Ausbrüche: Kommt ein Häftling zum Arzt

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Por Von Christoph Koopmann, Düsseldorf — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

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Ausbrüche Kommt ein Häftling zum Arzt

16. Oktober 2026, 14:56 Uhr |

Lesezeit: 3 Min.

Am Mittwoch wurde die Essener Innenstadt Schauplatz einer hollywoodreifen Szene: Zwei Maskierte befreiten einen Häftling, der eine Arztpraxis aufsuchen sollte.
Am Mittwoch wurde die Essener Innenstadt Schauplatz einer hollywoodreifen Szene: Zwei Maskierte befreiten einen Häftling, der eine Arztpraxis aufsuchen sollte. Foto: Justin Brosch/dpa

Schon wieder eine spektakuläre Fluchtaktion: Maskierte befreien in der Essener Innenstadt einen Gefangenen auf dem Weg in eine Praxis. Was ist mit Nordrhein-Westfalens Justizvollzug los?

Von Christoph Koopmann, Düsseldorf

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Das Sprachbild ist natürlich ausgenudelt, aber diesmal wirklich treffend: Szenen wie aus Hollywood müssen das gewesen sein am Mittwochmittag am Kennedyplatz in der Essener Innenstadt. Zwei Justizbeamte führen einen an den Füßen gefesselten Häftling in ein Haus, wollen ihn zu einem Arzttermin in eine Radiologiepraxis bringen. Dann werden sie plötzlich von zwei Maskierten überfallen. Ein Beamter versucht wohl zu schießen, doch offenbar gibt es ein Problem mit der Waffe. Die Täter schlagen ihm die Pistole aus der Hand, überwältigen und fesseln ihn und seinen Kollegen ans Treppengeländer. Dem Gefangenen lösen sie die Fußfesseln. Er flitzt auf einem E-Scooter in die Freiheit.

Seitdem fahndet die Polizei nach dem deutschen Staatsbürger Dijvar G., 34 Jahre alt, einem mehrfach verurteilten Straftäter, und seinen unbekannten Fluchthelfern. Zwei Tage später sitzt Nordrhein-Westfalens Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) im Rechtsausschuss des Landtags und nennt den Vorfall einen „dreisten Angriff“. Eigentlich ist die Sondersitzung am Freitag wegen einer ganz anderen Geschichte einberufen worden, die dem Minister gerade ebenfalls Ärger bereitet – er hatte seine Büroleiterin zur Abteilungsleiterin Justizvollzug befördert, was für die Opposition nach Vetternwirtschaft riecht. Jetzt sitzt die neue Abteilungsleiterin gleich neben ihm und muss ebenfalls Fragen zur Flucht in Essen beantworten.

Sie sagt, der seit seiner Jugend mehrfach vorbestrafte G. sei erst im Februar dieses Jahres zu mehr als zwölf Jahren Haft wegen Drogenhandels und im April noch zu weiteren viereinhalb Jahren unter anderem wegen Körperverletzung verurteilt worden. Beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig, weshalb G. weiterhin offiziell Untersuchungshäftling ist. Respektive: war. Berichte, er sei dem Clan-Milieu zuzurechnen, bestätigt die Abteilungsleiterin des Ministeriums nicht.

Die Sicherungsmaßnahmen bei der Ausfahrt aus der JVA Essen zur Arztpraxis hätten nach bisherigem Erkenntnisstand den Standards entsprochen, sagte sie. Der Häftling sei erst am Abend vorher informiert worden, dass er am nächsten Tag in die Praxis gebracht werden sollte. Bleibt die Frage, wie seine Komplizen davon erfahren haben: Eine Telefon- oder Besuchszeit habe es abends nicht mehr gegeben, und bei der Durchsuchung seiner Zelle sei kein eingeschmuggeltes Handy gefunden worden.

Erst Ende August hatte es nebenan in Duisburg eine weitere spektakuläre Flucht gegeben. Da sägte ein wegen Einbruchsverdachts in U-Haft sitzender Mann das Fenstergitter seiner Zelle durch, hangelte sich nachts aufs Dach der JVA und kletterte dann an einem Baum herunter in die Freiheit. Er hatte sich selbst einen Spitznamen gegeben: „Spiderman“. Der 35-Jährige ist nach wie vor auf der Flucht.

Das alles, während die nordrhein-westfälische Justiz ohnehin von skandalösen Vorfällen geplagt ist. In der vergangenen Woche haben Ermittler eine Justizbeamtin auf Probe aus der JVA Geldern festgenommen. Sie soll Drogen und Handys für Gefangene in die Anstalt geschmuggelt haben. Die Frau sitzt nun selbst in Untersuchungshaft.

Hafterleichterungen gegen Schmiergeld

Auch in den Justizvollzugsanstalten Euskirchen, Rheinbach und Willich 1 hat es seit Mai Razzien wegen Korruptionsverdachts gegeben. In Rheinbach und Willich geht es ebenfalls vor allem um Vorwürfe, dass Vollzugsbeamte gegen Bezahlung Handys und Drogen eingeschleust haben sollen.

Vor allem der Euskirchener Fall sticht heraus. Die dortige JVA ist eine für den offenen Vollzug, hat also grundsätzlich schon mal lockerere Haftbedingungen als andere. Im Mai aber kam raus, wie locker einige Justizbedienstete dort mutmaßlich ihren Dienst ausüben: Acht von ihnen werfen die Ermittler vor, Hafterleichterungen gegen Schmiergeld verkauft zu haben. Sie sollen Häftlingen Scheinwohnsitze und -arbeitsstellen beschafft haben, damit sie in den offenen Vollzug kommen. Warnungen vor Zellenkontrollen gab es mutmaßlich im Abo. Häftlingen soll außerdem heimlich mehr Ausgang gewährt worden sein als erlaubt. So soll zum Beispiel ein führendes Mitglied eines Leverkusener Clans, das eine mehrjährige Haftstrafe wegen Betrugs absitzen musste, einmal in einem Rolls-Royce geblitzt worden sein – zu einer Zeit, als der Mann eigentlich in seiner Zelle hätte sein sollen. Dann stellte sich auch noch heraus, dass zwei elektronische Feuerwehr-Generalschlüssel der JVA verschwunden waren.

Und am Donnerstag berichtete der Kölner Stadt-Anzeiger dann noch über eine Aussage, die ein ehemaliger JVA-Insasse bei den Ermittlern gemacht haben soll: Demnach habe ein ehemaliger Rockerboss angeblich vorgehabt, ihn umbringen zu lassen – dafür hätte ein Bereichsleiter der JVA dem Rocker sagen sollen, wann er Ausgang habe, oder nachts seine Zellentür öffnen. Was an den Vorwürfen dran ist, wird noch ermittelt. Insgesamt laufen gegen 25 Justizbeamte aus NRW Disziplinarverfahren oder sollen demnächst anlaufen.

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