Tischtennis-EM: Annett Kaufmann weint – und ist trotzdem nicht böse

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Por Von Ulrich Hartmann — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

Lesezeit: 3 Min.

Die deutsche Tischtennisspielerin trauert um einen verpassten EM-Titel. Dass ihre Endspielgegnerin eine Russin ist, die erst seit Kurzem wieder mitspielen darf, nimmt sie mit Größe hin.

Von Ulrich Hartmann

D ie neue Tischtennis-Europameisterin durfte ihre Herkunft nicht auf dem Trikot zeigen. Sie durfte bei der Siegerehrung ihre Nationalhymne nicht hören. Sie wurde in den Siegerlisten als Vertreterin der Provenienz „ETTU2“ geführt. Hinter dem Code „ETTU2“, so verriet es die Legende der Europäischen Tischtennis-Union, verbarg sich: Russland.

Die 23 Jahre alte Russin Elizabet Abraamian hat bei der Europameisterschaft in Ljubljana die Tischtenniswelt durcheinander gebracht. Erst im Juli waren russische und belarussische Spielerinnen und Spieler nach vierjähriger Sperre wieder für internationale Meisterschaften zugelassen worden. Diese Chance nutzte Abraamian auf Anhieb, um sich bei der EM durch die Qualifikation und das Hauptfeld hindurch mit acht Siegen in Serie zur neuen Europameisterin zu krönen. „Tischtennis bringt Menschen zusammen“, befand sie anschließend im Überschwang des Erfolgs. „Das ist mir unglaublich wichtig – auch deshalb liebe ich Tischtennis.“

„Manche Eltern schreiben mir, dass ich für ihre Kinder eine Inspiration bin“: Seit ihrem Olympiadebüt ist Annett Kaufmann, 18, so etwas wie Deutschlands Tischtennis-Influencerin. Nun tritt sie bei der WM an. Der Weg in die Weltspitze? Wird hart.

Wäre die Sperre der Russen im Juli nicht aufgehoben worden – wäre dann jetzt die Deutsche Annett Kaufmann Europameisterin? Das lässt sich so natürlich nicht beantworten. Tatsache ist, dass sich die 20 Jahre junge Kaufmann bei der EM mit fabelhaften Matches bis ins Endspiel vorgekämpft hat. Sie besiegte in der ersten Runde die ETTU2-Russin Marija Tailakowa, sie besiegte im Achtelfinale die 63 Jahre alte Luxemburgerin Ni Xia Lian und im Viertelfinale ihre 43 Jahre alte Kollegin in der deutschen Nationalmannschaft, Ying Han.

Im Halbfinale hatte Kaufmann ihre Doppelpartnerin Nina Mittelham bezwungen, mit der sie auch EM-Bronze geholt hatte. Und im Endspiel stand sie dann jener Russin gegenüber, die wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine jahrelang nicht international spielen durfte und dadurch im Nirwana der Weltrangliste verschwunden war. Nun taucht sie plötzlich als Europameisterin auf der Bildfläche auf.

3:4 unterlag Kaufmann im Endspiel. Es war maximal knapp. Es war dramatisch. Kaufmann weinte. Doch die in Wolfsburg geborene Tochter kasachischer Eltern war Abraamian beileibe nicht böse. Nach dem Endspiel umarmten sich die beiden innig, Kaufmann beherrscht ja die russische Sprache. „Wir sind gute Freundinnen“, hatte die Deutsche bereits vor dem Finale verraten: „Seit der Jugendzeit“ kenne man sich, „und wir haben uns bis ins Finale gegenseitig angefeuert. Wir sind faire Spielerinnen und mögen uns sehr.“

Auch Sportvorstand Richard Prause vom Deutschen Tischtennis-Bund erkannte Abraamians Leistung an. „Man hatte sie nicht unbedingt ganz vorn erwartet“, sagte er. „Man muss ihr gratulieren.“ Die Wiederzulassung russischer und belarussischer Spieler hält Prause angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine für eine „sensible Frage“. Die Entscheidung aber liege bei den Verbänden. „Für uns ist wichtig, zwischen der politischen Verantwortung Russlands für den Krieg gegen die Ukraine einerseits und den Sportlerinnen und Sportlern andererseits zu unterscheiden.“ Prause stellte im Gespräch mit der SZ klar: „Wer startberechtigt ist, dem begegnen wir im sportlichen Wettbewerb mit Fairness und Respekt.“

Dass Kaufmann nach ihrer Finalniederlage untröstlich war, erklärte sie erstaunlich reflektiert: „Ich bin es einfach nicht gewohnt, ein Finale zu verlieren.“ Diese Erklärung war weder Eitelkeit noch Arroganz, sondern nur die Wahrheit: „Fast immer, wenn ich in meiner Karriere in einem Finale stand, habe ich es gewonnen.“ 2022 wurde sie Junioren-Europameisterin und 2024 Junioren-Weltmeisterin. Im selben Jahr gewann sie das Finale um die deutsche Einzelmeisterschaft. Dreimal wurde sie mit der Nationalmannschaft Europameisterin. „Annett hat bei dieser EM einen großen Schritt gemacht“, sagte Sportvorstand Prause. „Sie wird weitere Titelchancen bekommen.“

Prause war nicht nur mit seiner Silbergewinnerin zufrieden, sondern auch mit den insgesamt fünf Medaillen, die Deutschland bei dieser Individual-EM gewonnen hat: Das Mixed Nina Mittelham/Benedikt Duda gewann Gold. Das Frauendoppel Mittelham/Kaufmann gewann Bronze. Auch Dang Qiu und Mittelham sicherten sich im Einzel jeweils Bronze.

Mit drei Medaillen war Mittelham, 29, quantitativ die erfolgreichste Teilnehmerin der EM. „Ich bin unglaublich stolz, wenn ich sehe, wo ich noch vor einem Jahr war“, sagte sie, „da habe ich nämlich gerade mal wieder angefangen, Tischtennis zu spielen.“ 2024 hatte Mittelham einen Bandscheibenvorfall erlitten, der sie bis Herbst 2025 mehr oder weniger außer Gefecht setzte. „Jetzt ist für mich schön zu sehen, dass ich auch über mehrere Tage das Niveau halten kann“, sagte sie am Sonntag: „dass mein Körper hält!“

Männer-Europameister wurde der Franzose Félix Lebrun, der zudem auch zusammen mit seinem Bruder Alexis den Doppeltitel holte. Das Frauendoppel ging an das polnisch-slowakische Duo Natalia Bajor/Tatiana Kukulkova.

Ein paar Enttäuschungen gab es im deutschen Team aber auch: Patrick Franziska war im Viertelfinale gegen Félix Lebrun chancenlos. Die mit Titelambitionen gestartete Sabine Winter scheiterte im Achtelfinale an der deutlich tiefer platzierten Französin Prithika Pavade. Die Topgesetzte Winter beklagte dabei ihr „Nervenkostüm“. Duda wiederum verlor im Viertelfinale gegen den Außenseiter Leo De Nodrest aus Frankreich, der Deutsche hatte nach seinem Mixed-Match tags zuvor kaum Schlaf bekommen. „Dass ich nach der Dopingkontrolle erst um drei Uhr im Bett war, ist Wahnsinn“, sagte Duda, „das ist eigentlich skandalös.“

Unbekümmert und frech hat die 18-jährige Annett Kaufmann die deutschen Tischtennisfrauen ins olympische Halbfinale gebracht – und mit fünf Siegen in fünf Einzeln alle überrascht. Ihre Karriere soll jetzt erst so wirklich beginnen.

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