TV-Berichterstattung: Wie Merz den „Schicksalsabend“ für sich absagte
Por Von Stefan Niggemeier — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Kurz sah es so aus, als würde der Kanzler etwas „ganz, ganz Wichtiges“ sagen. Aber dann unterbrach er doch nur für viereinhalb Minuten die Rituale einer Wahlberichterstattung, die selbst im Umgang mit dramatischen Ergebnissen inzwischen Routine hat.
Von Stefan Niggemeier
Für die Fernsehmacher ist so ein Wahlabend auch bloß ein Krimi mit anderen Mitteln. Dass es „spannend“ wird, versprechen sie den Zuschauern üblicherweise. Dass es dramatisch werden könnte, darauf ist man in diesen Zeiten ohnehin eingestellt. Aber dann legte Markus Preiß, der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, noch einen drauf.
Ein „Schicksalsabend für Friedrich Merz“ werde es, kündigte er noch vor der ersten Prognose an. Der Kanzler habe die CDU-Ministerpräsidenten „quasi zwangsversammelt“ im Konrad-Adenauer-Haus, auch um sicherzustellen, dass da nicht zu viel telefoniert wird. Und die außerordentliche Dramatik der Situation machte er daran fest, dass der Kanzler offenbar plane, sich an diesem Abend noch öffentlich zu erklären. „Ein Bundeskanzler nach einer Landtagswahl!“ Ein Novum!
In Mecklenburg-Vorpommern verpasst die CDU zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Einzug in einen Landtag. Doch der Kanzler will einfach weitermachen.
Als Laie würde man annehmen, dass eine CDU, die um den Einzug in ein Landesparlament bangen muss, schon Novum genug ist, aber symbolisch scheint so ein Kanzler-Statement am Wahlabend statt am Tag danach noch mal eine ganz andere Nummer zu sein. Man setzte sich aufrecht aufs Sofa, bereitete sich innerlich darauf vor, Jahre später die Frage beantworten zu können: „Wo warst du, als der Kanzler schon am Wahlabend einer Landtagswahl vor die Presse trat?“, und sah Minuten später, wie Preiß das Bild vom „Schicksalsabend für die CDU“ wiederholte, dieses Mal bestätigt durch Live-Bilder eines noch leeren Pultes im Konrad-Adenauer-Haus vor sorgfältig gefalteten Deutschland- und Europaflaggen.
Er kam dann tatsächlich, der Kanzler, und verdrängte für viereinhalb Minuten alle anderen. Selbst die Beinahe-Wahlsiegerin Manuela Schwesig, die zeitgleich in Schwerin vor ihre Anhängerinnen und Anhänger trat, wurde nur tonlos klein eingeblendet. Ohne die Einordnung von Preiß als außerordentliche Abweichung vom üblichen Wahlabendkommentierungsprotokoll hätte man vielleicht nichts erwartet und wäre ein bisschen weniger enttäuscht gewesen von dem Nichts, dem man dann beiwohnte. Und tatsächlich ging, sobald Merz zu Ende geredet hatte, der übliche Hin- und Herschalt-Marathon bei ARD und ZDF weiter. Irgendwie hatte Merz den „Schicksalsabend“ für sich abgesagt.
Später arbeitete Preiß die Situation mit einer Kollegin in der CDU-Zentrale auf. „Ganz ungewöhnlich“ sei es gewesen, sagte er noch einmal, dass der Kanzler sich zu Wort meldete. Und Kerstin Palzer schilderte, wie „hier wirklich ein Raunen durch die anwesenden Pressevertreter“ ging, als eine Sprecherin ankündigte: „Es wird alles anders“ – aber damit nur meinte, dass der Bundeskanzler nach der ersten Prognose spreche. „Das hat es tatsächlich in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben“, erläuterte sie. „Die ungewöhnliche Situation hätte auch dazu führen können, dass etwas ganz, ganz Wichtiges gesagt wird vom Kanzler.“ Als Hauptstadtjournalist muss man viel Fantasie haben.
Stattdessen hat Merz aber noch mal die Reformen verteidigt und betont, er bleibe Kanzler und CDU-Vorsitzender. „Insofern war es auch eine kleine Überraschung: dafür dieses ungewöhnliche Statement gleich nach der Prognose.“ Preiß fasste zusammen: „Also kommunikativ was ganz Besonderes.“
Das traf deutlich unmittelbarer auf die Versuche zu, mit der Berliner Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp zu reden. Ihre Partei feierte ihr sensationelles Wahlergebnis mit einer entsprechenden Ausgelassenheit und Lautstärke, die dazu führte, dass die Interviewer und sie einander anbrüllen mussten. Es hatte etwas vom Versuch, Koalitionsverhandlungen in einer Großraumdisco zu führen, aber zum Glück wird bei diesen Statement-Abfragen am Wahlabend ohnehin fast nie etwas gesagt, was man sich nicht denken könnte oder was am Tag darauf noch Folgen hätte. Der journalistische Versuch, eine Politikerin, die mit der Forderung nach der Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen gerade ein sensationelles Ergebnis erzielt hatte, dazu zu bewegen, diese Forderung als verhandelbar aufzuweichen, scheiterte jedenfalls erwartbar, und nicht nur am Getöse.
Vielfach erprobte Kommunikationsroutine ist längst auch die Frage des Personals von ARD und ZDF an AfD-Leute, was sie denn jetzt mit ihrem Wahlsieg anfingen, es wolle ja doch niemand mit ihnen koalieren. Die AfD-Leute antworten darauf, dass sie ja ihrerseits mit allen Parteien reden würden und durchaus bereit wären, mit jedem politisch Andersdenkenden zusammenzuarbeiten, der exakt ihre Politik unterstütze.
Zur Normalisierung der rechtsradikalen AfD trägt allerdings nicht nur das Wahlergebnis als solches bei. ZDF-Moderator Christian Sievers präsentierte noch vor der Schließung der Wahllokale eine Umfrage, die belegen sollte, wie groß die Polarisierung in Mecklenburg-Vorpommern sei. Auf die Frage, wen sie lieber als Ministerpräsidenten hätten, die SPD-Frau oder den AfD-Mann, sprachen sich die Wähler aller anderen Parteien außer der AfD mit größten Mehrheiten für die SPD-Frau aus. Sievers wertete es als Zeichen der extremen Polarisierung, dass selbst 78 Prozent der CDU-Anhänger bei dieser Auswahl für Schwesig seien – als wäre es normaler, wenn Konservative für einen Vertreter einer in Teilen rechtsextremen Partei wären.
Und der Leiter des ZDF-Studios in Mecklenburg-Vorpommern, Bernd Mosebach, sagte in seiner Analyse in der „heute“-Sendung: „Die Polarisierung hat hier zugenommen. Dieser Wahlkampf hat gezeigt, dass sich beide Seiten nicht viel geschenkt haben. Der Ton auf Wahlkampfveranstaltungen war sehr unversöhnlich.“ Als wären es einfach zwei normale politische Lager, die einander da „unversöhnlich“ bekämpften.
Nicht hilfreich ist es auch, wenn Journalisten die falsche Floskel vom „Regierungsauftrag“, den „der Wähler“ der Partei mit den meisten Stimmen gegeben habe, benutzen. Einen solchen „Auftrag“ gibt es ohne absolute Mehrheit nicht. Der stärksten Partei steht keineswegs ein Anspruch auf Regierungsbeteiligung zu. Parteien nehmen ihn natürlich gerne für sich in Anspruch. Aber auch die Moderatoren von ARD und ZDF sprachen immer wieder selbst von einem „Regierungsauftrag“, als stehe etwa der AfD in Mecklenburg-Vorpommern (oder der Linken in Berlin) eine solche Rolle zu.
Was bleibt von diesem Wahlfernsehabend in Erinnerung? Vielleicht der Moment, als Alice Weidel behauptete, die Linke wolle „Reiche erschießen lassen“, und sich ZDF-Politikchefin Shakuntala Banerjee hilflos in die Formulierung flüchtete, das müsse man noch mal überprüfen – als sei das eine reale Möglichkeit (für eine entsprechende Wortmeldung von 2020 haben sich alle Beteiligten längst entschuldigt).
Ach so, und irgendwas war mit Merz.
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