Hamburger SV: Zumindest eine bundesligataugliche Halbzeit
Por Von Thomas Hürner, Hamburg — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
Lesezeit: 4 Min.
Nachdem der HSV durch die ersten Wochen der Saison getorkelt ist, könnte das 2:1 gegen den 1. FC Köln den Durchbruch eingeleitet haben. Einen konfusen Eindruck hinterlässt die Polzin-Elf phasenweise dennoch.
Von Thomas Hürner, Hamburg
Y ussuf Poulsen hat in seiner Fußballerkarriere viel gesehen, nicht alles davon hat er gleich doppelt durchlebt. Doch daran, meinte Poulsen, daran erinnere er sich noch gut: Die Saison geht los, und alle Welt ist der Ansicht, der Hamburger SV habe in dieser Liga nichts verloren. Auf ein schlechteres Spiel folgt ein noch deutlich schlechteres, die Abwehr wackelt, und die Stürmer wären froh, wenn sie ein paar Fehlschüsse zu verzeichnen hätten. Denn das würde ja bedeuten, dass überhaupt mal jemand Richtung Tor geschossen hat.
So lautete – in nur leicht zugespitzter Form – der Lagebericht, den Poulsen in den Katakomben des Hamburger Volksparkstadions erstattete. Und in der Tat, der 32-Jährige kennt das alles: Vor einem Jahr war der HSV ein frischer Erstligaaufsteiger, der auch wie einer auftrat, unter anderem bei Niederlagen gegen Stadtrivale St. Pauli und den FC Bayern. Zu Beginn dieser Spielzeit waren die Hamburger nun zwar kein Liganeuling mehr, spielten aber wie einer, unter anderem bei den jüngsten 0:5 Niederlagen gegen Mainz und Leipzig.
Was macht der HSV nach dem drittschlechtesten Saisonstart, den je ein Bundesligist hingelegt hat? Er verlängert den Vertrag mit Cheftrainer Merlin Polzin. Und gibt damit erneut Rätsel auf.
„Ich sage das Gleiche, was ich letztes Jahr gesagt habe“, verkündete der Stürmer am Samstag nun bei bester Laune: „Wir haben viele neue Spieler, das dauert seine Zeit. Wir sind ruhig geblieben, und wir müssen ruhig bleiben. Und je länger wir zusammen spielen, desto besser werden wir.“ In der vergangenen Saison gelang der Durchbruch am vierten Spieltag, bei einem Auswärtsspiel gegen Heidenheim. Und nun, nach einem historisch schlechten Bundesligastart, gelang – womöglich – der Durchbruch wieder am vierten Spieltag, mit einem 2:1-Heimsieg gegen den 1. FC Köln.
Beim HSV war in den vergangenen Wochen einiges los, fast so, wie das bei diesem Ungetüm von Traditionsklub früher der Fall gewesen ist. Die neue Sportvorständin Kathleen Krüger kam und musste sich ein erstes Lagebild verschaffen, unter anderem bei der von Sportdirektor Claus Costa und Finanzchef Eric Huwer angepeilten Vertragsverlängerung von Coach Merlin Polzin. Was sie sah, war dann aber maximal besorgniserregend: Der HSV torkelte nur so durch die ersten Wochen der Saison, und es bleibt weiterhin vielsagend, dass die Hamburger ihre Tordifferenz am Samstag auf nun 2:13 verbessern konnten. Nach vorn harmlos, hinten vogelwild – damit wären die vorigen Darbietungen des HSV noch zurückhaltend beschrieben gewesen.
Dennoch bekam Polzin am Freitag einen neuen Vertrag ausgehändigt, mit einer Laufzeit bis angeblich 2029. Das sorgte mitunter für Kritik: warum gerade jetzt, vor der wichtigen Partie gegen Köln, noch dazu vor einer dreiwöchigen Länderspielpause? Die Hamburger Verantwortlichen dagegen argumentierten: Es ist ohnehin egal, wann die Unterschrift unter den Kontrakt gesetzt wird, Polzin genießt unser vollstes Vertrauen – jetzt und auch weiterhin.
Das Tolle am Fußball ist, dass am Ende immer einer recht hat: Hätte Polzins Elf in der zweiten Halbzeit gegen Köln so weitergemacht wie in der ersten, wären wohl bereits die ersten Nachrufe auf die Erstligazugehörigkeit des HSV in Auftrag gegeben worden. Läuft es dagegen so, wie es letztlich lief, dürfen auch mal ausdrücklich positive Akzentuierungen gesetzt werden. „Brutal in eine Richtung marschiert“ seien die Hamburger Spieler und das Hamburger Publikum, fand Coach Polzin, der im Volksparkstadion ein mitreißendes Miteinander und sogar „Magie“ verspürt haben will.
Insbesondere in der ersten Hälfte hat sein Team allerdings einen sehr erdverbundenen Fußball dargeboten. Denn da hinterließen die Hamburger einen zwar nicht ganz so konfusen Eindruck wie zuletzt, sie waren aber konfus genug, dass sich Daniel Heuer Fernandes zum besten Akteur auf dem Rasen aufschwingen konnte. Der Torwart warf sich in alles, was auf sein Tor abgefeuert wurde, darunter in Schüsse von Thijs Dallinga, Saïd El Mala und Mikey Moore. Davon abgesehen: Fast 70 Prozent Ballbesitz für Köln und eine Heimelf, die sich auf jenen Umschaltfußball rückbesann, mit dem sie sich in der Vorsaison ordentlich hatte behaupten können. Nur eben weiterhin ohne eines der Kernmerkmale, das Umschalten. Und im Grunde ohne Stürmer: Zugang Terem Moffi benötigt weiterhin den Radius einer Lagerhalle, bis er sich um die eigene Achse gedreht hat. Und so versandete jedwede Offensivaktion auf Höhe der Mittellinie.
Es habe eben Selbstvertrauen gefehlt, argumentierte Mittelfeldabräumer Nicolai Remberg hinterher. Ihm waren diese Leiden ebenso anzusehen wie anderen vormals verlässlichen Fußballern, etwa dem Defensivmann Nicolas Capaldo, dessen Leiden angeblich sogar besonders ausgeprägt waren. Jener Capaldo hatte davon geträumt, mit Argentinien zur Weltmeisterschaft zu fahren. Am Samstag wirkte er nun erstmals rehabilitiert von seiner Nicht-Berücksichtigung, er schaufelte seine Abwehrseite im Duell mit El Mala zu und war zudem derjenige, der kurz vor der Pause einen Eckball zur 1:0-Führung ins gegnerische Tor köpfelte (44. Minute).
Der erste Hamburger Saisontreffer war durchaus schmeichelhaft, ebenso wie die Tatsache, dass Torwart Heuer Fernandes nach Wiederanpfiff erneut seine Hände einsetzen musste, um einen Kölner Ausgleich zu verhindern. In Summe zeigten die Hamburger nun aber – und das war ja tatsächlich ein echter Fortschritt – einen allemal bundesligatauglichen Auftritt. Der oftmals wackelige Jordan Torunarigha behauptete sich im Zentrum der Dreierkette, der Spielmacher Fabio Vieira verabreichte Ruhe, und vorn war nicht mehr Moffi, sondern der agilere Yussuf Poulsen unterwegs. Poulsen war es dann auch, der einen Querpass von Albert Grönbaek zum 2:0 vollendete, nach einem rasanten Gegenstoß, den man so zuletzt in der Saison 2025/26 gesehen hatte (50.).
„Wir hätten dieses Bundesligaspiel gewinnen können“, sagte Kölns Trainer Vincent Wagner hinterher, eine durchaus realitätsgetreue Perspektive war das. Seine Elf kam durch Ragnar Ache zwar noch zum Anschluss, insgesamt aber hinterließ der FC einen merkwürdigen Auftritt. Polzin dagegen durfte den Hamburger Zusammenhalt loben und anmerken, dass er von der Lautstärke der Kritik mitunter „irritiert“ gewesen sei. Doch das ist ja das Tolle am Fußball: Nach der Länderspielpause stehen Duelle mit Hoffenheim und Stuttgart an, zwei Gelegenheiten, um weiteren Irritationen vorzubeugen.
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