Schulbeginn in Bayern: Kultusministerin Anna Stolz: „Wir haben die Unterrichtsversorgung sichergestellt“
Por Von Maximilian Gerl — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Am Dienstag geht in Bayern wieder der Unterricht los: mit neuen Prüfungsformaten, Ideen für die Mittelschulen und einem Handyverbot. Ein Bündel an Maßnahmen soll den Schulen „neue Impulse“ bringen.
Von Maximilian Gerl
Den „positiven Ausblick“ hat sich Anna Stolz fürs Ende aufgehoben. Gut 45 Minuten dauert da die Pressekonferenz schon, teils mit Themen, die nicht nur für eine bayerische Kultusministerin unerfreulich sein können: Es ging unter anderem um die neueste Pisa-Studie und die für Deutschland miserablen Bildungsergebnisse; es ging um den Stellenstopp bei Bayerns Lehrkräften; es ging um die Auswüchse von Social Media auf junge Menschen und die Frage, was Schule hier eigentlich zu leisten vermag. Sie wolle „die Rahmenbedingungen nicht schönreden“, sagt Stolz (FW). „Das Stellenmoratorium kostet viel Kraft.“
Aber, mit Blick voraus, auf Dienstag, wenn in Bayern wieder der Unterricht beginnt: Trotz aller Herausforderungen sei man stabil fürs neue Schuljahr aufgestellt. „Wir haben die Unterrichtsversorgung sichergestellt.“
Diesen Satz hat man so und so ähnlich schon in anderen Jahren und von anderen Kultusministern gehört. Alles wie immer also, so kurz vor dem Schulstart? Nicht ganz. Stolz will diesmal „neue Impulse“ für die Bildung setzen, so steht es im Titel der Mitteilung, die nach der Pressekonferenz ausgehändigt wird: unter anderem mit einer Weiterentwicklung der Mittelschulen, einem Handyverbot und neuen Prüfungsformaten. Oder wie Stolz letzteres formuliert: Es soll künftig mehr Möglichkeiten geben, „Leistung zu zeigen“.
Dazu hat die Ministerin an diesem Freitag ins Gymnasium München-Nord geladen und zwei Schulleiter mitgebracht, die für die neuen Prüfungsformate beziehungsweise die Mittelschule werben sollen. Jenseits des Schulzauns erstreckt sich das Forschungs- und Entwicklungszentrum von BMW und gibt zugleich Ausblick, wohin einen die Bildung, die man diesseits des Zauns genießt, vielleicht später bringen kann. Allerdings war die Stimmung im Autobau schon mal besser. Und im Bildungsbereich auch. Wegen des Stellenmoratoriums, das die Staatsregierung Anfang des Jahres mit Verweis auf die angespannte Haushaltslage verkündet hatte, diese Woche aber vor allem wegen der Pisa-Ergebnisse. Die Studie lässt zwar keinen Schluss zu, wie sich im Vergleich speziell Bayern schlägt. Trotzdem werden unter den 6700 Jugendlichen, die bundesweit bei Pisa mitgemacht haben, auch ein paar aus dem Freistaat gewesen sein.
Entsprechend nachdenklich äußerte sich zuletzt die Schulfamilie. Der Bayerische Philologenverband regte an „über einen Zusammenhang der seit 2018 absinkenden Pisa-Ergebnisse mit der Smartphone-Nutzung von jungen Menschen nachzudenken“. Der Bayerische Realschullehrerverband teilte mit, eine Trendwende könne nur mit „einer vorausschauenden Personalpolitik“ gelingen: „Die Staatsregierung hat mit ihrem Stellenstopp in diesem Jahr das völlig falsche Signal gesetzt.“ Und der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband fragte, ob es in der Bildungspolitik beim „Klein-Klein“ bleibe.
Gerade der Lehrermangel ist ein Dauerthema. Der Vorgänger von Ministerin Stolz, Michael Piazolo (FW), setzte eine Quereinsteiger-Kampagne auf, Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wollte Lehrkräfte aus anderen Bundesländern abwerben. Stolz kennt also die Kritik, die mit dem Stellenmoratorium verbunden ist. Aber: „Wir hatten in den letzten Jahren kein Stellenproblem, sondern ein Köpfeproblem“, sagt sie am Freitag. Außerdem würden Stellen, die etwa altersbedingt frei würden, weiterhin nachbesetzt, 4100 Lehrkräfte stelle man dieses Jahr ein. Dazu kämen rund 5000 Menschen im Vorbereitungsdienst, ein „Höchstwert“.
Trotzdem herrscht Personalmangel, mancherorts weniger – wie an den Grundschulen, andernorts mehr – wie an den Mittelschulen. Dazu kommt, dass eine steigende Zahl an Kindern und Jugendlichen unterrichtet werden will. Ihre Zahl ist für dieses Schuljahr um gut 20 000 auf 1,8 Millionen gestiegen. Unter ihnen befinden sich 132 000 Erstklässler, 1,9 Prozent mehr.
Jahrelang fehlten Betreuungsplätze. Und jetzt? Gibt es zu viele. In Bayern schrumpfen Krippengruppen, manche Häuser sperren ganz zu. Ein Besuch in der Kita „Sonnenschein“ in Leipheim, wo es schon still geworden ist.
Die Idee im Kultusministerium lautet deshalb, verkürzt: die Schulen stärken, aber so, dass das möglichst keine knappen Personalressourcen kostet. Eine Maßnahme unter vielen sind „mehr innovative Prüfungsformate“, wie Stolz sie nennt. Das Instrumentarium aus Schulaufgaben und Tests bleibt demnach bestehen. Die Schulen sollen aber mit diesem Schuljahr auch Projekte, Debatten, Podcasts oder Videos rechtssicher als Leistungsnachweise nutzen können. In Deutsch könnten also die Schüler nicht nur Aufsätze schreiben, sondern „prozessorientierte Deutschaufgaben“, sprich: Sie verfassen erst einen Entwurf, den die Lehrkraft mit Feedback versieht. Daraus entsteht dann eine Endfassung, benotet wird alles zusammen.
Solche Neuerungen seien wichtig, sagt auch Schulleiter Marco Korn vom Friedrich-Koenig-Gymnasium in Würzburg. Dort erarbeite gerade jeder Fachbereich etwas Passendes, in den Fremdsprachen teste man zum Beispiel Gespräche mit einem KI-Avatar. Die Herausforderung werde sicher, dass solche Prüfungsformate mehr Zeit benötigten, aber: „Gute Ergebnisse entstehen häufig nicht beim ersten Versuch.“
Ein weiterer Fokus liegt auf den Mittelschulen, damit deren Schüler idealerweise mehr Zeit haben, um ihre Talente zu entdecken. „Manchmal gelingt Schule dort besser, wo sie gar nicht nach Schule aussieht“, sagt Rektor Markus Scharrer von der Mittelschule Weißenburg dazu. Niemand solle das Gefühl haben, „den Anschluss zu verpassen“, sagt Ministerin Stolz. Damit das bestenfalls gelingt, bekommen die Mittelschulen eine „flexible Stundentafel“. Bei dieser entscheiden die Schulen, ob sie einzelne Kinder oder ganze Klassen mit bis zu zwei Wochenstunden extra in Deutsch, Mathe oder Englisch fördern. Außerdem soll das „jahrgangsübergreifende Lernen“ generell möglich werden. Dabei durchlaufen Kinder mit besonderen Förderbedarfen die fünfte und sechste Mittelstufenklasse in drei Jahren gemeinsam, ohne dass das dritte Jahr auf die Regelschulzeit aufgerechnet wird.
Weitere Maßnahmen zielen auf Entbürokratisierung, Lehrkräfteförderung oder Medienkompetenz. Der souveräne wie sichere Umgang mit digitalen Medien gilt längst als eigene Kulturtechnik, neben Lesen, Schreiben und Rechnen. Nicht selten scheitern auch die Erwachsenen an ihr. „Digitale Balance“ haben sie im Ministerium die dazugehörige Agenda genannt. Sie sieht vor, die Plattform „Digitalkompass.Schule“ auszubauen – und ein Handyverbot. Von Dienstag an ist in der Schule allen Kindern bis einschließlich der siebten Jahrgangsstufe die private Smartphone-Nutzung untersagt.
Was bleibt: ist vorerst trotzdem die Diskussion ums Stellenmoratorium und das schlechte Pisa-Ergebnis. Auf beides werden etwa die Landtags-Grünen im Anschluss an die Pressekonferenz hinweisen. „Wer die Grundrechenarten beherrscht, weiß: mehr Kinder und weniger Lehrkräfte – das geht nicht auf“, teilt Gabriele Triebel mit, Fraktionssprecherin für Bildung. Darunter litten am Ende die Kinder, die Schulen und die Chancengerechtigkeit. Nötig seien deshalb 2000 zusätzliche Lehrkräfte für dieses Schuljahr, einen großen Teil davon an den Mittelschulen.
Die werden aber wohl nicht so schnell kommen, zumindest nicht von ganz allein. Gleiches gilt für die Pisa-Wende. „Wir haben uns schon auf den Weg gemacht“, sagt Stolz. Aber für eine Trendumkehr brauche man einen „langen Atem“.
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