Trekking-Tourismus im Himalaja: Wie sicher sind Reisen nach Nepal?
Por Von Nadine Regel — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Mehrere Sturzfluten haben in Nepal Hunderte Menschen getötet. Straßen und Trekkingrouten sind unpassierbar geworden. Für die Einheimischen, die vom Tourismus leben, ist das existenzbedrohend.
Von Nadine Regel
Es waren dramatische Bilder, die um die Welt gingen: Am 26. August löste ein Fels- und Eisabbruch am Langtang Lirung in Nepal nahe der Grenze zu Tibet eine Sturzflut aus.
Geröllfluten schossen ins Tal und rissen binnen Sekunden alles mit sich, Gebäude, Straßen, Menschen.
Mehr als 1000 Tote sind bestätigt, allein in Nepal gelten noch immer mehr als 5000 Menschen als vermisst.
Und das war nicht die letzte Katastrophe, die das Land im Himalaja heimsuchte. Ende September beschädigten heftige Regen- und Schneefälle Straßen und Trekkingwege. Und am 11. Oktober blockierte ein Erdrutsch den Fluss Budhi Gandaki in der Manaslu-Region im Distrikt Gorkha und löste eine Flut aus. Hotels und Lodges wurden zerstört, Wohnhäuser und Brücken weggerissen. Abschnitte der beliebten Trekkingroute Manaslu Circuit wurden unpassierbar.
Für viele Menschen in der Region steht damit die wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel: Die Extremereignisse treffen Nepal mitten in der wichtigsten Phase der Trekkingsaison. Fast 40 Prozent der Touristen, die das Land pro Jahr besuchen, kommen von September bis November.
Gerade nach Katastrophen sei der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle für Guides, Träger, Lodgebetreiber und auch für die Gemeinden, sagt Tanja Rochus, Bereichsleiterin Touristik bei Hauser Exkursionen in München: „Ein vollständiger Verzicht auf Reisen ist nicht automatisch die beste Lösung.“ Die Sicherheit ihrer Reisenden und Mitarbeitenden habe aber Vorrang. Hauser Exkursionen prüfe deshalb gemeinsam mit lokalen Partnern, welche Routen begehbar seien und wo Anpassungen nötig würden. Zum Beispiel im Langtang-Tal nördlich von Kathmandu. Die Trekkingroute im Tal sei von der Sturzflut im August nicht betroffen gewesen, allerdings seien Zufahrtsstraßen beschädigt. „Daher haben wir eine alternative Route zum Tal entwickelt, um einen sicheren Transport zu gewährleisten“, sagt Rochus. Derzeit könnten alle Trekkingreisen des Veranstalters in Nepal stattfinden.
Auch die Vereinigung der Trekkingagenturen in Nepal (TAAN) teilt mit, dass die meisten großen Trekkingrouten geöffnet seien. Beschädigte Wege und Straßen würden weiter instand gesetzt. Als nicht betroffene Regionen gelten Kanchenjunga, Makalu, Everest, Rolwaling, Helambu, Dhaulagiri und Dolpo. Touristen, die für die Manaslu-Region bereits Permits erhalten haben, dürfen diese nach Behördenangaben für die Annapurna-Region verwenden.
„Von einer normalen Saison kann keine Rede sein“, sagt Billi Bierling. Die deutsche Nepal-Expertin und Höhenbergsteigerin betreut die Himalayan Database in Kathmandu, die Expeditionen in Nepal dokumentiert. Die Probleme reichen weit über den Trekking-Tourismus hinaus: Expeditionen an den Achttausendern Manaslu und Dhaulagiri wurden wegen Lawinengefahr abgebrochen.
Am Himlung Himal, einem beliebten Siebentausender nahe der tibetischen Grenze, verschüttete eine Lawine das Basislager. Mindestens 15 nepalesische Arbeiter kamen ums Leben.
Die heftigen Niederschläge in Teilen Nepals Ende September standen unter anderem im Zusammenhang mit einem ausgeprägten Tiefdruckgebiet über dem Golf von Bengalen. Insgesamt aber war der Monsun in diesem Jahr sogar unterdurchschnittlich: Landesweit erreichte die Niederschlagsmenge über die gesamte Saison nur 94,5 Prozent des langjährigen Mittelwerts, in den ersten 60 Tagen sogar nur 89,9 Prozent. Das globale Wetterphänomen El Niño kann in Nepal einen schwächeren Monsun und damit Trockenheit begünstigen. In diesem Jahr rechnet die Weltorganisation für Meteorologie mit einer besonders heftigen Ausprägung, die durch die Erderwärmung offenbar zusätzlich verstärkt werden.
Der aktuelle El Niño sprengt alle Rekorde. Zufall? Keineswegs: Das Klimaphänomen wird offenbar mit der Erderwärmung stärker. Die Konsequenzen wären beunruhigend.
Bierling sieht in Nepal vor allem ein grundlegendes Problem: „Der Monsun hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter nach hinten verschoben.“ In diesem Jahr habe er erst am 19. Juni begonnen und erst vom 14. Oktober an hätten die Niederschläge merklich nachgelassen. Sie empfiehlt, frühestens Mitte Oktober, besser noch im November nach Nepal zu reisen. Umleitungen wegen beschädigter Wege oder Brücken könnten längere Etappen und zusätzliche Höhenmeter mit sich bringen. Reisende sollten deshalb genügend Zeit einplanen und eine Versicherung abschließen, die auch Helikopterbergungen abdeckt.
Die Klimaforscherin Friederike Otto kann insbesondere die schwere Sturzflut im August wissenschaftlich einordnen. Die Professorin am Imperial College London und Mitbegründerin von World Weather Attribution untersuchte mit einem internationalen Team die Katastrophe am Langtang Lirung. In ihrer Analyse kommen die Forschenden zu dem Schluss, dass die menschengemachte Erderwärmung den Hang destabilisiert haben könnte – etwa durch tauenden Permafrost und schmelzende Gletscher. Weltweit beeinträchtige der Klimawandel die Stabilität von Hochgebirgen. Nepal verfügt zwar über Frühwarnsysteme, doch die Katastrophe entwickelte sich mit einer derart enormen Geschwindigkeit, dass kein Alarmsystem ausreichend Zeit für eine Evakuierung hätte verschaffen oder das Ausmaß der Zerstörung verhindern können, sagt Otto.
Nepal trägt vergleichsweise wenig zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei, leidet aber stark unter ihren Folgen. Internationale Hilfsinstrumente wie der Fonds für Schäden und Verluste reichen bislang kaum aus. Betroffene Länder können aktuell pro Antrag höchstens 20 Millionen US-Dollar (rund 18 Millionen Euro) erhalten – weniger als ein Prozent der Schäden durch die jüngsten Katastrophen. An diesem Donnerstag soll nun in einer Sondersitzung über mögliche Soforthilfen für Nepal beraten werden.
Mitte September traten etwa ein Dutzend junge Menschen im Manaslu-Basislager in den Hungerstreik. Sie forderten von der internationalen Gemeinschaft und der nepalesischen Regierung mehr Schutz vor den Folgen des Klimawandels; unter anderem verlangten sie regelmäßige Kontrollen gefährlicher Gletscherseen, um Überflutungen zu verhindern. Als die Provinzregierung ihnen zusagte, sich mit ihren Vorschlägen zu befassen, beendeten sie den Hungerstreik nach drei Tagen.
Für Klimaforscherin Otto darf die Verantwortung für die Folgen der Klimakrise nicht allein bei den Menschen am Ort liegen. Sie fordert die Industrieländer auf, den Ausstieg aus fossilen Energien voranzutreiben und besonders gefährdete Länder finanziell stärker zu unterstützen. „Hoffnung muss man sich erarbeiten“, sagt Otto.
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