Missbrauchsstudie zum Papst-Internat: Wenn Kirchenmänner ihren Zöglingen das Leben zur Hölle machen

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Por Von Matthias Köpf, Traunstein — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

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Eine neue Missbrauchsstudie über das Seminar St. Michael in Traunstein zeigt auf, wie diese Einrichtung für manche Zöglinge zu einem Ort körperlicher, seelischer, sexueller und spiritueller Gewalt werden konnte.

Von Matthias Köpf, Traunstein

D runten in der Stadt, außerhalb der Mauern dieser geschlossenen Welt, haben die Menschen das wuchtige Gebäude mit dem kreuzförmigen Grundriss immer gern das „Priesterseminar“ genannt. Gestimmt hat das nie, obwohl die Katholische Kirche im Studienseminar St. Michael seit 1929 Nachwuchs für ihren Klerus heranziehen wollte.

Doch es waren keine erwachsenen Männer, die hier auf den Kirchendienst vorbereitet wurden. Sondern Kinder und Jugendliche, die in der Stadt das staatliche Chiemgau-Gymnasium besuchten und im Seminar oben auf dem Hügel ihre Nachmittage, Abende und Nächte verbrachten – so wie 1939 der junge Joseph Ratzinger, der viele Jahre später zu Papst Benedikt XVI. werden und Traunstein seine „Vaterstadt“ nennen sollte.

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Viele der Zöglinge von einst haben das Seminar als Ort von Freundschaft, Zusammenhalt, Spiritualität und Geborgenheit erlebt. Andere erlebten das Gegenteil. Ihnen haben die Kirchenmänner das Leben hier fast zur Hölle gemacht. So geht es aus einer Studie hervor, mit der das Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik die Gewalt- und Missbrauchserfahrungen ehemaliger Seminaristen aus den Jahren 1960 bis 1990 aufgearbeitet hat. Am Donnerstag haben die Sozialwissenschaftler ihre Studie zusammen mit Betroffenen und mit heutigen Kirchenvertretern in Traunstein vorgestellt.

Mit 34 ehemaligen Seminaristen haben Judith Dubiski und Marius Hilkert für ihre Studie mit dem Titel „Wenn du mitläufst, dann geht es…“ teils längere und sehr persönliche Interviews geführt, drei weitere wollten ihre Erlebnisse lieber schriftlich schildern. Dazu kamen Gespräche mit sechs ehemaligen Angestellten. Auch Briefe und Dokumente wie Personalakten haben die Wissenschaftler ausgewertet.

Das Bild, das sie aus all dem zusammengesetzt haben, zeigt neben positiven Erfahrungen von Seminaristen auch verschiedene Formen von Gewalt. Von psychischer, körperlicher, sexualisierter und auch von spiritueller Gewalt, bei der Kirchenmänner wie manche Seminarleiter ihre Macht und ihre religiöse Deutungshoheit missbraucht und ihre Zöglinge so in Gefühle von Angst, Schuld, Scham und Sünde gestürzt und in tiefe seelische Krisen getrieben haben. „Die Angst vor der Hölle hat halt immer irgendwo mitgespielt, und es wurde einem auch klargemacht“, sagte ein Seminarist aus den 1970-er Jahren den Studienautoren.

Drohungen, kollektive Bestrafungen für echte oder vermeintliche Verfehlungen Einzelner und eine erniedrigende Behandlung bestimmter Jungen waren laut der Studie einst keine Seltenheit im Seminar. Oft traf es solche Buben, die wenig oder gar keine Berufung zum Geistlichen erkennen ließen.

Georg Rieperdinger war seit den späten 1970-er Jahren ein solcher Schüler. Er habe sich „in der ganzen Zeit nicht wirklich wohlgefühlt“, sondern sich „als sehr entwertet, sehr infrage gestellt erlebt“, sagt Rieperdinger bei der Vorstellung der Studie. Er hat seine Erfahrungen über Jahrzehnte mit sich herumgeschleppt und wurde erst von 2016 an der wenigen Ehemaligen, die sich daran machten, das Erlebte für sich und andere öffentlich aufzuarbeiten.

Dabei kam einiges zutage: Die angeblichen Seelsorger von damals verletzten nicht nur die Seelen der Jungen wie bei Georg Riperdinger. Auch Ohrfeigen, Kopfnüsse oder Schläge auf den Hinterkopf verabreichten manche Geistlichen ihren Schutzbefohlenen immer wieder. Kinder wurden zum Essen gezwungen und mussten schlimmstenfalls ihr eigenes Erbrochenes wieder zu sich nehmen.

Einige Missbrauchsfälle mit sexueller Komponente, die von außen betrachtet als die schwerwiegendsten erscheinen, sind bereits öffentlich bekannt geworden, nachdem sich Betroffene an die SZ gewendet hatten und 2020 ein erster Artikel erschienen war. Johannes Koch hat nach eigenen Worten 1985 sexuelle Gewalt erlebt – nicht von direkten Mitarbeitern im Seminar, sondern von einem Franziskaner-Minoriten aus Maria Eck, einem Kloster, das damals in engem Kontakt mit dem Seminar stand und Einkehrtage oder Gottesdienste gestaltete.

Bei dem jungen und von etlichen Ehemaligen als charismatisch beschriebenen Klosterbruder hatte Koch Hilfe, Trost und Rat gesucht für sich und für einen gleichaltrigen Freund, dem es äußerst schlecht gegangen war in St. Michael. Heimlich tranken und rauchten sie zusammen. „Lass meinen Buben zu deinem Buben nei“, hat der Mönch dann aber irgendwann gefordert und dem jungen Johannes Koch in die Hose gegriffen. So steht es in der Studie. Für Koch, damals Schüler in der Oberstufe, brach damit eine Welt zusammen und auf jeden Fall die „Illusion der christlichen Gemeinschaft“. Ein ähnlich drastischer Vorfall wird darüber hinaus aus den 1950-er Jahren über einen Jesuitenpater berichtet.

Seit Jahren arbeitet die katholische Kirche sexuellen Missbrauch auf. Jetzt untersucht erstmals eine Studie eine andere Form der Gewalt: den geistlichen Missbrauch.

Das Seminar „hat mich nicht geschützt, hat uns nicht geschützt, nicht auf Hilferufe reagiert“, sagt Koch am Donnerstag über seine Gewalterfahrung. Diese Vernachlässigung aber „war die Grundlage für sexualisierte Gewalt“. Das habe für ihn das Seminar als sein zweites Zuhause zerstört, ihm die Kirche als Heimat genommen. Aber auch er habe „in vielerlei Hinsicht profitiert“ vom Seminar – wie über Jahrzehnte hinweg auch viele andere Buben aus dem noch lange Zeit sehr ländlich geprägten Chiemgau. Sie haben in St. Michael eine Bildungschance bekommen, wie sie für sie sonst oft sehr fern gelegen wäre. Dass ihm diese Zeit einiges abverlangt habe, wie Koch selbst sagt, gilt für ihn erkennbar bis heute.

Koch hat im Betroffenenbeirat der Erzdiözese München und Freising den ersten Anstoß gegeben für die Studie und war in einer Lenkungsgruppe mit anderen Betroffenen maßgeblich an der Formulierung ihrer Ziele beteiligt. „Meine Geschichte hat damals fast keiner mitbekommen“, sagte er am Donnerstag. Deswegen sei es auch für ihn die erste Frage gewesen, wie viel sexuelle Gewalt es sonst noch gegeben haben mag in St. Michael.

Die sexuelle Gewalt war im Seminar nicht systematisch angelegt, fasst Sozialforscherin Judith Dubiski zusammen. So schlimm sie für die Opfer wie Johannes Koch gewesen sind und bleiben, so scheinen es doch Einzelfälle gewesen zu sein, der Studie zufolge je nach Bewertung etwa ein halbes Dutzend. Dies gilt jedoch nur mit der entscheidenden Einschränkung, dass die Studie praktisch keine belastbaren Zahlen nennen kann. Sie beruht auf Interviews mit ehemaligen Seminaristen, die sich auf entsprechende Aufrufe hin freiwillig gemeldet haben.

Auch im Archiv der Erzdiözese hat sich nicht einmal ermitteln lassen, wie viele Schüler es über die Jahre insgesamt gegeben hat. Nur manchmal tauchte in dienstlichen Briefwechseln auf, dass es jedenfalls den damaligen Kirchenhierarchien zeitweise zu wenige gewesen sind – vor allem zu wenige neue Priesterkandidaten.

Dabei rührt ein beträchtlicher Teil der Gewalttaten laut der Studie von einer Überforderung der geistlichen Präfekten her, die praktisch ununterbrochen im Dienst waren und sich ohne spezielle pädagogische Ausbildung um viel zu viele Zöglinge kümmern mussten. Es fehlte generell an einem pädagogischen Konzept und auch an einer nennenswerten externen Heimaufsicht, egal ob von staatlicher oder von kirchlicher Seite.

Die Gewaltprobleme umfassten auch seelische und körperliche und zu kleinen Teilen auch sexualisierte Gewalt der Schüler untereinander. Insgesamt waren Gewalt und Missbrauch in St. Michael in jenen Jahren aber offenbar nicht häufiger als in vielen ähnlichen Institutionen. Zugleich betonen die Sozialforscher, dass es zu allen Zeiten aber auch andere, gewaltfreie Erziehungskonzepte gegeben hätte.

Einen Anspruch auf Vollständigkeit kann die fast 180 Seiten starke Studie nicht erheben und will es auch nicht. Ihr Ziel ist es viel mehr, die Bedingungen und Mechanismen transparent zu machen, die Gewalt beförderten und anderswo womöglich immer noch befördern. Man habe „ein möglichst differenziertes und vielschichtiges, aber sicher nicht vollständiges Bild“ geben wollen, sagt Projektleiterin Dubiski. „Das Thema lässt sich nicht abhaken, nur weil jetzt eine Studie vorliegt.“

Darin ist sie einig mit dem Generalvikar der Erzdiözese, Christoph Klingan. Ein Täter-Name, der in den Gesprächen öfter fiel, war ein durchaus prominenter im Erzbistum. Es ist der von Engelbert Siebler, eines ehemaligen Seminardirektors und späteren Weihbischofs der Erzdiözese, der 2018 verstorben ist.

Das Bistum war und ist Träger des Seminars hat die Studie in Auftrag gegeben und bezahlt. Klingan dankt den Beteiligten „sehr herzlich“ – den Autorinnen und Autoren, vor allem aber den Betroffenen, die sich dafür geöffnet haben, oft viele Jahrzehnte nach ihren Erlebnissen zum allerersten Mal. Ihnen gebühre hoher Respekt für ihren großen Mut, sagt Klingan und bittet sie und alle anderen Betroffenen im Namen der Erzdiözese um Entschuldigung.

Johannes Koch nimmt schon diese Bitte als positiven „Zeichen“. Er habe durch den Prozess der Aufarbeitung „den Ort ein bisschen wiedergewonnen“. Auch Georg Rieperdinger wird nach eigenen Worten seit zwei oder drei Jahren nicht mehr übel, wenn er an St. Michael vorbeikommt. Er zeigt sich geneigt, Klingans Entschuldigung anzunehmen. „Schaut gut aus“, sagt er – auch angesichts des Wandels, den St. Michael in der jüngeren Vergangenheit durchgemacht hat.

Der heutige Seminardirektor Wolfgang Dinglreiter ist der erste, der kein geweihter Priester ist. Er betont die zeitgemäße, wertschätzende und respektvolle Pädagogik im Seminar. Dazu gehöre auch, „dass man sich der Wahrheit und der Wirklichkeit stellt, offen und ehrlich damit umgeht, bedingungslos aufklärt“ – ein neuer Geist und ein Ansatz, für den ihm die beiden Betroffenen am Donnerstag ausdrücklich danken.

Selbst das wuchtige Gebäude mit dem kreuzförmigen Grundriss spielt für St. Michael inzwischen nur noch eine Nebenrolle als „Steinhaus“. Vor einem Jahr wurde dort der von der Architektin Anna Heringer geplante und von vielen Beteiligten zusammen gestaltete Campus aus Lehm eröffnet. Angst um die heutigen Zöglinge brauche man sicher nicht mehr zu haben, sagt Georg Rieperdinger. „Eher dürfen wir neidisch sein.“

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