VfB Stuttgart: Dem Spiel täte ein Undav gut
Por Von Christof Kneer, Stuttgart — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
Lesezeit: 4 Min.
Beim 1:1 gegen Atlético zeigt der VfB Stuttgart wieder die Qualitäten eines Spitzenteams. Trainer Hoeneß beschert das die Aufgabe, seine Elf für die kleinere Bundesliga-Bühne genauso zu motivieren wie für große europäische Abende.
Von Christof Kneer, Stuttgart
A m Dienstagabend um 21.39 Uhr hatte der VfB Stuttgart sein Ziel erreicht. Nicht dass irgendjemand in Stuttgart daran gezweifelt hätte, das musste ja so kommen, es war die logische Zuspitzung der vergangenen drei Jahre. Erst die überstandene Abstiegsrelegation mit dem Trainer Sebastian Hoeneß, dann die spektakuläre Saison als Bundesligazweiter, anschließend der DFB-Pokalsieg, ein weiteres Pokalfinale, eine weitere Qualifkation für die Champions League – und jetzt eben, fürs Protokoll um 21.39 Uhr, war der VfB Tabellenführer der Champions League. Mit aggressivem Gegenpressing hatten die Stuttgarter der aggressivsten Elf Europas, Atlético Madrid, gerade den Ball abgeknöpft, der eher großräumig veranlagte Jamie Leweling war vorübergehend zum Kleinkünstler geworden, ein schneller Haken, ein Schuss, ein Tor, 1:0. Der Sieg bei der Klub-WM war in diesem Moment nur noch eine Frage der Zeit.
„Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey“, riefen die VfB-Ultras in der nahen Cannstatter Kurve, es war die Wahrheit und trotzdem ein Superwitz. Er habe „auf dem Platz kurz lachen müssen“, sagte Stuttgarts Mittelfeldspieler Grischa Prömel nach dem Spiel, das 1:1 endete und den VfB unter der 36 besten Mannschaften Europas vorläufig auf Rang drei zurückwarf. Wer die Tabellenführung in der Champions League fotografieren und für die Nachwelt festhalten wollte, musste allerdings schnell sein. Denn als die schwäbischen Anhänger noch ihr Spitzenreiterle besangen, schoss drüben in Paris der PSG-Spieler Désiré Doué das 1:0 gegen Barcelona (um den Superwitz noch besser zu machen: In Entstehung und Abschluss ähnelte der PSG-Treffer dem von Leweling wie ein naher Verwandter). Etwa eine Minute hatte die Tabellenführung des VfB also nur gehalten, aber gut: Auch nach Doués Tor lagen die Stuttgarter noch vor nachrangigen Mannschaften wie Liverpool, Barcelona oder Manchester City.
Nach dem 2:1 bei FK Sabah ist der BVB nur halbzufrieden, weil die Kovac-Elf weiterhin schwer Lösungen gegen tiefe Deckungen findet. Ein anderes Problem lässt sich in Baku aber beheben.
Was soll man bloß halten von diesem VfB? Denn dieser Teil des Superwitzes trägt ja einen ernsten Kern in sich: Ja, der VfB hat in der Tabelle der großen europäischen Spitzenliga aktuell 33 Teams hinter sich gelassen. Aber in der Tabelle der kleinen deutschen Bundesliga liegen zwölf Teams vor ihm, unter anderem die SV Elversberg. Im Butter-Brezel-Geschäft Bundesliga – wie Karl-Heinz Rummenigge, wäre er Schwabe, bestimmt sagen würde – hat der VfB einen kapitalen Fehlstart hingelegt.
„Zu wissen, dass man auf europäischem Topniveau mit so einem Gegner mithalten kann, das macht schon was mit einer Mannschaft“, sagte der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth später. Tatsächlich konnte man sich vor allem in der ersten Halbzeit fragen, ob sich das berüchtigte Atlético Madrid nur professionell zurückhielt, um dem naiv begeisterten Gegnerchen irgendwann in bewährtem Zynismus das Spiel zu verderben. Oder ob die Gäste wirklich überrumpelt wurden von dieser knallvoll geladenen, brutal konzentrierten Mannschaft aus Deutschland und von diesem vibrierenden Stadion, dem man manchmal anmerkte, dass es ganz schön stolz auf sich war (und daraufhin noch mehr vibrierte).
Einiges spricht für die zweite Theorie: So wie es in der ersten Halbzeit lief, wollten es die Spanier dann doch nicht. Sie wollten nicht dauernd diesem Chris Führich hinterherrennen, sie wollten sich nicht von diesem Angelo Stiller den Rhythmus befehlen und von diesem Jeff Chabot jeden Ball wegnehmen lassen. Und Stuttgarts Spielmacher Bilal El Khannouss nahm keine Rücksicht darauf, dass man nicht gleichzeitig rechts und links spielen kann, er war überall und nirgendwo zu fassen, spielte einen Hackendoppelpass mit diesem Führich und haute im nächsten Moment eine Grätsche raus.
Heilig’s Blechle, könnat die kicka!, dürfte sich das schwäbische und vielleicht sogar das spanische Publikum gedacht haben. Aber wer den Blick von den wilden Emotionen des Abends löste, landete wieder beim nüchternen Satz des Sportvorstands Wohlgemuth: Ja, es wird darauf ankommen, was dieser Abend mit der Mannschaft macht. Es kann immer noch in alle Richtungen gehen.
Der Trainer Hoeneß ist als Erschaffer dieser Elf bereits umfänglich besungen worden, aber nun, so scheint es, steht erst die wahre Hoeneß-Saison bevor. Was man gerne über Spieler sagt, gilt auch für ihn: Der Trainer muss nun den nächsten Schritt machen, ihm muss gelingen, was für Europas Spitzentrainer selbstverständlich ist. Er muss seine Elf in höchstem Rhythmus unter Spannung und im Gleichgewicht halten. Denn so sehr dieser feierliche Abend die Qualitäten seiner Elf ausstellte, so sehr galt auch das Gegenteil: Die Champions League zog einen Goldrand um die Mängelliste des VfB, die es weiter abzuarbeiten gilt.
Das 15-Minuten-Loch, in das die Stuttgarter zuletzt nach der Halbzeit beständig plumpsten, hat sich zu einem 1,5-Minuten-Loch verkleinert, das reichte aber immer noch, um Atlético ein widerstandslos hingenommenes Ausgleichstor durch Julián Álvarez
zu ermöglichen (47.). Und als sich Atlético darauf besann, dass es ja einen Ruf zu erfüllen hat und sich durch einen üblen Tritt des Mittelfeldspielers Morten Hjulmand pflichtbewusst eine rote Karte organisierte (64.), offenbarte sich wieder das Effizienzproblem des VfB. Aus zwei aussichtsreichen Kopfballchancen (Prömel/66., Chabot,/81.) entstanden null Tore, so wie am vorigen Samstag in Hamburg aus zwei aussichtsreichen Kopfballchancen null Tore entstanden waren. Ja, der VfB hatte Atlético am Rand einer Niederlage, aber halt auch den HSV. Und gegen den haben sie sogar noch 0:1 verloren.
Zu den Erkenntnissen dieses Abends gehörte nicht nur, dass dem VfB-Spiel mal wieder ein Undav guttäte. Der Kapitän startete gut, wirkte mit zunehmender Spieldauer aber immer kraftloser und kam dem Spiel am Ende einfach abhanden. Aber ebenso offenkundig wurde, wie sehr die VfB-Profis Unterschiede zwischen den Wettbewerben machen. El Khannouss wollte erkennbar dringend im europaweiten Champions-League-Zusammenschnitt vorkommen, auch dem ein oder anderen Mitspieler lässt sich unterstellen, dass die rasante Pressingvorführung von der Champions-League-Bühne bei einem Ligaspiel in Hamburg womöglich etwas weniger rasant ausfällt. Große Mannschaften können sich diese Art von Bühnenmanagement aus Erfahrung leisten, der VfB kann das nicht.
Das wird Hoeneß’ große Aufgabe werden in dieser Saison: Das Spiel gegen Madrid hat gezeigt, dass theoretisch alles da ist, was ein Trainer braucht. Und es wird nun ganz praktisch darum gehen, die Elf planvoll durch die Wettbewerbe zu navigieren und den Spielern zu vermitteln, dass sie das Atlético-Spiel als Bestätigung und Aufbruchssignal nehmen sollten. Und nicht als Anlass, sich am Freitag gegen den Bundesliga-Tabellenletzten aus Mönchengladbach wie ein Spitzenteam der Champions League zu fühlen.
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