Nationaltorhüter: All inclusive für Jonas Urbig
Por Von Philipp Selldorf, Thesssaloniki — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
Lesezeit: 2 Min.
Vor dem Spiel gegen Griechenland legt sich Jürgen Klopp mit einer kreativen Begründung erneut auf Jonas Urbig als Torwart fest. Der Schritt deutet an, welchen Plan der Bundestrainer verfolgt.
Von Philipp Selldorf, Thesssaloniki
B eim Medientermin am Vorabend des Länderspiels gegen Griechenland verkündete Jürgen Klopp dem 1. FC Köln eine gute Nachricht. Der Bundestrainer gab bekannt, dass er im vierten Match der Länderspieltour die Rotation unter den Torhütern aussetzen und erneut Jonas Urbig, 23, ins Tor stellen werde. Die Kölner dürfen, wenn es so weit ist, dem FC Bayern eine weitere Prämienforderung in Rechnung stellen. Sonderzahlungen aus München für Länderspieleinsätze Urbigs gehören zum Vertragswerk, das der damalige Manager Christian Keller zu Beginn des Jahres 2025 beim Wechsel des Torwarts zu den Bayern aushandelte.
Aber im Geißbockheim war am Samstagabend niemand in der Stimmung, sich über ein schönes Taschengeld aus München zu freuen (schon Urbigs Debüt am Donnerstag hatte dem FC einen Millionenbetrag eingebracht). Im Klub herrschte Betretenheit, nachdem am Nachmittag beim Testspiel gegen Viktoria Köln (2:2) die Angriffsspitzen Ragnar Ache und Thijs Dallinga so schwere Verletzungen erlitten hatten, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Während Klopp in Thessaloniki mit einer bemerkenswert konstruierten Begründung seine Entscheidung für Urbig erläuterte, teilte der Klub die Diagnosen aus dem Krankenhaus mit: Ache zog sich eine Muskelblessur zu und fällt bis auf Weiteres aus, der Leihstürmer Dallinga trug einen Kreuzbandschaden davon – vorzeitiges Saisonende nicht ausgeschlossen.
Unter Jürgen Klopp ist vieles neu im Nationalteam, auch im Tor. Der frühere DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke spricht über das Ende der Neuer-Ära und die Qualitäten der möglichen Nachfolger.
Im Teamquartier der Nationalmannschaft war das Unglück des FC vielleicht nicht das Tischgespräch Nummer eins, aber sicherlich ein Thema in der Splitterfraktion mit Urbig, Saïd El Mala und Florian Wirtz. Über die Existenz dieser informellen Runde aus einem Kölner und zwei Ex-Kölnern hatte der aus Kleinbüllesheim in Euskirchen stammende Urbig in der vorigen Woche informiert.
Wie es aussieht, wird der Torhüter seinem ehemaligen Verein noch einige Prämien bescheren. Klopp und DFB-Torwarttrainer Andreas Kronenberg haben von Urbig eine ähnlich hohe Meinung wie die Experten, die beim FC Bayern das Fachressort verantworten. In München wird nicht mehr nach einem Nachfolger für Manuel Neuer, 40, gefahndet, sondern bloß nach einem Ersatzmann für Jonas Urbig. Und die Theorie ist nicht abwegig, dass Klopp sich der gleichen Grundsatzentscheidung nähert.
Bisher hat der Bundestrainer drei Torhüter eingesetzt: Marc-André ter Stegen, 34, Alexander Nübel, 30, und Urbig beim Heimspiel in München. In der Logik der Serie wären nun Finn Dahmen, 28, oder Noah Atubolu, 23, an der Reihe gewesen, doch Klopp fiel plötzlich für die Bevorzugung Urbigs ein Grund ein, den er wie einen Joker aus dem Ärmel hervorholte. Dahmen und Atubolu seien ja in Augsburg und Frankfurt Stammtorhüter und daher dauernd im Einsatz, und Urbig könne als Nummer zwei in München zusätzliche Einsatzminuten gebrauchen.
So beiläufig Klopp seinen Taschenspielertrick präsentierte, so zwanglos plauderte er gleich darüber hinweg. Im Training hätten sowieso ALLE Kandidaten „überragend gehalten – es ist verrückt“, meinte er, und mit der Vergabe eines Nummer-eins-Status habe die aktuelle Entscheidung gar nichts zu tun, sagte Klopp und fügte einen Scherz hinzu: „Normalerweise kriegen Nationalspieler Spielpraxis in ihren Vereinen. Bei uns ist das anders. Bei uns gibt es all inclusive.“ Auf diesen tollen neuen Service ist am Wochenende sicher auch Marc-André ter Stegen, der Seniorchef der Torwartgruppe, aufmerksam geworden.
An Jonas Urbig hat Jürgen Klopp nicht nur wegen des selbstbewussten und hoch entwickelten Torwartspiels Gefallen gefunden. Er machte dem Rheinländer auch Komplimente für dessen Karriereweg, nachdem er sich am vorigen Mittwoch auf einer anderthalbstündigen Autofahrt von Herzogenaurach zur Pressekonferenz nach München mit ihm über die Kölner Zeiten ausgetauscht hatte. Beim FC hatte Urbig nach dem Abstieg in die zweite Liga Stammtorwart werden sollen, doch nach ein paar Einsätzen, die keineswegs verunglückt waren, bekam wieder der routinierte Marvin Schwäbe den Vorzug. Im Winter nutzte der FC Bayern die Gelegenheit, sich das Talent zu sichern. Die Pointe: Marvin Schwäbe, 31, steht nun auf der Liste jener erfahrenen Torhüter, die der FC Bayern als Stellvertreter für Urbig ins Haus holen will.
Beim bisher besten Spiel der Nationalmannschaft unter dem neuen Bundestrainer fehlt der Kapitän. Jürgen Klopp erkennt schnell, welche Sprengkraft in der Diskussion darüber stecken könnte.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt! Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten :
Fonte: Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport