Tanz: Eine Blamage für die Kulturpolitik
Por Von Dorion Weickmann — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
Lesezeit: 3 Min.
In Wuppertal wird es eng für das Pina-Bausch-Zentrum. In Köln soll die Spielstätte Depot statt an die Freie Szene an einen Musical-Betreiber gehen, und in Berlin darbt das Festival „Tanz im August“. Euer Ernst?
Von Dorion Weickmann
Wer derzeit ein Investitionsprojekt mit Tanz-Relevanz laufen hat, der braucht im Westen der Republik gute Nerven. Zum Beispiel in Wuppertal. Dort wird seit mehr als einem Jahrzehnt über die Ausgestaltung des Pina-Bausch-Zentrums (PBZ) verhandelt, das im Geist der 2009 verstorbenen Tanztheater-Doyenne als offene Plattform geplant ist: als gemeinsames Dach für Compagnie, Archiv und Pina-Bausch-Stiftung, für ein partizipatives Bürgerforum und Gastkünstler mit eigenen Produktionen. Standort ist das denkmalgeschützte, bereits in Sanierung befindliche Schauspielhaus. Als Erweiterung soll direkt daneben elegante High-End-Architektur nach Entwürfen des New Yorker Büros Diller Scofidio + Renfro entstehen. Alles schick – wäre da nicht die finanzielle Klemme.
Denn Wuppertal steht wegen budgetären Defizits unter Haushaltssicherung, voraussichtlich bis 2036. Solange wird die Düsseldorfer Bezirksregierung ein Auge auf Einnahmen und Ausgaben werfen und die kommunale Handlungsfreiheit limitieren – Devise: Alles muss auf den Prüfstand.
Wuppertal ist kein Einzelfall, aber seine Finanznot fällt zusammen mit einer jüngst errechneten Kostensteigerung für das PBZ: Unter Einbeziehung eines sogenannten Risikozuschlags könnte das Projekt statt der bislang veranschlagten rund 160 Millionen mehr als 220 Millionen Euro kosten. Wolfram Weimer, der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM), denkt nicht daran, über den bislang zugesagten Betrag von gut 37 Millionen Euro hinaus Geld hinzulegen. Obwohl Pina Bauschs einzigartige Kunst de facto nationales Kulturgut mit internationalem Marktwert ist. Die Gastspiele des Tanztheaters sind ein weltweiter Exportschlager, bis heute.
Die seit Jahren unermüdlich dicke Bretter bohrende Leiterin der baubedingten PBZ-Vorlaufphase, Bettina Milz, wehrt sich in der SZ gegen die „gebetsmühlenartige Totsagung“ des Zentrums. Seit Juni hat sie immerhin einen beredten, am Telefon erstaunlich gut gelaunten Mitstreiter: Hagen Lippe-Weißenfeld, Wuppertals neuen Kulturdezernenten. Der kommt aus der freien Wirtschaft und ist überzeugter Anhänger des PBZ. Die fiskalische Herausforderung nimmt er als „Hausaufgabe“ und beabsichtigt, sie mit vier Modellen – mutmaßlich: Kürzungsvarianten – zu lösen. Im Dezember soll der Stadtrat entscheiden. Lippe-Weißenfeld ist sich sicher: „Von den vier Varianten wird es mindestens eine geben, die – vorbehaltlich der Finanzierbarkeit – realistisch umsetzbar ist.“
Vor der naheliegenden Einsparung des Neubaus warnt wiederum der Bausch-Experte Stefan Hilterhaus, der das Konzept für das Bausch-Zentrum federführend entwickelt hat: Damit riskiere Wuppertal die gesamte „institutionelle Erfindung“, die offene Räume für Kunst und Gesellschaft schaffen will.
Ein derartiges Debakel ereignet sich gerade in Köln. Zuerst hat die Stadt die Neugründung einer kommunalen Tanzsparte in den Sand gesetzt, nachdem sie in aufwendigen Auswahlverfahren mit der Choreografin Marlene Monteiro Freitas eine renommierte Leitungskandidatin kürte – und dann plötzlich das ganze Unternehmen abblies. Jetzt scheitert auch die Alternativlösung: die geplante Kooperation von Freier Szene und Schauspiel an einem festen Ort, dem Depot 2 in Köln-Mülheim, das in den vergangenen 13 Jahren dem Schauspiel bis zum Wiedereinzug in das sanierte Theater am Offenbachplatz als Interimsquartier diente. Die Stadt ist aktuell mit 811 Millionen Euro im Haushaltsminus – Tendenz steigend. Also wird diskutiert, den zweiteiligen Depot-Komplex nicht nur teilweise, sondern zur Gänze an den Kölner Musical-Betreiber Frank Blase zu vermieten.
14 statt drei Jahre Bauzeit, 1,5 Milliarden Euro Kosten statt 253 Millionen: Nach einem Kosten- und Planungsdesaster ist die Sanierung des Schauspiels Köln abgeschlossen. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Oder?
Vor ein paar Jahren war der Kölner Kulturdezernent Stefan Charles noch ebenso guter Dinge wie sein Kollege im benachbarten Wuppertal. Heute ist davon nichts mehr zu spüren; im Gespräch verweist Charles auf komplett minimierte Handlungsspielräume. Nach dem kostenexplosiven Baumarathon, zu dem sich die Sanierung der Kölner Bühnen am Offenbachplatz auswuchs, sind drei Millionen Euro für ein interdisziplinäres Produktionshaus scheinbar nicht mehr drin. Der Musical-Produzent Blase will die Freie Tanz- und Performanceszene mit zehn Millionen Euro und fünfzehn kostenfreien Spielterminen pro Jahr befrieden. Doch die Stimmung in der qualitativ gut aufgestellten Szene, die seit Ewigkeiten ohne feste Strukturen und verlässliche Ankerinstitutionen arbeitet, schwankt zwischen Wut und Verzweiflung.
Auf Nachfrage der SZ fordert die Choreografin Rafaële Giovanola, designierte Trägerin des Deutschen Tanzpreises 2027, eine „verbindliche politische Entscheidung für einen dauerhaft gesicherten Produktions- und Aufführungsort der Freien Szene“. Franziska Werner, Leiterin des NRW-Festivals „Impulse“ für Performance, Theater und Tanz, beklagt „die Visionslosigkeit der Kölner Kulturpolitik“. Die gefeierte Tanzmacherin Elsa Artmann unterstreicht „Radikalität und Feinsinn“ der Freien Szene, die „kein Musical-Blockbuster mit vagem feministischen Anstrich ersetzen kann“.
Stefan Charles will Fachgespräche führen, weitere Einsparungen verhindern und belastbare Alternativen erkunden. Ob das bis zur Ratssitzung im Dezember gelingt, steht in den Sternen. Bis auf Weiteres droht eine Blamage erster Ordnung für Köln, den einstigen Hotspot von Ballett und Tanz.
In Schieflage geraten könnte übrigens auch die Berliner Tanzarithmetik. Der Hauptstadtkulturfonds, der das international strahlkräftige Festival „Tanz im August“ alimentiert, stagniert bei 15 Millionen Euro. Das BKM gibt sogar zwei Millionen weniger in den Topf als bisher. Kultur fällt dem Grundsatz nach in die Verantwortung der Länder. Aber die kommunale Finanzmisere resultiert nicht zuletzt aus einer Bundesgesetzgebung, deren Folgekosten an Ländern und Gemeinden hängen bleiben. So gesehen wäre es ein Gebot der Fairness, dass Wolfram Weimers Behörde kulturelle Leuchttürme nachhaltiger und flexibler unterstützt. Und das nicht nur in Wuppertal und Berlin.
Viel Kulturkampf, wenig Ertrag: Der Start von Wolfram Weimer als Kulturstaatsminister verlief holprig. Nun cruist er auf dem Roller durch Bayreuth und sucht auf roten Teppichen nach einem neuen Image. Kann das gelingen?
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