Literaturnobelpreis: „Damit hatte ich nicht mehr gerechnet“
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Literaturnobelpreis „Damit hatte ich nicht mehr gerechnet“
8. Oktober 2026, 16:15 Uhr |
Lesezeit: 3 Min.

Marie Luise Knott übersetzt seit vielen Jahren Lyrik und Prosa der frisch gekürten Nobelpreisträgerin Anne Carson. Wohl niemand kann besser erklären: Was macht die Autorin so besonders?
Interview von Christiane Lutz
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A m Stand von Matthes & Seitz auf der Frankfurter Buchmesse herrscht großer Andrang, als am Donnerstag bekannt wird, dass die kanadische Autorin Anne Carson den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Bei dem Verlag sind einige Werke der Autorin erschienen, allerdings sind am Stand aktuell keine vorhanden. Ein Kollege ist schon losgerannt, Bücher von Carson zu holen. Mit dem Preis hatte hier wohl niemand gerechnet. Mittendrin: Marie Luise Knott, 73, Essayistin, Kritikerin – und langjährige Übersetzerin von Anne Carson.
SZ: Anne Carson also – haben Sie es geahnt?
Marie Luise Knott: Nein. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Wir warten ja seit Jahren. Dabei finde ich, dass ihre Arbeit so wichtig ist. Der Nobelpreis ist ja eigentlich dafür zuständig, eine Stimme auszuzeichnen, die wirklich etwas ganz Neues, Literarisches schafft. Und das hat Anne Carson aus meiner Sicht geleistet.
Wie hat sie das geschafft?
Sie wird weltweit gelesen. Ich glaube, das Interessante an ihr ist, dass sie zwei Dinge tut: Das eine ist, dass sie aus dem Griechischen kommt, das heißt, sie ist eigentlich Altgräzistin, die Antike ist für sie eine permanente Inspirationsquelle. Zweitens dehnt sie das Englische immer gelenkiger aus, ein bisschen wie Gertrude Stein. Sie schafft es, das aus der Sprache herauszuholen, was eigentlich schon da ist, aber im Alltag oft verschwindet.
Zur Person
Marie Luise Knott ist freie Essayistin, Kritikerin und Übersetzerin in Berlin. Sie übersetzte Anne Carsons „Anthropologie des Wassers“, „Irdischer Durst“, „Albertine. 59 Liebesübungen“ und das Theaterstück „Norma Jeane Baker von Troja“.
Was holt sie konkret heraus?
Das Empfinden von sinnlichen Eindrücken. Die Landschaft, das Wasser, wie etwa in ihrem Schwimmbad-Tagebuch, die „Anthropologie des Wassers“. Oder in ihrem Gedicht „The Glass Essay“: Es geht darum, wie wir als Menschen andere eben doch nie erreichen, weil da immer eine unsichtbare Scheibe zwischen uns bleibt. Und wie wir danach hungern, nach dem anderen und nach Liebe. Das ist so schön bei ihr, in ganz vielen ihrer Gedichte.
Wie war Ihr erster Kontakt mit Anne Carson?
Ich habe ihre Bücher 1998 bei einem Besuch in New York entdeckt, in der Buchhandlung The Strand. Ich war begeistert. Seitdem habe ich jedes Buch von ihr gelesen. Mir ist beim Übersetzen wichtig, wie der Bezug eines Satzes zu ihren anderen Texten ist, weil Carson ein faszinierendes, begriffliches und emotionales Geflecht in ihrer Sprache hat. Und das Begriffliche ist genauso wichtig wie das Emotionale. Ich habe durch diese Geflechte unheimlich viel über das Schreiben gelernt.
Das Übersetzen von Lyrik ist ja so, als müsse man ein Gedicht ganz neu schreiben.
Lyrik ist eine Skulptur. Ich trete ihr entgegen und muss die Skulptur nachbauen. Das heißt, ich muss wiederum ein Gedicht schreiben. Und wenn es kein Gedicht ist, ist es kein Gedicht, dann ist es eine schlechte Übersetzung, die man nicht zu lesen braucht. Ich denke darüber nach: Was ist das Zentrum eines Gedichtes, und was mache ich aus diesem Zentrum? Was ist das Wichtigste? Wo treffen sich Form und Sprache? Dann habe ich im Deutschen auch gewisse Freiheiten.
Sie sind erst im Mai in Berlin mit Anne Carson aufgetreten …
Da war sie das erste Mal seit 20 Jahren wieder in Deutschland. Was ich so irre finde: Sie ist eine ganz tolle Rhapsodin. Sie weiß genau, was sie von den Griechen gelernt hat, nämlich dieses rhapsodische Erzählen in der Lyrik. Das war wie ein Konzertevent. Die Texte sind für das Schweben des Vortrags gedacht. Sie denkt beim Schreiben an die ganze Masse, nicht nur an sich selbst. Das hat sie von den alten Griechen übernommen. Ich übersetze deshalb auch laut, Silbe für Silbe.
Die Antike hat ja spätestens seit der „Odyssee“ von Christopher Nolan wieder ein Momentum.
Ja, habe ich gesehen! Anne Carson arbeitet oft mit Bildern aus der Antike, nicht mit Wissen, mit Bildern. Die Figur des Herakles etwa zieht sich durch viele ihrer Texte. Das sorgt dafür, dass ihre ganze Arbeit nicht nur heutig, sondern zutiefst verwurzelt ist. Aus der Vergangenheit kann man so die Gegenwart sehen und erkennen, dass auch sie irgendwann Vergangenheit ist. Das macht Carson meisterhaft.
Welches Buch empfehlen Sie zum Einstieg in Carsons Werk?
Ich empfehle die „Anthropologie des Wassers“. Das ist mein Lieblingsbuch von ihr.
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Anne Carson mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, ist eine mutige Wahl. Sie ist eine Autorin, die sich im Niemandsland zwischen den vertrauten Formen des Schreibens bewegt. Warum es sich gerade deshalb lohnt, ihr Werk zu entdecken.
Von Lothar Müller
Fonte: Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport