Bremen-Comeback mit Weiser: Noch ein Märchen an der Weser
Por Von Ralf Wiegand, Bremen — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Mitchell Weiser schießt nach einem 0:2-Rückstand den Treffer zum 3:2 gegen den FC Augsburg: Einer, der immer ein bisschen viel Distanz gehalten hat, rührt das Herz der Bremer Fans auf besondere Weise.
Von Ralf Wiegand, Bremen
D er Moment, den man sich ja nicht ausdenken kann, schien in der 68. Minute gekommen. Märchen kann Werder, zuletzt hatte Niclas Füllkrug hier, an derselben bedeutenden Stelle, sein erstes Heimtor für Werder seit seiner Rückkehr geschossen: vor den Fans in der Ostkurve, beim 3:1 gegen Leipzig. Im selben Spiel hatte auch Eren Dinkci getroffen, auch er einer, der nach Bremen heimgekehrt ist. Vor seinem Wechsel nach Freiburg war ihm noch nie ein Tor im Weserstadion gelungen. Auch für ihn war das vor zwei Wochen ein Moment wie im Märchen, ein Tor und der Sieg vor Freunden und Familie, die im Publikum saßen.
Und nun also, gegen den FC Augsburg, war es für einen dritten Rückkehrer so weit. Mitchell Weiser, 32, hatte erst vorige Woche nach mehr als einem Jahr Pause zum ersten Mal wieder in der Bundesliga gespielt, ein paar Minuten in Köln. Er hatte eine ganze Saison verpasst, 14 Monate genau, wegen eines Kreuzbandrisses. Den Beinahe-Abstieg im vergangenen Jahr, den Trainerwechsel von Horst Steffen auf Daniel Thioune, die Abwesenheit jeglicher Gefahr, die von Werder für irgendeine Abwehr ausgegangen ist: All das hat Weiser nur als Zuschauer, als Patient, als Rekonvaleszent erlebt. „Magische Momente“, sagte Weiser jetzt, rückblickend auf diese vergangene Saison, „davon gab es nicht so viele“.
Wie kam Vincent Kompany auf seine Spielidee für den FC Bayern? Und was macht ihn zu so einem besonderen Trainer? Ein Gespräch mit Kris Van Der Haegen, der Kompanys Trainerkurs leitete.
Aber jetzt, wie gesagt, es ist die 68. Minute im Spiel der Bremer gegen den FC Augsburg. Der hatte bis dahin zweimal auf das Bremer Tor geschossen und zweimal getroffen. Robin Fellhauer hatte in der ersten Halbzeit einen Konter mit einem Solo über den halben Platz erfolgreich abgeschlossen (18. Minute), Calvin Brackelmann in der 58. Minute den Ball nach einer Ecke mit dem Kopf ins Bremer Tor gelenkt. So eine 2:0-Führung, dachte Manuel Baum, der Augsburger Trainer, „die spielt uns normalerweise in die Karten“. Diesen Ruf haben die Augsburger ja schon lange: Sie seien eklig, schwer zu bespielen, sie mögen es, das Spiel auf sich zurollen zu lassen und es dann kaputtzumachen. Das zumindest ist das FCA-Klischee, in Bremen konnte man glauben, dass es der Wahrheit entspricht. In dieser Saison kommt auch noch eine brutale Effizienz hinzu, Augsburg spielt oben mit.
Aber zurück, die 68. Minute. Kurz davor hatte Marco Grüll das 1:2 für die Bremer geschossen, ein ziemlich schönes Tor voller Entschlossenheit war das (66.). Wer Marco Grüll nicht kennt, kann in der Scorer-Liste der Bundesliga nach ihm suchen und findet ihn dort recht schnell: an Platz eins, gemeinsam mit einem gewissen Michael Olise (FC Bayern), den manche aktuell für den besten Spieler der Welt halten. Grüll, Österreicher und gerade wieder mal in die Nationalmannschaft seines Heimatlandes berufen, ist noch so ein Bremer Märchenonkel in dieser jungen Saison. Einer, dessen Fleiß und Physis die Bremer Fans schon immer schätzten, aber sein Verhältnis zum Ball, naja, das sei eher ein gespaltenes. Und jetzt: Hat er ständig die Füße im Spiel, wenn Werder Tore schießt.
Natürlich auch in dieser 68. Minute, dem großen Moment von Mitchell Weiser. Grüll, wer sonst (siehe oben), nutzt eine Unaufmerksamkeit des Augsburger Abwehrspielers Noahkai Banks aus – etwas unhöflicher könnte man auch Stockfehler sagen – und passt den Ball in die Mitte, zu Weiser. Der war in der 67. Minute eingewechselt worden. Kurz nach seiner Ankunft im Spiel steht er also plötzlich ganz alleine vor dem Tor der Augsburger, nur Finn Dahmen vor sich, einen dieser gerade eben erst von Klopp Berufenen.
Er habe sich das „so oder so ähnlich“ oft ausgemalt, sagte Weiser nach dem Spiel gegen den FCA im Keller des Weserstadions: Wie toll das wohl sei, wenn er wieder würde spielen können, dann ein Tor zu schießen, ein wichtiges. Gegen Köln, als er beim Stand von 1:1 gekommen war, dachte er schon, da würde es auch ganz gut passen, denn dort hat er einst in der Jugend gespielt.
Zwischen Bremen und ihm war das nie so eine wirkliche Herzenssache. Er kam einst als einer aus Leverkusen, den dort niemand mehr haben wollte, in die zweite Liga, wohin Werder sich 2021 abgesetzt hatte. Weiser ist ein Zauberfuß, der bisweilen den Eindruck hinterließ, etwas zu gut zu sein für Werder, der seine Erwartungen an den Verein auch aussprach: kommt ihr erst mal dahin, wo ich schon war und bin. Er wollte mehr, wieder international spielen, Nationalspieler werden, er versuchte das dann sogar für Algerien, die Ahnenforschung eröffnete diese Möglichkeit. In der Corona-Zeit äußerte er sich kritisch gegenüber Impfungen. Nicht jede Vertragsverlängerung mit ihm war einfach, die Ansprüche des Mitchell Weiser, seine Distanziertheit, nun ja. Zuletzt haben sie geräuschlos miteinander verlängert, der Verein und der Spieler, am Ende seiner 14-monatigen Reha-Zeit.
In dieser 68. Minute, wieder das aktuelle Spiel gegen Augsburg, schießt Weiser – und denkt im nächsten Augenblick: „Fuck! Das war der Moment“, denn Finn Dahmen hält und Augsburg führt, führt weiter, auch in der 86. Minute noch. Werder hat eine Menge Druck aufgebaut bis dahin, Chancen gehabt, vorbeigeschossen (Dinkci!) und drüber (Füllkrug!). Aber „sie haben dann so gute Stürmer“, sagte FCA-Verteidiger Banks später, „es war dann eigentlich nur eine Frage der Zeit“.
Vielleicht hatte sich Weiser auch nur gedacht: Warum den Ausgleich schießen, wenn ich auch den Siegtreffer machen kann? Das 2:2 erzielte letztlich Füllkrug, dessen Schuss aus ziemlich genau 16 Metern – nachdem zuvor selbstverständlich Grüll den Ball zu ihm gestochert hatte – zerriss fast das Tornetz. „Wir wollten danach auch den Sieg“, erklärte Grüll später, „zu viele Fehler, Fehlerketten“ sah hingegen Augsburgs Trainer Baum bei seiner Mannschaft.
„Wenn 42 000 Menschen an etwas glauben“, sagte Füllkrug, der nicht nur als Fußballer, sondern auch als Heiler an die Weser zurückkehrt zu sein scheint, „dann ist der Glaube stärker, als wenn nur elf daran glauben“. 42 000 waren zwar nicht im Stadion, sondern nur knapp 40 000, weil ein paar Plätze im Augsburger Block leer geblieben waren. Aber eine Menge Glaube lag schon in der flirrenden Luft über dem Weserstadion, als in der dritten von fünf Minuten Nachspielzeit Weiser den Ball von einem gewissen Marco Grüll zugespielt bekam. Weiser sprach von einer „guten Energie“. Die floss dann durch ihn hindurch, muss man annehmen, und er setzte sie in eine fließende Bewegung um, traf mit links rechts oben ins Augsburger Tor. 3:2.
30 Minuten nach Spielende waren die Leute immer noch im Stadion, Weiser musste auf den Zaun klettern, vor die Fans, die mit der Mannschaft tanzten. „Für solche Momente steht für mich Werder Bremen“, sagte Weiser später, er richtete dabei mal sein Haarband und kratzte sich mal Arm, er waren Gesten der Verlegenheit. Ansprüche formulierte er keine mehr, nicht an sich, nicht an den Klub, „dafür war ich in Gedanken in den letzten Monaten zu oft ganz woanders“. Es klingt, als könnte das zwischen ihm und dem Verein doch noch eine Herzenssache geworden sein.
Beim Auswärtsspiel in Köln feiert Mitchell Weiser überraschend sein Comeback für Werder Bremen – und gibt Einblicke ins Gefühlsleben eines Langzeitverletzten.
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