Neuer Riesen-Club in München: Eine Techno-Halle wie zu Zeiten des Kunstparks Ost
Por Von Michael Zirnstein — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
Lesezeit: 3 Min.
Die Macher des geschlossenen DNA Clubs eröffnen im Werksviertel einen „Kulturspace“ für elektronische Musik. Das „Sonder“ soll nicht nur von der Größe her mit dem Berliner Berghain mithalten.
Es begann mit einer Hiobsbotschaft für die Technoszene: „München verliert den nächsten Club: DNA schließt nach nur drei Jahren“, titelte etwa das DJ Mag im Juli. Man bezog sich auf ein „emotionales Statement“ des Club-Teams selbst, das auf Instagram verkündete, dass der Club „in seiner jetzigen Form“ schließen müsse. Das traf die Szene der Raver ins tanzende Gebein: Nach dem Aus für MMA, Harry Klein und Blitz nun also auch das DNA, der Schrein für Techno-Pilger tief unten im Bauch des Werksviertels.
Bis zur großen Abschieds-Party Ende September gingen die Hardcore-Freunde der elektronischen Musik hier zum Tanzen wie andere in die Arbeit oder ins Fitnessstudio. Um halb eins nachts kamen sie, stopften ihre Jacken in die Spinde und ravten bis halb vier vor den riesigen Flutlichtleuchten aus dem Olympiastadion und einer für einen 190-Quadratmeter-Keller reichlich übertriebenen Soundanlage: die pure Ekstase im „Diverse Nightlife Aestethics“.
Nun ist klar: Die Ekstase kann weitergehen. Erst schöpften die Techno-Fans Hoffnung nach einer erneuten Instagram-Ansage des DNA-Teams: Das Club-Kapitel sei geschlossen, jetzt sei man in „Transition“, man erschließe gerade einen „Raum ohne Grenzen“: künstlerisch, physisch und kreativ. Einen Raum, der dem DNA-Team und Münchens Nachtleben neue Möglichkeiten eröffne.
Wo einst Druckwalzen rotierten, sollen nun Nachtschwärmer die Schicht übernehmen. Den Machern des Printhouse schwebt noch mehr vor als elektronische Musik: Ausstellungen, Jazz und Oper.
Nach einem ersten düsteren Foto einer Industriehalle mit eckigen Säulen ist jetzt auch bekannt, wo genau zumindest der physische Raum bald eröffnen wird: ein paar Schritte weiter, ebenfalls im Werksviertel. Unter einer 13 Meter hohen Decke, wo im ehemaligen Pfanni-Werk Kartoffeln lagerten, wo es später ein Musical-Unternehmen mit „Fack Ju Göhte“ und „Amelie“ als Dauerläufer versuchte, wo Werksviertel-Boss Werner Eckart dann sein eigenes Theater Werk7 betrieb, soll nun ein „Kulturspace“ für elektronische Musik entstehen. Platz wäre für bis zu 1500 Gästen – das ist in etwa so riesig wie einst zu legendären Techno-Urzeiten hier im damaligen Kunstpark Ost das „KW – das Heizkraftwerk“. Und wie aktuell das weltberühmte Berghain in Berlin oder das Bootshaus in Köln.
In dieser Liga wollen die Macher aus dem DNA-Team und weitere Kreative hier durchaus mitmischen. Einst im freien Feld der Techno-Kollektive verwurzelt („Traumtänzer“), haben Sie sich in den vergangenen Jahren hohe Professionalität sowie 1-A-Kontakte in der DJ-Szene aufgebaut. Aber die neue Halle soll weit mehr sein als ein Technoschuppen, als ein DNA in Groß. Sie nennen den Ort nun seltsam „Sonder“. Das kultige Neu-Wörterbuch „Dictionary of Obscure Sorrows“ beschreibt mit „Sonder“ einen Moment plötzlicher Erkenntnis, dass jeder fremde Mensch um einen herum ein Leben führt, das genauso vielschichtig, widersprüchlich und voller Gefühl ist wie das eigene. Diese Idee nimmt sich die Club-Truppe zur Philosophie: „Sonder steht für Perspektivwechsel und die Möglichkeit, immer wieder in neue Räume, Sounds und Produktionswelten einzutauchen und dadurch unterschiedliche Realitäten zu erleben.“ Also: nicht nur Techno.
Außer Clubnächten sind Konzerte, Ausstellungen und Listening Sessions geplant, auch ein „Well Being“-Konzept mit Fokus auf Gesundheit wird erdacht, etwa Ambient-Musik-Behandlungen am Feierabend. Sonder solle auch ein „Ort der Begegnung“ sein, sagt der einstige DNA- und jetzige Sonder-Mitbetreiber Patrick Mittermeier, so solle es einen Raum für Miteinander abseits der Tanzfläche geben. Dazu gehört auch eine eigene Bar (die „Sonder-Bar“?) und ein lauschiger Außenbereich, in dem möglicherweise wie im Bahnwärter Thiel ausrangierte U-Bahnen aufgestellt werden.
Man versteht sich „nicht als klassischer Nachtclub, sondern als kuratierter Raum für zeitgenössische Kultur: progressiv, offen und immer einen Schritt voraus. Hier sollen die Entwicklungen von morgen schon heute erlebbar werden“. Dazu gibt es mehrere Flächen, die unabhängig voneinander aber auch zusammen genutzt werden können, etwa die große Haupthalle, aus der inzwischen die alte Schulturnhalle-Tribüne aus dem „Fack Ju Göhte“-Musical entfernt wurde und vielleicht Emporen für die Tänzer eingebaut werden, aber auch eine kleine Club-Schachtel. Man will die Beton-Ästhetik bewusst bewahren, denn Industriehallen und Electro-Sound, das habe schon eine lange Tradition. Ein ehemaliges DNA-Mitglied denkt auch an Studios in der Etage über dem Foyer, in denen die internationale Electro-Szene aufnehmen und produzieren solle. München habe das Potenzial zur Techno-Stadt.
Wann genau es losgeht, ist noch nicht klar. Man werde bald mit einer Testphase beginnen: Außer für Partynächte solle vor allem die Hauptfläche, die Halle, künftig auch Raum für Ausstellungen aus Mode und Kunst, audiovisuelle Produktionen oder Firmenveranstaltungen bieten. „Bei einzelnen Events und Veranstaltungen kommen Flächen, Formate und Produktionen auf den Prüfstand, und das Publikum erlebt die Entwicklung mit“, schreibt das Team, „was sich bewährt, bildet die Grundlage für das große Opening Ende Januar.“
Für den Betreiber des Wohn-Arbeit-Kreativ-Quartiers am Ostbahnhof, Werner Eckart, schließt sich damit ein Kreis: „Ich wollte für das Werksviertel-Mitte von Beginn an unbedingt wieder einen Techno-Club, weil die Umnutzung des früheren Pfanni-Areals mit dem Ultraschall und Techno begonnen hat.“ Eckart hat schon das DNA unterstützt (der Vertrag war nicht gekündigt) und dem Team auch den „Knödelplatz“ für Open-Air-Raves mit bis zu 5000 Gästen zur Verfügung gestellt. Jetzt gibt Eckart sein Theater her, an dem er lange festgehalten hat: „Weil Techno von der Historie so gut zu uns passt und weil es in München schon sehr viele tolle Theater gibt“, sagt Eckart. Um die korrekte Erinnerung an diese rauschhafte Historie hatte es zuletzt im Zusammenhang mit der fiktionalen ZDF-Serie „München Beats“ einigen Wirbel gegeben, ebenso um die Rechte an der Marke und dem Logo „Kunstpark Ost“. Für den gegenwärtigen Hausherren des Geländes steht allerdings fest: „Techno war immer der Antrieb hier.“
Vor 30 Jahren begann auf dem alten Pfanni-Gelände eine legendäre Ära des Münchner Nachtlebens. Eine ZDF-Serie greift die Geschichte nun auf – doch statt Nostalgie gibt es Streit und Anwaltsbriefe.
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