Internet-Auktionen: Das Geschäft mit dem Augenblick
Por Von Marc Hoch — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Der Bundestrainer steht für einen ganz anderen Patriotismusbegriff als die AfD. Seine Kappe aber hat etwas mit Siegmunds „Spiegel“-Cover und Tillschneiders Tasse gemeinsam: Sie wurde schnell zu Geld gemacht.
Von Marc Hoch
Als Jürgen Klopp am Donnerstag seine denkwürdige Pressekonferenz abhielt, trug er eine besondere Kappe: vorn das Zeichen des Ausrüsters in Schwarz-Rot-Gold, darunter die Losung „Einer von 83 Millionen“ – ein schöner Appell an Teamgeist und Gemeinschaft. Die Kappe machte auf Social Media sofort die Runde. Auf Linkedin schrieb jemand, er finde die „mega“, er müsse die haben – doch Klopps Kappe ist im Handel nicht zu bekommen. Nur ein paar Dutzend ließ der Bundestrainer an die Journalisten verteilen, „ein cleverer, kleiner Knappheits-Move“, wie jemand kommentierte.
Echte Engländer und Engländer ehrenhalber: Jürgen Klopps Kader und seine ersten Anmerkungen machen deutlich, welche Spielerprofile er bevorzugt – und dass sein Fußball sich deutlich von dem seines Vorgängers unterscheiden wird.
Und wie immer, wenn etwas selten ist und gleichzeitig im Zentrum der Öffentlichkeit steht, weckt das „clevere“ Fantasien. Bereits am Donnerstagnachmittag tauchte die Kappe mit dem besonderen Appell bei Ebay auf und wurde dort für annähernd 100 Euro verkauft. Sollte Adidas sie nicht bald in Serie gehen lassen, könnten demnächst weitere Exemplare zu höheren Preisen verkauft werden.
Diese Entwicklung hat es zuletzt auch bei anderen Gegenständen gegeben, die im weitesten Sinne zeitgeschichtliche Phänomene sind. Mitte August zeigte der Spiegel auf dem Cover ein Foto von Ulrich Siegmund, mit der Schlagzeile „Der gefährlichste Mann Deutschland“. Exemplare mit Autogramm des AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt wurden kurz darauf für bis zu 1000 Euro gehandelt – fast wenig im Verhältnis zu der Tasse seines Parteikollegen Hans-Thomas Tillschneider. Die wurde Anfang September breit diskutiert, nachdem Bild-Reporter Paul Ronzheimer sie im Wahlkreisbüro des sachsen-anhaltischen AfD-Abgeordneten entdeckt hatte. Auf ihr ist der rote Stern von Putins Truppe zu sehen, ein Fanartikel der Invasionsarmee also? Tillschneider jedenfalls wollte Ronzheimers Videobeitrag stoppen lassen, als dies misslang, bot er die „gefährlichste Tasse Deutschland“ bei Ebay an. Doch das Auktionshaus löschte nach seinen Angaben die Anzeige, weil die „anstößig“ gewesen sei: bei einem Stand von sage und schreibe 2288 Euro.
Der Kulturstaatsminister hat mal wieder laut darüber nachgedacht, ARD und ZDF zusammenzuschrumpfen. Warum das berichtenswert ist? Weil der Zeitpunkt dieser Aussagen pikant ist.
Es fragt sich, aus welchen Motiven Menschen Tassen, Autogramme oder Kappen zu solch unglaublichen Preisen kaufen? Bei Klopps Kopfbedeckung ist die Antwort einfach: Man will auffallen mit einem Modeartikel, den so sonst kaum jemand hat, vielleicht hat man auch Sympathie mit der Losung. Er wolle den „Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen“, sagte Klopp – und zielte damit in Richtung derjenigen, die sich eher für AfD-Devotionalien interessieren. Bevor die aber jubeln, dass Siegmunds Unterschrift 1000 Euro bringt, während ein Autogramm von Friedrich Merz schon für ein paar Euro zu haben ist, sollten sie bedenken, dass eine Autogrammkarte ein bloßer Fan- und Werbeartikel ist, während das Spiegel-Cover vielleicht schon jetzt als ein zeitgeschichtliches Dokument gelesen und deshalb höher bewertet wird. Als Beleg, wie ein Nachrichtenmagazin, im Bestreben kritisch zu berichten Wahlkampfhilfe für die AfD leistete und für deren Anhänger zu einer Trophäe wurde.
Sollten die Interessenten aber nur Geschäftemacher sein, die nach der Devise handeln: Was selten ist, wird auch selten und teuer bleiben, denen sei gesagt: Klopapier brachte im Corona-Zeitalter höchste Preise, heute kostet es fast nichts mehr. Aktuell liegt ein Spiegel-Cover mit Siegmunds Unterschrift nur noch bei 70 Euro.
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