Prozessauftakt in Regensburg: Tritte, Schläge, seelische Qualen – Ex-Paar wegen Missbrauchs vor Gericht

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Prozessauftakt in Regensburg Tritte, Schläge, seelische Qualen – Ex-Paar wegen Missbrauchs vor Gericht

19. Oktober 2026, 15:40 Uhr |

Lesezeit: 4 Min.

Wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen muss sich ein inzwischen getrenntes Paar vor dem Landgericht Regensburg verantworten.
Wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen muss sich ein inzwischen getrenntes Paar vor dem Landgericht Regensburg verantworten. Foto: Armin Weigel/dpa

Der Partner der Mutter soll die zwei Kinder der Frau aus erster Ehe auf übelste Weise erniedrigt und misshandelt haben. Und die Mutter? Schritt nach Auffassung der Anklage nicht ein.

Von Alexander Kappen, Regensburg

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I m Jahr 2024 hatte das mutmaßliche Martyrium ein Ende, als das Jugendamt Cham die beiden Buben, 2010 und 2012 geboren, schließlich in seine Obhut nahm. Was sich zuvor auf einem Anwesen im Landkreis Cham abgespielt haben soll, ist schwer verdauliche Kost. Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter, 40, und ihrem damaligen Partner, 36, der nicht der Vater der beiden Kinder ist, vor, diese über Jahre hinweg schwer misshandelt zu haben. Neben massiven körperlichen Übergriffen durch Schläge und Tritte sollen die Kinder von dem Paar gedemütigt und seelisch gequält worden sein.

Seit Montag muss sich der 36-Jährige am Landgericht Regensburg wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen, Nötigung und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Die Mutter der beiden Jungen soll dabei durch Unterlassen Hilfe geleistet haben, indem sie nicht einschritt und Unterstützung durch das Jugendamt ablehnte.

Aus der Ehe der Angeklagten und ihres früheren Mannes gingen zwei Kinder hervor. Nach der Trennung des Ehepaares im Juni 2018 lernten sich die beiden Angeklagten im April 2019 kennen, wurden ein Paar und lebten seit 2019 in einem gemeinsamen Hausstand im Kreis Cham. 2021 kam die gemeinsame Tochter und 2022 der gemeinsame Sohn zur Welt.

Seit der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes und bis das Jugendamt im Juli 2024 die beiden geschädigten Kinder in Obhut nahm, soll das Paar die beiden älteren Buben stark vernachlässigt haben. Laut Anklage aus Abneigung und Missgunst. Sie sollten, so der Vorwurf, bestraft und gedemütigt werden, weil sie daran schuld gewesen sein sollen, dass die beiden Angeklagten durch einen Abgang ein gemeinsames Kind verloren hatten. Zudem sollen sie „vergiftet“ und eine Gefahr für die beiden leiblichen Kinder gewesen sein.

Zum Prozessauftakt am Montag räumt die Mutter der beiden Jungen, teils unter Tränen, ein, nichts unternommen zu haben. „Ich habe nicht gewusst, wie ich da anfangen soll und habe gedacht, man glaubt mir eh nicht.“ Die Beziehung mit dem 36-Jährigen, von dem sie inzwischen getrennt ist, ist ihren Ausführungen nach auch von Gewalt ihr gegenüber geprägt gewesen. Sie habe Angst gehabt – und ihr Partner sei sehr manipulativ gewesen und habe sie dazu gebracht, ihr gesamtes soziales Umfeld aufzugeben, bis sie ganz isoliert gewesen sei.

„So, wie es gelaufen ist, hat es sein müssen“, sagt der Angeklagte

Der 36-Jährige gibt – auch wenn er manche Dinge aus der Anklage relativiert oder abstreitet – in der Verhandlung zu, Sachen gemacht zu haben, „die ich nicht machen hätte sollen, das war in dieser Situation nicht richtig“. Andererseits sei er im Nachhinein „sehr dankbar, weil die Kinder im Heim sind und weg aus diesem Umkreis, der nicht gut für sie war“. So, wie es gelaufen sei, „hat es sein müssen“. An den beiden Jungen lässt er kaum ein gutes Haar. Sinngemäß seien sie durch den schlechten Einfluss ihres leiblichen Vaters sowie die Familie ihrer Mutter eine Gefahr für seine eigenen und auch andere Kinder gewesen.

Laut Anklage sollen die Buben bei jeder Witterung einen vier Kilometer langen Schulweg täglich ohne angemessene Kleidung und auf teils gefährlichen Straßen zu Fuß zurücklegen haben müssen. Zudem haben die Jungen etwa Brennnesseln mit bloßen Händen jäten oder den Rasen mit einer Schere schneiden müssen. Sie durften nicht mit den Angeklagten und deren Kindern am Tisch essen, teils die Toilette im Haus nicht benutzen, wurden mit kaltem Wasser aus dem Gartenschlauch abgeduscht und mussten zuweilen in Stallungen im Hof schlafen, so der Vorwurf.

Laut Anklage mussten die beiden Brüder auch teilweise alleine in einer Erdgeschosswohnung im Rohbauzustand leben, wo es keine Fenster gab und die Öffnungen mit Folien und Platten abgedeckt waren. Außer einer Couch soll es dort keine Möbel, auch keine Betten, gegeben haben. Zum Teil bekamen sie nur eine Mahlzeit am Tag, diese mussten sie sich selbständig einteilen, so der Vorwurf. Auch mit Schlafentzug sollen sie bestraft und zudem mit einer Videokamera überwacht worden sein.

Die körperlichen Misshandlungen waren laut Anklage gravierend. So soll der 36-Jährige einem der Jungen eine Glasflasche an die Schläfe und ein anderes Mal die spitze Seite einer Brechstange auf den Kopf geschlagen haben. Auch soll er einmal die Hand eines Kindes auf die heiße Herdplatte gedrückt und die Kinder mehrmals gezwungen haben, an einen Elektrozaun zu greifen. Laut Anklage packte er die Kinder wiederholt am Hals und drückte ihnen die Luft ab, warf ihnen Steine an den Kopf, gab ihnen Alkohol zu trinken und zeigte ihnen Pornos. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm zudem vor, den Kindern mit weiteren Misshandlungen und dem Tod gedroht zu haben – und einmal damit, ihnen die Finger abzuschneiden.

Der 36-Jährige gibt zu, die Kinder angeschrien, geschubst und geschlagen zu haben

In ruhigem Ton trägt der 36-Jährige am Montag vor der Kammer seine Version der Geschehnisse vor. Er habe die Kinder angeschrien, sie beleidigt, auch geschubst und ihnen Watschen gegeben. Er bestreitet jedoch, sie etwa mit einer Brechstange geschlagen zu haben. Auch hätten sie „nicht Hunger leiden müssen, das war kein Überlebenskampf“. Vielmehr hätten die Buben zum Beispiel auf dem Schulweg ihre ganze Brotzeit aufgegessen „und bei den Mitschülern dann rumgejammert, dass sie daheim nichts zu essen bekommen“.

Die zwei Jungen hätten ihrer Mutter und ihrem damals ungeborenen Kind den Tod gewünscht. Auch hätten sie bei ihrem leiblichen Vater Alkohol zu trinken bekommen, Pornos mit ihm anschauen müssen – und es zuhause dann nachgemacht. Er selbst habe sie bei sexuellen Handlungen erwischt und dann seine eigenen Kinder und auch Schulfreunde vor ihnen schützen müssen, mit denen „sie das sicher auch gemacht hätten“. Er selbst, so der Angeklagte, sei als Achtjähriger sexuell missbraucht worden und wisse, wovon er rede.

Auch die Mutter der Buben relativiert einige der Vorwürfe. So hätten die Kinder immer angemessene Kleidung gehabt, nur kurz in der Wohnung im Erdgeschoss leben müssen und immer genügend zum Essen bekommen. Allerdings räumt sie ein, die beiden Jungen eigentlich nur noch gelegentlich gesehen und gar nichts mitbekommen zu haben, weil sie mit den beiden jüngeren Kindern im zweiten Obergeschoss wohnte. Ihr Mann kümmerte sich um das tägliche Leben in der Wohnung darunter. Von körperlichen Misshandlungen will sie nichts mitbekommen haben: „Da war ich nicht dabei.“ Für den Prozess sind bis Mitte Dezember zehn weitere Verhandlungstage angesetzt.

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Von Alexander Kappen

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