Bundesliga: Niclas Füllkrug, der Bessermacher

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Por Von Ralf Wiegand, Bremen — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

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Werder Bremen Niclas Füllkrug, der Bessermacher

18. Oktober 2026, 9:23 Uhr |

Lesezeit: 4 Min.

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Küsschen fürs Publikum: Niclas Füllkrug haucht nach dem 1:2 seinen Jubel auf die Tribünen des Weserstadions.
Küsschen fürs Publikum: Niclas Füllkrug haucht nach dem 1:2 seinen Jubel auf die Tribünen des Weserstadions. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Sechs Tore in den vergangenen fünf Spielen: Im nun 100 Jahre alten Weserstadion arbeitet Niclas Füllkrug an seinem Legendenstatus. Neben ihm wächst die ganze Bremer Mannschaft.

Von Ralf Wiegand, Bremen

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U nten im Bauch des Weserstadions, in einer Zwischenwelt, in der man den Rasen noch riechen und die Fans hören kann, aber beides nicht sieht, begegnen sich seit jeher Fußballer und Medienschaffende nach Abpfiff eines Bundesligaspiels. Wobei: „Seit jeher“ stimmt nicht, die Einführung der sogenannten Mixed Zone gehört im langen Leben des Bremer Weserstadions zur vergleichsweise jüngeren Geschichte. Früher ratschten Reporter (Reporterinnen gab es kaum) und Spieler gleich neben der Seitenauslinie miteinander, noch auf der Tartanbahn. So etwas gab es auch im Weserstadion mal, bis der Fußball auch hier keinen zweiten Hausherrn mehr neben sich duldete und die Laufbahn verschwand.

Vor 100 Jahren, als das Weserstadion unter dem Namen „ATSB-Kampfbahn“ eingeweiht wurde, spielten sie dort sogar noch Schach, Pferde ritten herum, Frauen turnten auf dem Rasen. Weserstadion heißt es erst seit 1929, und der SV Werder, mit dessen Fußballern man sich heute in der Mixed Zone unterhalten kann, nutzt das Spielfeld sogar erst seit 1930.

Der historische Kalender schreibt diesen Einstieg zwingend vor, weil der 17. Oktober 2026 auf einen Samstag und Spieltag fiel, genau hundert Jahre nach dem 17. Oktober 1926, der eben als Geburtsstunde des Weserstadions gilt. Anlässlich der Bundesliga-Partie zwischen Werder Bremen und dem SC Paderborn gingen die Fans auf das Jubiläum ein (Banner „100 Jahre Weserstadion“), die Stadionregie (Film „100 Jahre Weserstadion“), der Zeugwart (Sondertrikot „100 Jahre Weserstadion“), später auch die Sportschau (Geschichten aus „100 Jahre Weserstadion“). Die Magie dieses heiligen Ortes am großen Bogen der Weser wollte von jedem gefeiert werden.

Fan-Choreografie im Weserstadion: Die Fans von Werder Bremen feiern den Geburtstag ihres Wohnzimmers in der Ostkurve.
Fan-Choreografie im Weserstadion: Die Fans von Werder Bremen feiern den Geburtstag ihres Wohnzimmers in der Ostkurve. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Aber als das alles vorbei war, auch das Spiel, und das müde alte Stadion endlich sein ikonisches Flutlicht ausknipsen durfte, erzählten doch alle wieder nur davon, wie Niclas Füllkrug gerade Geschichte schreibt. „Er macht das großartig“, sagte Trainer Daniel Thioune.

Nach seinen beiden Toren, die er dem Endergebnis von 2:2 hinzugefügt hatte, stand Niclas Füllkrug in Badelatschen im Bauch des Weserstadions. Der 33-Jährige trägt keine dieser üblichen Badelatschen, sondern solche mit „Werder“ auf dem rechten und „Bremen“ auf dem linken Schlappen, und zwar so herum aufgedruckt, dass man es lesen kann, wenn man Niclas Füllkrug gegenübersteht und ihm auf die Füße schaut. Identifikation mit dem Verein bis in die Zehenspitzen, darf man vermuten.

Für den Siegtreffer sind die Bremer am Ende zu müde: Aufholjagden strengen an

In diesen Latschen schlurfte er nach der neuerlichen Aufholjagd müde von einer TV-Interview-Box zur nächsten. Aus einem seltsamen Grund ist es offenbar viel anstrengender, zwei Tore nach Rückstand zu schießen, als etwa mit zwei Toren in Führung zu gehen. „Kostet Körner hinten raus“, stenografierte Innenverteidiger Amos Pieper in die Sprachmemo-Apps. Werders Außenverteidiger Arthur überfiel in der Schlussphase sogar ein Krampf. Und das mit dem Aufholen wird wohl auch nicht einfacher, wenn man es öfter macht: Werder hatte schon gegen Augsburg 0:2 zurückgelegen, in Dortmund auch, jetzt wieder gegen Paderborn. Dreimal 0:2 hintereinander – aber keine Partie davon ging verloren. Was klingt wie eine sehr kreative Challenge für Instagram, ist eine einmalige Kuriosität in, bis Samstagabend, 19 272 Bundesligaspielen.

Und es ist ein schöner Beweis dafür, wie sich Werder in sehr kurzer Zeit verändert hat. Wo die Bremer in der vergangenen Saison noch fast jedes Spiel verloren, wenn sie auch nur ein Gegentor kassierten – „Start-Ziel-Niederlagen“ nannte das Trainer Thioune –, umgibt sie jetzt die Aura immerwährender Gefahr: Irgendwas kann diese Mannschaft anzünden, und meistens ist es halt ein Tor von Niclas Füllkrug.

Werder hatte auch in den vergangenen Jahren, als es keine Titel mehr gewann, immer mal wieder solche Profis, die andere besser machten, weil sie selbst so viel besser waren. Max Kruse war so einer. Der Rückkehrer Claudio Pizarro sowieso. Oder, in der Jetztzeit, Mitchell Weiser, der nach kuriertem Kreuzbandriss von Spiel zu Spiel diesem Niveau wieder näherzukommen versucht. Solche Fußballer verarbeiten auch schwächere Anspiele, halten den Ball unter Druck, sehen die Räume für Mitspieler, wenn diese sie manchmal selbst nicht erkennen. Im Training sind sie Vorbilder. So kann ein einzelner das Niveau einer ganzen Elf heben.

„Lokführer“ nannte der Trainer Füllkrug zuletzt – die Zusammenarbeit mit ihm sei „herausfordernd“

Der unbestrittene Bessermacher aktuell ist eben Niclas Füllkrug. „Lokführer“ hat Daniel Thioune ihn zuletzt genannt. Es sei „herausfordernd“, mit ihm zu arbeiten, sagt der Trainer, denn Füllkrug wolle immer mehr – in jedem Training, in der Kabine, auf dem Platz. Und bei jedem Spielstand. Er glaube, sagte Niclas Füllkrug nach dem Remis gegen Paderborn, dass es seiner Mannschaft derzeit gelinge, „komplett abzuschütteln, wie es steht. Der Spielstand macht mental einfach relativ wenig mit uns“, und das sei „aktuell eine gute Situation“.

Dass er jetzt in fünf Partien hintereinander getroffen hat, was zuletzt Miroslav Klose im Bremer Trikot gelang, dass er mit sechs Saisontoren am Samstag als Erster der Torschützenliste schlafen ging, dass einen wie ihn die deutsche Nationalmannschaft doch unbedingt brauchen muss, dass er in Bremen wieder so toll funktioniert wie in den vergangenen zwei Jahren in Mailand und London zu keinem Moment, „darüber will ich gar nicht so viel reden“, sagte Füllkrug. Über nichts davon: „Es ist wirklich nicht wichtig.“ Wichtig sei der Fußball, den Werder spiele, „gute Spielzüge aus eigenem Ballbesitz heraus“, nicht nur Konter und Standards, „sortiert und geordnet“ statt hektisch und zufällig wie noch vergangene Saison.

Aufsteiger Paderborn war in der ersten Halbzeit mit besagtem 2:0 in Führung gegangen, Stefano Marino traf unter die Latte (18. Minute), dem 2:0 von Stefan Tigges in der Folge eines Einwurfs ging ein Sekundenschlaf der Bremer Abwehr voraus, inklusive Niclas Füllkrug. Bis in die Nachspielzeit der gesamten Partie sollte das der letzte Paderborner Torschuss bleiben. Es spielte dazwischen nur Werder Bremen. Füllkrug, der schon der ersten Halbzeit gute Möglichkeiten hatte, traf erst in der 59. Minute und dann in der 66. zum Ausgleich. Auch danach trieben die Bremer das Spiel mit großer Wucht nach vorne, zum Sieg reichte es nicht, am Ende fehlte die Kraft. In der Nachspielzeit traf Paderborn noch mal den Pfosten.

Das Weserstadion, jetzt einschüchternde 100 Jahre alt, war in den vergangenen Jahren schon fast auf dem Weg zum Gedenkort. Menschen kamen hier zusammen, um sich daran zu erinnern, was hier früher los war, während die Fußballer auf dem Rasen dieses Gedenken kaum störten. In dieser Saison war in drei Spielen schon dreimal Spektakel, als würde einfach alles immer besser – seit Niclas Füllkrug wieder da ist.

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