Neues Buch über Michael Schumacher: „Außerirdisch, nicht menschlich“
Por Von René Hofmann — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Wie ist es, sich mit Michael Schumacher zu messen? Was Nico Rosberg, Sebastian Vettel und andere deutsche Rennfahrer über den Ausnahmesportler zu erzählen haben – und wie Bruder Ralf und Sohn Mick ihn erleben.
Von René Hofmann
I nzwischen ist es fast 14 Jahre her, dass Michael Schumacher sein letztes Formel-1-Rennen bestritten hat: Nach dem siebten Platz im Mercedes beim Großen Preis von Brasilien 2012 stieg er endgültig aus. Sein letzter WM-Titel liegt mehr als zwei Jahrzehnte zurück: Er feierte ihn im Sommer 2004 mit Ferrari. Schumachers Glanzzeit ist Vergangenheit, verblasst ist sie nicht. Die Zahl der Veröffentlichungen, die sich mit ihm beschäftigen, belegt das.
Seit er bei einem Skiunfall 2013 in den französischen Alpen schwere Kopfverletzungen erlitt, ist Schumacher, mittlerweile 57, nicht mehr in der Öffentlichkeit zu erleben. Er selbst spricht also nicht mehr für oder über sich. In einem bemerkenswerten Buch tun das nun andere: „Über Michael Schumacher und die deutsche Ära in der Formel 1“ heißt das Werk, das der Verlag Edel Sports herausgibt – und der schlichte Name ist Programm. Auf mehr als 300 Seiten kommen sieben Rennfahrerkollegen zu Wort, die – jeder auf seine Art – den siebenmaligen Weltmeister erlebt haben oder mit ihm verbunden sind.
Heinz-Harald Frentzen, 59, Ralf Schumacher, 51, Nick Heidfeld, 49, Nico Rosberg, 41, Sebastian Vettel, 39, Nico Hülkenberg, 39, und Mick Schumacher, 27, haben sich ausgiebig Zeit genommen, um mit dem langjährigen Spiegel-Journalisten Alfred Weinzierl zu reden. Jeder für sich. Jeder auf seine Art. Jeder mit einer eigenen Perspektive auf den Ausnahmesportler, neben oder nach dem sie selbst in den Sport strebten.
Eine neue Doku über Michael Schumacher konzentriert sich auf die Formel-1-Saison 1994, als er zum ersten Mal Weltmeister wurde. Am spektakulärsten ist, wie offen und ausführlich sich Corinna Schumacher äußert.
Weinzierl kennt sich aus: Er hat Schumachers Aufstieg und den Formel-1-Boom, den dieser in Deutschland auslöste, beruflich begleitet. Und er ist ein Erzählkönner: Er stellt die richtigen Fragen, lässt jedem seiner Gesprächspartner genügend Raum, auch über sich selbst zu reden, und erklärt zwischen den Wortlautpassagen wohltuend schnörkellos, was Nichtfans über die Sportart vielleicht nicht wissen.
Das Ergebnis ist überzeugend: Durch das, was die sieben Protagonisten erzählen, und wie unterschiedlich ein jeder seine Perspektive vorträgt, entsteht nicht nur ein spannendes Schumacher-Mosaik. Kontrastreich werden auch die unterschiedlichen Charaktere der sieben Befragten herausgearbeitet. In der Gesamtschau ergibt sich ein Bild einer einzigartigen Sportepoche, das so noch nie gezeichnet wurde.
Von den 23 WM-Titeln, die von 1994 bis 2016 in der Formel 1 vergeben wurden, gingen zwölf an Deutsche (sieben an Schumacher, vier an Vettel, einer an Rosberg). Von 1995 bis 2006 gab es jedes Jahr zwei Rennen in Deutschland. 2010 traten sieben deutsche Fahrer in der Serie an. Das Schumacher-Phänomen war mehr als bloß ein Phänomen Schumacher.
Für den Leser am spannendsten wird das Buch dort, wo Schumachers Rivalen in der Rückschau die Masken fallen lassen und Einblicke gewähren, die sie in der aktiven Zeit tunlichst vermieden. Zum Beispiel, wenn Nico Rosberg aus der gemeinsamen Zeit bei Mercedes erzählt, wie Schumacher ihn in den Meetings mit den Ingenieuren schnitt („nicht ein einziges Mal meinen Namen genannt“). Wie Schumacher ihm die Startnummer drei abschwatzte („Ich bin abergläubisch. Ich fahre nur mit ungeraden Startnummern.“). Das brachte Schumacher, wenn im Qualifying nicht gefahren wurde, um Reifen zu schonen, einen Vorteil in der Startaufstellung, weil die niedrigere Startnummer dann vorn parkte.
„Mind Games ohne Ende“ fanden statt, berichtet Rosberg: etwa das Abstellen des Privatautos, sodass es mit zwei Rädern halb auf dem Parkplatz des Teamkollegen steht. Das habe ihn genervt „ohne Ende“, gibt Rosberg im Rückblick freimütig zu, er schildert aber auch, wie derlei ihm half, selbst zum Champion zu reifen. Schumachers als Kind im Go-Kart entwickeltes Fahrgefühl sei mehr als außergewöhnlich gewesen. „Außerirdisch, nicht menschlich“, urteilt Rosberg.
Sebastian Vettel, der nach seinen Titeln bei Red Bull Schumacher nacheifern und Ferrari an die Spitze führen wollte, führt aus, wieso das Projekt aus seiner Sicht auch scheiterte: „In jener Zeit hat mir Michael gefehlt. Es wäre nützlich gewesen, seine Erfahrungen zu hören. Vor allem zur Teamkonstellation, zur Aufgabenverteilung. An welchen Entscheidungen im Hintergrund er beteiligt war, so was hätte mir geholfen.“
Mick Schumacher erzählt, welche Rolle sein Vater bei seinem Einstieg in den Motorsport spielte, wie dessen Skiunfall seine Karriere beeinflusste und an welchen Wegmarken dort ihm dann der väterliche Einsatz fehlte. Den Punkt streift auch Ralf Schumacher. Über Mick Schumachers Chef beim Haas-Team, den Südtiroler Günther Steiner, der mit seiner cholerischen Art in der Netflix-Dokumentation „Drive to Survive“ herausstach, sagt er: „Ich war schon sehr enttäuscht, wie er als erwachsener Mann und auch als Vater so extrem verantwortungslos mit jungen Menschen umgehen kann.“
Steiner ist inzwischen als Formel-1-Experte für RTL aktiv, Ralf Schumacher für Sky. Nico Hülkenberg geht als einziger deutscher Fahrer an den Start – für das Audi-Team, neben Mercedes die zweite deutsche Marke in der Serie. Der bisher letzte Große Preis von Deutschland fand 2019 auf dem Hockenheimring statt. Wie das, was ist, mit dem zusammenhängt, was war: Das Buch erklärt es – und das vielschichtiger als die meisten Dokus.
Alfred Weinzierl: „Über Michael Schumacher und die deutsche Ära in der Formel 1“. 320 Seiten. Edel Sports. 29,90 Euro.
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