Basketball-WM: Frankreich zeigt Deutschland die Grenzen auf
Por Von Jonas Beckenkamp, Berlin — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Nach dem furiosen Sieg gegen Belgien ist Frankreich beim 64:86 im WM-Halbfinale zu stark für Deutschlands Basketballerinnen. Der größte Erfolg einer deutschen Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft ist trotzdem noch möglich.
Von Jonas Beckenkamp, Berlin
A m Tag des WM-Halbfinals hatte sich die Hauptstadt ausnahmsweise herausgeputzt. Blauer Himmel, Berliner Lüftchen und ein Hauch Ostalgie an der East Side Gallery. Drei mit Menschen vollgestopfte Trabis waren Richtung Arena am Ostbahnhof geknattert, ein Tourismusveranstalter bietet sie allen zur Miete an, die mit Abgasnormen nicht viel am Hut haben. So begann dieser Tag, der für die deutschen Basketballerinnen ein historischer war: Noch nie zuvor war ein bundesdeutsches Nationalteam unter den besten Vier eines solchen Turniers gestanden, einzig die DDR – Stichwort Trabis – war 1967 Vierter geworden. 1967! Da war Bundestrainer Olaf Lange, ein echter Westberliner, noch nicht geboren.
Soweit die Vergangenheit. Die Gegenwart lautete: größtes Spiel in der Geschichte des deutschen Frauenbasketballs. Semifinale gegen Frankreich, nachdem die DBB-Auswahl diese WM in eine Erfolgserzählung verwandelt hatte, wie es kaum jemand antizipiert hatte. Außer vielleicht Lange, der nach dem Spektakel im Viertelfinale gegen Belgien einen seiner Standardsätze in Berlin wiederholt hatte: „Ich glaube, dass wir eine Medaillenchance haben“. Und diese haben die deutschen Frauen nach dem 64:86 (38:45) gegen die unüberwindbaren Französinnen weiterhin. Und auch wenn diesmal kein Vordringen in noch höhere Sphären gelang, wäre Bronze im Spiel um Platz drei am Sonntag (16:30 Uhr, live auf Magentasport) ein Resultat zum Einrahmen.
Zweitjüngste im Team, abgezockt ohne Ende: Frieda Bühner ist die beste Angreiferin der deutschen Basketballerinnen. Kontrollieren kann sie nicht einmal der Bundestrainer – schaffen es die Französinnen im heutigen WM-Halbfinale?
Wenn Sportteams bei wachsenden Herausforderungen ihr Leistungslevel weiter nach oben schrauben, entwickeln sie eine Aura der Unbeugsamkeit. Jenes Gefühl, dass kaum was schiefgehen kann, hatte sich auch beim DBB eingestellt, nachdem zum Turnierstart gegen Spanien alles, nun ja, schiefgegangen war. „Da hat man gemerkt, was unser Charakter ist, wir sind daran nicht zerbrochen“, hatte Flügelspielerin Alexandra Wilke erklärt. Und sie zerbrachen auch gegen Frankreich nicht, wenngleich sie dieses Mal mit Komplikationen begannen. Frankreich erwies sich als anderes Kaliber, als es zuletzt die etwas trägen Belgierinnen gewesen waren. Oder die viel zu kleinen Südkoreanerinnen.
Deutschland lag schnell zurück, doch Leonie Fiebich verwandelte ihren ersten Dreier, ein gutes Zeichen, hatte sie doch bisher im Turnier mit ihrem Wurf gehadert. Es benötigte defensive Stopps gegen die französische Angriffsshow, aber die blieben rar. Fast jeder Versuch der Bleus saß. Gleichzeitig erlebten die DBB-Frauen im Spielvortrag solchen Druck, dass mancher Ball verloren ging. Überall französische Arme und Finger, das stresste die Deutschen, die erstmals seit dem Eröffnungsspiel auch unter den Körben Gegenwehr aus der sechsten Etage erlebten. Nach dem ersten Viertel stand es bei maximalem Intensitätslevel nur 25:23 für Frankreich, Kapitänin Marie Gülich erzielte einige Treffer.
Vor den eingespielten Französinnen hatten alle gewarnt, und ja, hier trat ein Kollektiv auf, das wusste, was zu tun ist. Wo eine Handbreit Platz war, stachen sie hindurch, vor allem in Person von Gabby Williams, der vielleicht besten Spielerin bisher bei dieser WM (die am Samstag 22 Punkte erzielte, die mit Abstand meisten aller Spielerinnen). Deutschland reagierte mit Verbissenheit, aber der Rückstand wollte nicht schmelzen. Er wuchs infolge einiger Unachtsamkeiten, ehe Fiebich erneut von draußen das Ziel fand. Wurfprobleme? Nicht mehr bei Deutschland Bester.
Andere Defizite blieben: abgegebene Rebounds, Lücken in der Zone und Turnover – 24 waren es am Ende. Nach einem besonders ärgerlichen lieferten sich Luisa Geiselsöder und Alexis Peterson eine Diskussion auf dem Parkett. Es war auch ein Charaktertest, hier beisammenzubleiben. Applaus kam von einem besonders charakterfesten: Dirk Nowitzki wippte in der ersten Reihe mit, als würde er selbst gerne noch mal mithelfen. Die Suche nach Lösungen gegen Frankreichs Mauer nahmen die DBB-Frauen mit in die Kabine, 38:45 aus ihrer Sicht – und 12:2 bei den Ballverlusten.
Für einen Finaleinzug waren das eindeutig zu viele und es wurde nicht besser. Deutschland machte zu viele Fehler, Frankreich nutzte das zu einer schnellen 52:38-Führung und die zuvor im Turnier so gefährliche Frieda Bühner saß punktlos auf der Bank. Kampf war gefragt, Nyara Sabally lieferte, aufgeben galt nicht. Aber die weggeschmissenen Bälle schrieben endgültig die Geschichte des Spiels, als Bühner gleich dreimal hintereinander Pass und Dribbling verdaddelte. Und die Französinnen? Spielten cool wie beim Nachmittagszocken auf dem Freiplatz, garniert mit brettharter Defensive. 64:50 lagen sie vor dem Schlussviertel vorne.
Basketballspiele sind nicht zu gewinnen, wenn ständig der Ball abhandenkommt. Dabei hatten die Deutschen diese große Schwäche in ihrem Team im Lauf der WM in den Griff bekommen. Konnte man es ihnen jetzt vorwerfen? Es lag schon auch an Gegnerinnen, die schlicht zu gut verteidigten, so konzentriert und physisch wie noch kein anderes Team in Berlin, auch nicht die Amerikanerinnen.
Es endete trotz des deutlichen Resultats ohne Zerfallserscheinungen, das ist den deutschen Frauen hoch anzurechnen. Das war etwa bei der Viertelfinalpleite gegen denselben Gegner vor zwei Jahren bei Olympia in Paris noch anders gewesen. Und diesmal haben die Deutschen noch immer die Chance, die Heim-WM mit einem Sieg zu beenden.
Der Halbfinal-Einzug der deutschen Basketballerinnen macht die WM zur Erfolgsgeschichte. Das Nationalteam zieht seine Stärke aus der unerschütterlichen Art des Zusammenhalts – und immer neuen Protagonistinnen.
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