Hannover 96: Das nächste große Ego im Klub der großen Egos?

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Hannover 96 Das nächste große Ego im Klub der großen Egos?

14. September 2026, 15:55 Uhr |

Lesezeit: 4 Min.

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Neuer Versuch in Hannover? Sandro Wagner ist seit seiner wenig erfolgreichen ersten Bundesligatrainerstation beim FC Augsburg ohne Anstellung.
Neuer Versuch in Hannover? Sandro Wagner ist seit seiner wenig erfolgreichen ersten Bundesligatrainerstation beim FC Augsburg ohne Anstellung. Tom Weller/dpa

Bei Hannover 96 steht die Trennung von Christian Titz bevor, Sportchef Jonas Boldt hat sich in einem internen Machtkampf durchgesetzt – und plant offenbar die Verpflichtung von Sandro Wagner.

Von Thomas Hürner, Hamburg

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J e weiter Christian Titz vorn auf dem Podium ausholte, desto tiefer versank Jonas Boldt auf seinem Stuhl. Sein Team habe das vortrefflich gemacht, erklärte der Trainer Titz, es habe mutig nach vorn kombiniert und überhaupt viel Dominanz ausgeübt. Skeptischer Blick von Boldt, der es sich ganz hinten im Pressesaal gemütlich gemacht hatte. Doch Titz hatte da gerade erst losgelegt. Dieser Chancenwucher, diese individuellen Defensivpatzer, was solle man da als Coach groß machen? Das Schicksal und der Fußballgott, so klang das an diesem Tag im August, schienen sich gegen den Zweitligisten Hannover 96 verschworen zu haben.

Das jedenfalls dürfte in etwa die Kernbotschaft gewesen sein, die beim 96-Sportchef Boldt angekommen war. Vom Zwei-Meter-Manager war nach Titz’ Spielanalyse kaum noch etwas zu sehen, so weit war er den Sitz heruntergerutscht, so tief hatte er das Gesicht unter seinen Händen begraben.

Es gibt Alltagsszenen, die von der Öffentlichkeit herausgepickt und überinterpretiert werden; es gibt auch Szenen wie jene, die sich nach Hannovers 0:1-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg zutrug und die ein präzises Sittengemälde zeichnen. Boldt und Titz, das konnte nicht mehr lange gutgehen. Und siehe da: Boldt und Titz, das ging dann gerade mal noch einen Monat lang gut. Wobei, von gut kann keine Rede sein, dafür waren die Differenzen zwischen Sportchef und Trainer deutlich zu groß, die beidseitige Ablehnung zu aktenkundig und die Ergebnisse des Klubs zu schlecht. Nach einem 1:2 am Freitag gegen den 1. FC Nürnberg wurde die Trennung von Titz mit Stand Montagnachmittag zwar noch nicht offiziell vollzogen, sie ist aber nur mehr eine Frage der Zeit.

In die Spielzeit gestartet war Hannover 96 als Aspirant für den Aufstieg, nicht zuletzt auch deswegen, weil man diesen in der Vorsaison nur auf geradezu groteske Weise verspielt hatte, damals am letzten Spieltag übrigens ebenfalls gegen Nürnberg. Dem Offensivlehrer Titz war daraufhin das Vertrauen ausgesprochen worden, im Sommer wurde das Organigramm aber an entscheidender Stelle erweitert: Zum Sportdirektor Ralf Becker gesellte sich der neue Sport-Geschäftsführer Jonas Boldt, nachdem dieser Posten ein paar Monate unbesetzt geblieben war. Denn da hatte der Manager Jörg Schmadtke selbigen Job hingeworfen, nach gerade mal 81 Tagen und einem Zwist mit dem 96-Oberherrscher und Unternehmer Martin Kind. Eine der Dissonanzen zwischen Schmadtke und Kind betraf: Trainer Christian Titz, mit dem aber wiederum Sportdirektor Becker gut kann. Und wer bei all den Namen und Konfliktlinien nun den Überblick verloren hat, dem sei verkündet: Willkommen beim Hannoverschen Sportverein von 1896.

Jonas Boldt, hier noch als HSV-Sportvorstand.
Jonas Boldt, hier noch als HSV-Sportvorstand. Christof Koepsel/Getty Images

Boldt war geholt worden, um klarere Strukturen und Hierarchien in diesem unübersichtlichen Klub zu etablieren; eine Aufgabe, der sich der machtbewusste und gewiefte Manager bereits in fünf Jahren beim Hamburger SV gewidmet hatte. Was Boldt in all der Zeit jedoch nicht gelang, war der Sprung in die Erstklassigkeit, weshalb die Trainerfrage auch eine persönliche Note enthält: Boldt dürfte klar sein, dass ein weiterer Misserfolg seinen Ruf doch arg ramponieren würde. Und wer Boldt kennt, weiß: Sein Ruf hat in seinem Leben einen durchaus relevanten Stellenwert.

Das Duo Boldt und Titz war deshalb von Anfang an lediglich ein Zweckbündnis, denn der Coach wird in der Branche (und von Boldt) zwar für seinen vorwärtsgewandten, mutigen und lebensbejahenden Offensivstil geschätzt. Titz’ Fußball neigt gelegentlich aber auch dazu, in Schönheit zu sterben – und, wie in der vergangenen Spielzeit, dem Publikum zwar Spaß zu bereiten, aber nicht immer Handfestes hervorzubringen. Für Boldt ergab sich daraus eine komplizierte Gemengelage. Einerseits hielt er Titz von Anfang an nicht für den Trainer, dem man die Mission Aufstieg anvertrauen sollte; andererseits war Titz bei den 96-Fans nun mal sehr beliebt, weshalb eine allzu frühe Trennung sicherlich gegen ihn verwendet worden wäre. Nach nur einem Sieg aus fünf Saisonspielen konnte der Sportchef seine Argumente nun mit deutlich mehr Wucht entfalten, auch in Gesprächen mit 96-Aufsichtsratschef Kind: Der war zwar auch wenig angetan vom Ausgang der vergangenen Spielzeit. Seine Hand hatte er aber vorerst schützend über Titz gehalten, nicht zuletzt, um nicht das Budget des Klubs zu sprengen.

Taktik wie an der „Playstation“? Christian Titz ist wohl nicht länger Trainer bei Hannover 96.
Taktik wie an der „Playstation“? Christian Titz ist wohl nicht länger Trainer bei Hannover 96. Swen Pförtner/dpa

Dem Fußballlehrer Titz jedenfalls wird aus dem Klub eine (zu) funktionale Arbeitsweise bescheinigt, die zwar viel Expertise, aber kaum menschliche Wärme beinhalte. Wie an der „Playstation“ würde er seine Taktik entwerfen, Spieler rein, Spieler raus, rein inhaltlich alles nachvollziehbar und mitunter gut begründet. Nur emotionale Nähe lässt sich so eben nicht erzeugen, und von der Notwendigkeit dieser war Boldt immer schon überzeugt: Beim HSV arbeitete er mit Tim Walter zusammen, ein Coach, der mit Begriffen wie Restverteidigung ebenfalls nie viel anzufangen wusste. Dem es aber – abgesehen vom uneingelösten Aufstiegsversprechen – wenigstens gelang, eine robuste Wagenburg um den Standort herum zu bauen.

Titz dagegen, heißt es, habe sich in den vergangenen Wochen zunehmend in Ausreden und der Aussendung von Mikroaggressionen verstrickt. Ein Beispiel: Boldt verpflichtete den Torwart Pascal Loretz, Titz wies ihm nach nur einem Spiel einen Stammplatz auf der Ersatzbank zu. Überhaupt sind sich Sportchef und Coach nie recht einig geworden: Titz widersetzte sich Boldts Wunsch nach einer ausbalancierteren Spielweise, auch bei der Kaderplanung trafen da zwei unvereinbare Weltanschauungen aufeinander.

Der Sportchef Boldt behauptet gern von sich, dass er am liebsten mit charakterfesten „Typen“ zusammenarbeite, ein Attribut, das auf den eher unnahbaren Titz nur bedingt zutrifft. Und genau so einer soll nun angeblich vor einer Anstellung in Hannover stehen: Sandro Wagner, der zuletzt in Augsburg unter anderem an seinem Sendungsbewusstsein und Dogmatismus gescheitert war. Boldt und Wagner, das sind zwei baumlange Männer, die sich als Alphatiere definieren: Ob das gut gehen kann? Beide kennen und schätzen sich, zudem hatte Boldt immer Freude daran, sein Ego mit anderen Riesenegos zu messen. Was das für die Mission Aufstieg bedeuten könnte, wird sich zeigen. Klar erscheint aber: Der Zweitliga-Standort Hannover dürfte in dieser Saison noch einige kunterbunte Geschichten produzieren.

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