Reformdebatte: Wie das Rentenpaket gerettet werden soll

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Por Von Roland Preuß, Berlin — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

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Reformdebatte Wie das Rentenpaket gerettet werden soll

25. September 2026, 15:04 Uhr |

Lesezeit: 4 Min.

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Senioren genießen den Ausblick von der Seebrücke Graal-Müritz auf die Ostsee.
Senioren genießen den Ausblick von der Seebrücke Graal-Müritz auf die Ostsee. Foto: Philip Dulian/picture alliance/dpa

Zusammenfassung

  • Nach den Wahlen in Ostdeutschland suchen Union und SPD dringend nach Kompromissen, um ihre umstrittene Rentenreform zu retten.
  • Diskutiert werden Korrekturen an der „Rente mit 63", etwa strengere Beitragsjahr-Regeln, höhere Altersgrenzen oder geringere Abschläge für langjährig Versicherte.
  • Der Einigungsdruck ist groß, da die Abschaffung der Frührente langfristig rund zehn Milliarden Euro einsparen soll, um andere Reformteile zu finanzieren.

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Nach den Wahlen im Osten sprechen Union und SPD über Änderungen an der Reform – hauptsächlich bei der „Rente mit 63“. Welche könnten das sein?

Von Roland Preuß, Berlin

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Es hilft jetzt, sich anzusehen, was Franz Müntefering damals durchgesetzt hat. Als der Arbeitsminister von der SPD den schrittweisen Anstieg des Rentenalters auf bald 67 Jahre einführte, da eröffnete er auch die Möglichkeit zur abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren. Es war der Vorläufer des Modells, das heute so umstritten ist. Bei Müntefering aber galten strengere Regeln: Für die abschlagsfreie vorzeitige Rente musste man mindestens 65 Jahre alt sein – und für die 45 Beitragsjahre zählten, anders als heute, keine Zeiten der Arbeitslosigkeit. Das war vor fast 20 Jahren. Heute steht das Nachfolgemodell im Zentrum einer Rentendebatte, die diese Woche schnell Tempo aufgenommen hat. Sie könnte noch einige Änderungen erbringen.

Die Ausgangslage

In der Woche nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern suchen die Koalitionäre dringend nach Wegen, ihre Rentenreform zu retten. Zum Auftakt sah es noch so gut aus. Als Ende Juni eine Regierungskommission aus Fachleuten und Abgeordneten von Union und SPD Vorschläge für eine umfassende Rentenreform präsentierten, da versprachen Kanzler Friedrich Merz und die SPD-Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil, man wolle die 33 Empfehlungen als Ganzes umsetzen. Arbeitsministerin Bas adelte die Vorschläge zum „Gesamtkunstwerk“. Bald aber meldeten sich mehr und mehr Gegner, allen voran die ostdeutschen Ministerpräsidenten. Nach den Wahlen stehen Teile des „Gesamtkunstwerks“ nun vor der Demontage.

In der CDU machen viele die Rentenpläne mitverantwortlich für die katastrophalen Ergebnisse vom Sonntag, bei der SPD geht trotz Verlusten Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gestärkt aus der Wahl hervor. Sie hat die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente im Wahlkampf abgelehnt. Merz will die Rentenreform durchziehen, die SPD-Spitze dagegen beschleichen Zweifel; Bas fordert einen „Realitäts- und Gerechtigkeitscheck“ bei den Reformen. Für diesen Samstag hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in 15 Großstädten zu Protestkundgebungen gegen die Reformpläne aufgerufen.

Die Kritikpunkte

Jahre der Arbeitslosigkeit zählten bei ihm noch nicht: Der damalige Arbeitsminister Franz Müntefering im Jahr 2006. Er hatte die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren eingeführt.
Jahre der Arbeitslosigkeit zählten bei ihm noch nicht: Der damalige Arbeitsminister Franz Müntefering im Jahr 2006. Er hatte die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren eingeführt. Foto: Steffen Kugler/picture-alliance/ dpa

Die geltende Regelung für die abschlagsfreie Frührente ermöglicht Menschen, die 45 Jahre Beiträge zur Rentenkasse angesammelt haben, zwei Jahre vor der regulären Altersgrenze ohne die sonst fälligen Abschläge in Rente zu gehen. Das Modell wurde bekannt als „Rente mit 63“. Allerdings steigt die Altersgrenze parallel zur regulären Rente an und liegt inzwischen bei 64 Jahren und acht Monaten. Fast 30 Prozent aller neuen Altersrentner nutzen die abschlagsfreie Frührente, das Modell ist sehr beliebt.

Aber es ist nicht gerecht, argumentiert die Regierungskommission. Es profitierten vor allem Besserverdienende, Gesündere und Männer, sie werden von anderen, auch Geringverdienern, subventioniert. „Von der ‚Rente mit 63‘ profitieren diejenigen, die länger arbeiten könnten. Hier mit dem Begriff Gerechtigkeit zu arbeiten, ist etwas komisch“, sagt Peter Haan, Wirtschaftsprofessor an der FU Berlin und Leiter der Abteilung Staat am DIW.

Ministerpräsidentin Schwesig und auch die Linke dagegen argumentieren, das Modell belohne Menschen, die besonders lange arbeiten und in die Rentenkasse einzahlen. So sieht das auch der DGB. Die gesetzliche Rente dürfe keine Verfügungsmasse für die nächste Sparrunde werden, sagte DGB-Vize Anja Piel der SZ. „Wer 45 Jahre gearbeitet und Beiträge gezahlt, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt hat, hat seinen Beitrag geleistet. Das verdient Respekt und einen verlässlichen Übergang in den Ruhestand – ohne Abschläge und ohne schlechtes Gewissen.“ Zudem, sagt Schwesig, treffe eine Abschaffung vor allem Ostdeutsche.

Welche Korrekturen diskutiert werden

Gesucht wird ein Kompromiss, der Befürwortern wie Gegnern des Modells einen gesichtswahrenden Ausweg weist. In die Koalitionsdebatte speisen etwa SPD-nahe Fachleute Ideen ein. Sie wollen allerdings nicht namentlich genannt werden, weil sie die abschlagsfreie Rente ganz erhalten wollen. Eine Möglichkeit ist demnach, auf Münteferings Regelung zurückzugreifen und sie weiterzuentwickeln. Die Altersgrenze für die abschlagsfreie Frührente steigt bis 2031 ohnehin schrittweise auf die einst geltenden 65 Jahre. Diese Altersgrenze könnte man parallel zur regulären Altersgrenze von 67 Jahren weiter steigen lassen. Das heißt: Wenn jemand im Jahr 2040 regulär erst mit 67,5 Jahren in Rente gehen kann, dürften sich Menschen mit 45 Beitragsjahren mit 65,5 Jahren abschlagsfrei verabschieden.

Eine weitere Möglichkeit ist, die Berechnung der 45 Beitragsjahre strenger zu handhaben. So zählen bei den 45 Beitragsjahren bisher nicht nur die Jahre der Erwerbstätigkeit, sondern auch die Zeiten für Kindererziehung (bis zu zehn Jahre pro Kind), für Krankengeld, die Pflege von Angehörigen oder alle Monate, in denen jemand Arbeitslosengeld I bezogen hat. Diese Zeiten könnte die Koalition begrenzen oder unberücksichtigt lassen, so wie dies Müntefering einst bei Arbeitslosigkeit geregelt hatte.

Ein Vorschlag zielt darauf, die Abschläge auf die Rente anzupassen, je nachdem, wie viele Beitragsjahre jemand zusammenbekommt. Bisher ist es so: Wenn man die 45 Beitragsjahre nicht erreicht, so werden für jeden Monat, den man vorzeitig in Rente geht, 0,3 Prozent dauerhaft von der Rente abgezogen. Diese 0,3 Prozent könnte man geringer ausfallen lassen, je näher jemand den 45 Beitragsjahren kommt. Ähnliches hatten bereits die Grünen vorgeschlagen. „Wer etwa schon 43 Jahre Beiträge gezahlt hat, müsste für die vorzeitige Rente pro Monat niedrigere Abschläge hinnehmen als jemand, der 37 Jahre eingezahlt hat“, sagt Armin Grau, sozialpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Der Übergang wäre damit fließender als bisher. Man könnte die Altersgrenze auch höher ansetzen, dann wären etwa mit 45 Beitragsjahren kleinere Abschläge fällig und erst mit 47 Beitragsjahren keine mehr.

Ein heißer Kandidat für Korrekturen ist eine Sonderregelung für besonders belastete Berufsgruppen nach Vorbild der „Schwerarbeitspension“ in Österreich. Diese ermöglicht es Menschen, die besonders belastende Tätigkeiten ausüben, etwa auf dem Bau oder in der Pflege, vor der regulären Altersgrenze in Rente zu gehen. Das geht nur mit Abschlägen, die allerdings geringer ausfallen als in Deutschland. Führende SPD-Politiker haben das Modell ins Gespräch gebracht, CSU-Chef Markus Söder sprach sich am Freitag im Nachrichtenportal Table.Briefings für Ausnahmeregelungen für bestimmte Branchen aus.

Der Handlungsdruck

Der Einigungsdruck ist groß – finanziell und politisch. Die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente würde langfristig etwa zehn Milliarden Euro einsparen; dieses Geld sei nötig, um andere Teile der Reform zu finanzieren, sagen Kommissionsmitglieder. Scheitert die Reform im Streit, wäre dies eine Blamage für die Koalition. Zudem würden die Rentenbeiträge für Beschäftigte und Arbeitgeber weiter steigen und das Rentenniveau von 2031 an sinken. „Letztlich wird man um eine Schlechterstellung von einigen Gruppen nicht herumkommen, wenn man die Reform finanzieren will“, sagt DIW-Experte Haan. Das Rentenpaket sei „sozial durchaus ausgewogen“. Die meisten Bürgerinnen und Bürger allerdings wollen trotzdem an der abschlagsfreien Frührente festhalten. Laut Umfragen lehnt eine große Mehrheit ein Ende des Modells ab.

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