langweiligen Märchen“ Lawrows müsse man nicht zuhören, sagte Sybiha. Ein einziger Satz des russischen Chefdiplomaten verrate ohnehin die ganze Wahrheit: Russland „will nicht stoppen“. Diese Sorge teilen einige der Diplomaten in New York. „Russland greift ganz Europa an“, sagte Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot und verurteilte laut dem Nachrichtensender Bloomberg eine Welle russischer Angriffe auf europäischem Boden. „Es gibt derzeit keinen einzigen Staat, der sich nicht beunruhigt fühlt.“

Mehr als vier Jahre nach der russischen Invasion wächst nicht nur in Europa, sondern auch in den USA die Befürchtung, Putin könne seinen Krieg bald über die Ukraine hinaus ausweiten. Schon vergangene Woche hatte Polens Ministerpräsident Donald Tusk gewarnt, Moskau könnte seine hybriden Angriffe auf die Unterstützer der Ukraine ausdehnen. Es bestehe ein reales Risiko, dass Drohnen auf dem Gebiet eines oder mehrerer Nato-Staaten an der Ostflanke abstürzten und Moskau das anschließend als Unfall darstellte. Das Ziel: den Zusammenhalt der Allianz zu schwächen. Sabotage, Cyberattacken, Sprengstoffdrohnen. Bereits jetzt haben hybride Angriffe Russlands auf Nato-Staaten offenbar deutlich zugenommen.

200 Vorfälle allein im vergangenen Jahr

Erst kürzlich machte die Nato bekannt, dass sie mehr als 200 dieser Vorfälle im vergangenen Jahr registriert habe. Wie konkret die Gefahr ist, zeigte sich etwa Anfang August in Deutschland. Am Flughafen Leipzig/Halle wurde neben ukrainischen Frachtflugzeugen eine mit Sprengstoff bestückte Drohne gefunden. Die Bundesregierung macht Moskau dafür verantwortlich, das Deutschland daraufhin Kriegstreiberei gegen Russland vorwarf. Im Sicherheitsrat sprach Außenminister Johann Wadephul (CDU) die Vorfälle selbst noch einmal. „Russlands hybride Angriffe gegen diejenigen, die die Ukraine und das Völkerrecht unterstützen, haben eine neue Stufe erreicht“, sagte er.

Wadephul sprach am Mittwochabend als letzter im UN-Sicherheitsrat und sagte in seiner kurzen Ansprache, seit der letzten Generaldebatte habe Russland den Krieg intensiviert. Bei seinem letzten Besuch in der Ukraine vor wenigen Wochen habe er gesehen, was der Krieg den Menschen abverlange. Ihr Wille sei dennoch ungebrochen, ebenso wie die deutsche Unterstützung für das Land. Deutschland stehe bereit, bei möglichen Verhandlungen zu unterstützen.

Zuvor forderte Wadephul, der Sicherheitsrat dürfe zum russischen Vorgehen gegen die Ukraine und zu Moskaus hybriden Drohungen gegen Europa nicht schweigen. „Deutschland und die Europäische Union, verlässliche Unterstützer des UN-Systems, werden bedroht durch ein ständiges Mitglied des Sicherheitsrates“, sagte Wadephul. Das gehöre auf die Tagesordnung der Weltgemeinschaft.

Trotzdem laden die USA Putin nach Miami ein

Auch in Washington ist die Sorge vor einer Eskalation mittlerweile angekommen. US-Präsident Donald Trump hatte Moskau vergangene Woche vorgeworfen: „Seit etwa fünf Jahren greifen sie die Verbündeten der Ukraine an“. US-Außenminister Marco Rubio nannte am Rande der Generaldebatte unter anderem hybride Angriffe und Sabotage als mögliche Auslöser einer erweiterten Eskalation. „Diese Dinge geben Anlass zur Sorge. Wir sprechen das in zahlreichen Treffen mit verschiedenen Ländern an“, sagte Rubio nach einem Treffen mit Lawrow.

Trotzdem hat seine Regierung nun Wladimir Putin zum G-20-Gipfel nach Miami im Dezember eingeladen. Er war das letzte Mal vor sieben Jahren persönlich bei einem Treffen in dem Format dabei. Wenn man Probleme lösen wolle, sagte Rubio, müsse man sich auch mit Leuten treffen, mit denen man nicht übereinstimme. Eine Teilnahme des russischen Präsidenten in Miami sei eine gute Gelegenheit, damit Putin nicht nur mit US-Präsident Donald Trump, sondern auch mit anderen Staats- und Regierungschefs ins Gespräch kommen könne.

In New York wird in diesen Tagen viel über Krieg und Frieden gesprochen. Russland ist dort nicht das einzige Land, das gerade Krieg führt. Aber es sitzt als Vetomacht in einem Gremium, das Kriege eigentlich verhindern soll – und kann dort jede Entscheidung blockieren, die es selbst betrifft.

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