Literatur: War hier KI im Spiel?
Por Von Christiane Lutz — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Das Debüt von Thélyson Orélien wurde erst gefeiert, jetzt muss sich der Autor gegen den Vorwurf verteidigen, seinen Roman mit künstlicher Intelligenz verfasst zu haben.
Von Christiane Lutz
D er frankokanadische Autor Thélyson Orélien muss sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, seinen Debütroman „C’était ça ou mourir“ mit der Hilfe von KI geschrieben zu haben. Anfang der Woche wurden auf X auf dem Account „Balance ton Claude“ die Anschuldigung erhoben, der Roman sei „fast vollständig“ von künstlicher Intelligenz verfasst worden. Mithilfe des KI-Detektionstools Pangram wollen die Betreiber des Accounts zu diesem Schluss gekommen sein. Wer genau hinter dem Benutzernamen „Balance ton Claude“ steckt, ist unklar. Allerdings hat sich am Freitag der französische Essayist Samuel Fitoussi ebenfalls auf dazu X bekannt, Teil des Kollektivs zu sein, das hinter „Balance ton Claude“ stünde. Fitoussi ist unter anderem Kolumnist des Figaro und veröffentlichte 2023 ein Buch namens „Woke Fiction“, in dem er eine starke Position gegen Diversity und Identitätspolitik einnimmt.
Wie zuverlässig Prüfergebnisse von Pangram sind, ist umstritten. Das Programm ist darauf trainiert, KI-generierte Inhalte zu identifizieren und wird auch von Universitäten eingesetzt, um studentische Hausarbeiten auf den Einsatz von KI zu prüfen.
Künstliche Intelligenz verbieten oder erlauben? Das ist die falsche Frage. Wichtiger wäre es, endlich ernsthaft darüber zu diskutieren, was die Studierenden lernen sollen. Ein Erfahrungsbericht aus dem extrem ernüchternden Uni-Alltag.
Der Erfolg von „C’était ça ou mourir“ war bisher bemerkenswert: Im März dieses Jahres war das Debüt des 1988 in Haiti geborenen Autors Thélyson Orélien beim kanadischen Verlag Boréal erschienen und entwickelte sich schnell zum Bestseller. Orélien wurde als aus dem Nichts aufgetauchtes Wunderkind gefeiert, sein Roman wird derzeit in etliche Sprachen übersetzt. „C’était ça ou mourir“ („Entweder das oder sterben“) erzählt die Geschichte eines Haitianers, der nach einer Flucht quer durch Mittelamerika schließlich kurz hinter der Grenze der USA von ICE-Beamten festgenommen wird.
Zu Beginn der Woche gewann der Autor den FNAC, den Preis der französischen Buchhandlungen und wurde außerdem für den renommierten Prix Goncourt nominiert. Boréal stellte nach Aufkommen der Vorwürfe alle Werbemaßnahmen vorläufig ein; die kanadische Buchmesse Salon du livre de l’estrie erkannte Thélyson Orélien den Ehrengaststatus ab. Oréliens französischer Verlag Grasset stellte sich hingegen vor den Autor und nannte die Vorwürfe bei der AFP „bösartig“. Der Roman ist in Frankreich eben erst erschienen.
Prominente Autoren wie Virginie Despentes und Bernard-Henri Lévy verlassen unter Protest den französischen Verlag Grasset, weil der rechtsidentitäre Multimilliardär Vincent Bolloré dort den erfahrenen Verleger entlassen hat. Seine politischen Ziele dabei sind klar.
Philippe Claudel, Vorsitzender der Jury des Prix Goncourt, hatte Orélien zunächst in einem Interview mit Franceinfo Culture verteidigt und angedeutet, dass es sich auch um eine rassistisch motivierte Kampagne handeln könnte: „Da ist ein Autor von haitianischer und kanadischer Herkunft, der schwarz ist, zwar Französisch spricht, aber Ausländer ist.“ Aspekte, die in diesen Zeiten schnell „pikant“ wirken könnten. Er gibt aber zu, die Akademie habe keinerlei Möglichkeiten zu belegen, ob KI eingesetzt wurde oder nicht. Claudel musste sich am Ende der Académie Goncourt beugen: Am Freitag verkündete diese, den Roman von der Nominiertenliste zu streichen, „um die Integrität des Preises zu wahren“.
Die französische Autorin Virginie Despentes schimpfte generell gegen diese Art der Verdächtigung: „Ist Pangram wirklich eine zuverlässige Prüfungsinstanz? Nein. Jedenfalls noch nicht.“ Orélien müsse sich nicht erklären; auch sie sich nicht: „Pangram, zum Teufel mit dir, ich muss mich nicht rechtfertigen.“
Allerdings endet die Kontroverse nicht mit dem Thema KI. Inzwischen prüft die kanadische Zeitung La Presse, wo Orélien auch journalistisch arbeitet, Texte des Autors und kam zu dem Schluss, dass einige von ihnen Plagiate enthielten. Die Texte sollten zwar erst einmal online stehen bleiben, die Chefredaktion stellte aber eine weitere Zusammenarbeit mit dem Autor infrage.
Thélyson Orélien weist die Vorwürfe der KI-Nutzung unterdessen zurück; in einem Interview mit Libération sagte er: „Ich sehe keinen Grund, warum ich eine Maschine befragen sollte.“
Es gibt viele Bücher über das Altern und Sterben, aber Ansgar Mohnkerns Memoir über den Abschied von seinen Eltern ist etwas ganz Besonderes. Die Literatur schenkt ihm eine Sprache, in der sich über das Unerhörte schreiben lässt.
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