Todesstrafe in den USA: Wie konnte Christa Pike zwei Hinrichtungsversuche überleben?

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Todesstrafe in den USA Wie konnte Christa Pike zwei Hinrichtungsversuche überleben?

1. Oktober 2026, 14:23 Uhr |

Lesezeit: 4 Min.

Nach der gescheiterten Vollstreckung der Todesstrafe im Hochsicherheitsgefängnis Riverbend wurde Christa Pike in ein Krankenhaus gebracht.
Nach der gescheiterten Vollstreckung der Todesstrafe im Hochsicherheitsgefängnis Riverbend wurde Christa Pike in ein Krankenhaus gebracht. George Walker IV/AP/dpa

Zusammenfassung

  • Die zum Tode verurteilte US-Amerikanerin Christa Pike überlebte am Mittwochabend in Nashville zwei Injektionen mit dem Todesmedikament Pentobarbital und wurde ins Krankenhaus gebracht.
  • Das Death Penalty Information Center bezeichnete den Vorfall als „einzigartig und beispiellos“, da bisher niemand die Todesmedikamente überlebt hatte.
  • Gouverneur Bill Lee ordnete eine externe Überprüfung des Falls an und erklärte, eine weitere noch ausstehende Hinrichtung in diesem Jahr werde nicht vollzogen.

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Die US-Amerikanerin sollte mit dem Medikament Pentobarbital hingerichtet werden, doch sie überlebte zwei Giftspritzen. Der Fall ist einzigartig. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Claudia Fromme und Felix Hütten

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Weshalb saß Christa Pike in der Todeszelle?

Die heute 50 Jahre alte US-Amerikanerin war 1996 für den Mord an einer Bekannten zum Tode verurteilt worden. Sie war 18 Jahre alt, als sie gemeinsam mit zwei weiteren Teenagern das Opfer in einem abgelegenen Gebiet nahe der University of Tennessee in Knoxville folterte und tötete. Pike soll Teile des Schädels an sich genommen haben, ihr Freund dem Opfer Colleen Slemmer ein Pentagramm auf die Brust geritzt haben. Nach Angaben der New York Times war Pike im Gefängnis wegen einer diagnostizierten bipolaren Störung in Behandlung. Ihre Anwälte machen das für den Gewaltausbruch vor 30 Jahren mitverantwortlich. Kritiker des Todesurteils führten an, dass sie nicht nur Täterin, sondern auch Opfer gewesen sei. Als Kind wurde Pike ihren Verteidigern zufolge vernachlässigt und sexuell missbraucht. Sie sei psychisch versehrt und schwer krank.

Was geschah am Abend der geplanten Hinrichtung?

Nach 30 Jahren im Todestrakt sollte Pike am Mittwochabend (Ortszeit) in Nashville hingerichtet werden. Bereits die Stunden davor waren dramatisch: Zunächst verfügte ein Berufungsgericht einen Vollstreckungsstopp, doch das Oberste US-Gericht setzte diesen wieder außer Kraft. Die Hinrichtung wurde eingeleitet – und misslang. Zeugen berichteten nach Angaben von Pikes Anwälten, „dass die Vollstrecker beide Spritzen mit den tödlichen Chemikalien injiziert hätten und Pike noch am Leben sei und schnarche“. Nach Angaben ihrer Anwälte war sie noch bei Bewusstsein und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Ihr derzeitiger Gesundheitszustand ist unklar. Sie ist die erste Frau seit 1819, die im US-Bundesstaat Tennessee hingerichtet werden sollte.

Was ist Pentobarbital und wie wirkt es?

Nach Medienberichten soll bei dem aktuellen Fall – wie auch schon in der Vergangenheit – das Medikament Pentobarbital genutzt worden sein, um die Frau hinzurichten. Pentobarbital ist ein Narkose- und Schlafmittel, das im zentralen Nervensystem wirkt. Bei geringer Dosis werden Menschen schläfrig und trüben ein. Bei hoher Dosierung kommt es zum Blutdruckabfall, zu Atem- und Herzstillstand – und damit letztlich zum Kreislaufversagen und den Tod durch Sauerstoffunterversorgung der Organe.

Das Mittel wurde früher in der Humanmedizin als Schlafmittel eingesetzt. Weil es schwer korrekt zu dosieren ist und bei einer Überdosierung schnell tödlich wirkt, kommt es heute in Deutschland fast nur noch in der Tiermedizin zum Einsatz. Doch Pentobarbital steht immer wieder in den Schlagzeilen, nicht nur wegen der Vollstreckung von Todesstrafen in den USA. In Deutschland und der Schweiz hat das Mittel Bekanntheit erlangt durch die Debatte um den assistierten Suizid. Es gilt als Option für Menschen mit Sterbewunsch, die sich das Mittel dann selbst verabreichen.

Was passiert, wenn das Mittel falsch dosiert oder nicht in die Vene gespritzt wird?

Warum Christa Pike die Hinrichtung zunächst überlebt hat, ist unklar. Eine offizielle Erklärung der Gefängnisärzte steht aus. In sozialen Netzwerken und US-Medien wird diskutiert, dass die Ärzte womöglich das Mittel falsch dosiert oder nicht korrekt appliziert haben. Um eine tödliche Wirkung zu erzielen, muss das Mittel über eine Vene oder die Magenschleimhaut in die Blutbahn geraten. Wird das Mittel versehentlich in Muskel- oder Fettgewebe gespritzt, kann das die Wirkung abschwächen oder verzögern. Wird die letale Dosis unterschritten, kann es dennoch durch Blutdruckabfall und Atemaussetzern zu schweren Schäden im Gehirn kommen. Derzeit ist unbekannt, ob und welche Schäden die Frau erlitten hat.

Christa Pike bei einer Anhörung im Jahr 2007.
Christa Pike bei einer Anhörung im Jahr 2007. J. Miles Cary/Knoxville News Sentinel/USA Today Network/Reuters

Warum gab es keine dritte Injektion?

Im Vollstreckungsprotokoll des US-Bundesstaates Tennessee ist nach Angaben der Nachrichtenagentur AP festgelegt, wie eine Hinrichtung ausgeführt werden muss. Wenn die zum Tode verurteilte Person nach einer Giftspritze nicht stirbt, kommt demnach eine zweite Dosis zur Anwendung. Für den Fall, dass die Person auch danach noch lebt, enthält das Protokoll keine Regelung.

Gibt es andere Fälle, in denen eine Hinrichtung misslang?

Das Death Penalty Information Center, das in den USA Daten zu Hinrichtungen und Todesurteilen auswertet, bezeichnete den Vorfall als „einzigartig und beispiellos“. Zwar hätten bereits mehrere Menschen Hinrichtungsversuche überlebt, weil kein Zugang zu einer Vene gelegt werden konnte. Aber dass jemand die Todesmedikamente überlebt, habe es bisher nicht gegeben. Das Tennessee Department of Correction erklärte am Mittwoch, dass es sich Schritt für Schritt an den vorgegebenen Prozess des Vollstreckungsprotokolls gehalten habe. Noch im Mai musste im US-Bundesstaat Tennessee, wo auch Christa Pike zum Tode verurteilt worden war, eine Hinrichtung abgebrochen werden. Bei dem dreifachen Mörder Tony Carruthers scheiterte der Versuch, die entsprechenden Zugänge zu legen. Der Gouverneur von Tennessee, Bill Lee, gewährte ihm einen vorübergehenden einjährigen Aufschub von der Hinrichtung.

Wie oft scheitern Hinrichtungen?

Das Death Penalty Information Center zitiert den Rechtswissenschaftler Austin Sarat, der missglückte Exekutionen in den Jahren 1890 bis 2010 untersucht hat. Er dokumentierte 8776 Hinrichtungen, von denen 276 misslungen sind. Sarats Auswertung der Fälle zeigt für Giftinjektionen eine Quote von 7,2 Prozent, beim Tod auf dem elektrischen Stuhl 1,92 Prozent. Beide Methoden können extrem grausam sein und heftige Schmerzen verursachen, weshalb Kritiker beide als unmenschlich erachten.

Aufsehen erregte in der Vergangenheit vor allem die misslungene Hinrichtung von Clayton Lockett im Bundesstaat Oklahoma im Jahr 2014. Der Mörder hatte 43 Minuten nach der Injektion mit dem Tod gerungen, bis er an einem Herzinfarkt starb. Die Vollstrecker hatten davor fast eine Stunde lang erfolglos versucht, eine Vene für den Zugang zu finden. Zudem soll eine Substanz verabreicht worden sein, die zuvor nicht zum Einsatz gekommen ist. Viele Hersteller derartiger Substanzen weigerten sich damals, US-Gefängnisse oder US-Justizbehörden zu beliefern. Daher werden zunehmend zweifelhafte und wenig erprobte Substanzen benutzt. Der Fall hatte die Debatte um die Todesstrafe erneut befeuert.

Wird es einen weiteren Versuch geben?

Gouverneur Bill Lee ordnete noch am Mittwoch eine umfassende externe Überprüfung des Falls an. Die eine noch anstehende Hinrichtung in diesem Jahr werde nicht vollzogen, erklärte er. Ob und wann es bei Pike einen weiteren Versuch gibt, ist offen. Ihre Anwälte haben bislang nicht über ihr weiteres Vorgehen gesprochen. Es gab in den USA bereits zweite Hinrichtungsversuche. Im Fall Willie Francis erlaubte der Supreme Court 1947 einen zweiten Versuch, nachdem der elektrische Stuhl versagt hatte. In Ohio machten Gerichte den Weg frei für eine neue Exekution im Fall Romell Broom nach einem abgebrochenen Versuch von 2009. Er starb 2020 an Covid-19, bevor es dazu kam.

Die USA sind der einzige westliche Industriestaat, der noch Hinrichtungen durchführt. Das Death Penalty Information Center führt aktuell 27 US-Bundesstaaten mit Todesstrafe auf und 23 ohne.

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