Wiesnbummel von Hummels: Willkommen bei Cathys Content-Basar
Por Von Philipp Crone — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Die Tracht sehen sie als stringente Modelinie und die Theresienwiese als super Ort, um Insta-Posts zu kreieren. Einblicke in eine Parallelwelt, in der das Oktoberfest zur Kulisse wird.
Von Philipp Crone
Influencer haben ganz eigene Probleme. Chris Krömer und Sabrina Nickel zum Beispiel. Die beiden stehen am Montagmittag vor der neuen Rischart-Zentrale, aus der schon seit zwei Stunden die Beats dröhnen zur Untermalung von Cathy Hummels’ längst traditionellem Wiesnbummel, zu dem sich Oktoberfest-Prominenz und Influencer-Kolleginnen und -Kollegen seit Jahren treffen. Und wo es am ehesten eine Antwort gibt auf die Frage, wie man in dieser Branche erfolgreich wird.
Der Bummel beginnt immer mit einem sehr ausgiebigen Treffen vorab zwischen Ständen und mit Bühne. Eine Art Markt für Geschichten und Motive, die Hummels’ Gäste in ihren digitalen Kanälen verwerten können. Eine Art Content-Basar also, dem Krömer und Nickel gerade kurz entfliehen und sich in die Sonne stellen. Die beiden sind ein Paar, exakt seit dem Wiesnbummel des vergangenen Jahres, und sie spielen in einer ähnlichen Follower-Liga.
Sie ist im Bereich Mode aktiv und hat 432 000 digitale Anhänger, während er nur 402 000 aufweisen kann. Krömer, der bekannt geworden ist mit Geschichten über seine Oma Lissi, die er von 2018 an begleitete, sagt lachend: „Dafür habe ich bei Tiktok eine Million.“ Wie das kam? Wie er Influencer wurde? Eher Zufall. Er besuchte regelmäßig die Oma und begann, davon auf Instagram zu erzählen.
Reise-Influencerin Janina Witte sagt, dass der Start sehr harte Arbeit gewesen sei, sie habe 2022 Firmen und Hotels angeschrieben, hatte bereits ein paar Kontakte aus ihrer Zeit als Boulevardjournalistin. Und Geld investiert habe sie auch zunächst in die Idee, habe bei einer Abendeinladung in ein Luxushotel auch mal die Übernachtung selbst bezahlt, um die Geschichten, also den Content, wie es in der Branche heißt, besser transportieren zu können. Und das Hotel verlinken, was zu steigender Aufmerksamkeit und entsprechend zunehmender Anhängerzahl führt. Aber all das funktioniert auch nicht immer.
Die Geschichten, die hier erzählt werden, erinnern an die von erfolgreichen Start-ups. Eine Idee verfolgen, hartnäckig bleiben und ein bisschen Glück haben. Wie auch Ben Wagner, der als Pilot einer großen deutschen Fluglinie arbeitet. „Ich habe vor zehn Jahren nach einer verlorenen Wette ein paar Bilder aus dem Cockpit geteilt und nach vier Monaten ging das durch die Decke.“ Aktuell hat er knapp 600 000 Follower. Die Zahl variiert, er habe mal ein halbes Jahr Pause gemacht, da seien es gleich 40 000 weniger gewesen.
Witte erzählt freimütig, dass ihre Ehe das Influencerleben nicht überlebt habe. „Die Kinder sind drei und 13, mein Mann und ich sind in Scheidung.“ Auffallend ist, dass hier jeder druckreif spricht, alle aussehen, als ob sie einem Hochglanzmagazin entsprungen sind, und kein einziger Gegenstand im Raum unfotogen ist. Ob es das Hummels-Eis ist oder das Backwaren-Buffet, die Anstecker und die Klammern.
Man kann sicher die Selbstvermarktung, die ja absoluter Kern dieses Geschäftszweiges ist, anstrengend und aufdringlich finden. Aber klar ist auch: Es wirkt. Hier wird nichts dem Zufall überlassen, damit es so leicht aussieht im Feed, ist sehr viel Mühe notwendig. Wer wüsste das besser als die Gastgeberin Cathy Hummels, die in jedem Interview mit ihren Gästen die Vorzüge ihres Bummels perfekt beiläufig bewirbt. Ihre Bonuskarte etwa, mit der man an verschiedenen Stellen etwas gratis bekommt, „probier die Ochsenfetzensemmel!“ Und eine Hymne auf das große Volksfest kann sie jederzeit aus dem Stand singen.
An Tag zwei der Wiesn zeigen sich die üblichen Promis beim Feiern im Käferzelt. Manch einer mit emotionalem Ballast. Nur Heidi Klum nicht. Die tanzt fröhlich aus der Reihe, übers Festgelände und überrascht beim „Gay Sunday“ mit einem Auftritt.
Die Frage, wie man erfolgreich wird in diesem Job, wird zwar am Montag nicht zufriedenstellend beantwortet, dafür das Phänomen Oktoberfest und warum es in den digitalen Kanälen so gut funktioniert umso besser. Da kommen die Erklärungen wie Böllerschüsse.
„Es ist einfach eine Art Schlaraffenland“, sagt Hummels, „eine Auszeit von den Krisen der Welt“, und wecke mit seinen Karussells und der Zuckerwatte immer wieder Kindheitserinnerungen. Außerdem schätzten es die Menschen, wenn der Dresscode klar ist. Ihr Fazit: „Auf dem Oktoberfest ist einem eben für diesen einen Tag einfach alles egal.“ Hummels ist jetzt in ihrem Element, sie kann dann auch mit einem breiten Lächeln sagen, dass sie die neu erhobene Abgabe der Stadt München für Influencer völlig in Ordnung findet. Anders als etwa Reise-Kollegin Witte, die über die neue Regelung sagt: „Das ist schade.“
Witte lächelt aber gleich wieder ganz ausdauernd und ergänzt zum Phänomen Wiesn, dass gerade die in den sozialen Netzwerken so erfolgreichen Bereiche wie Mode und Reise ideal zum Oktoberfest passen. Die Wiesn hat mit der bayerischen Tracht nahezu eine eigene Modelinie und die Menschen reisen aus der ganzen Welt an. „Hier kommen Menschen und Marken zusammen.“
Bis der Bummel rüberzieht auf die Festwiese, um noch mehr Content von vor Ort zu kreieren, laufen die Kameras und Handys aber schon in der Rischart-Halle heiß. „Viva Colonia“ in rasanter House-Version läuft dazu als Soundtrack. Mag anstrengend und übermotiviert klingen, ist es auch. Aber andererseits auch effektiv. Es geht eben nicht um das Hier und Jetzt, sondern um die Verarbeitung, um die positive Emotion später auf den Handydisplays.
Und da ist das Oktoberfest eben unschlagbar. Wo gibt es schon eine zwei Wochen lang aufgebaute Kulisse, in der wie sonst vielleicht nirgends auf der Welt der Eindruck von Geselligkeit, Leichtigkeit und Lebensfreude erweckt wird? Diese Botschaft wird die Influencer-Kohorte um Hummels am Montagabend auf jeden Fall wieder in Terabyte-Stärke weiterverbreiten.
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