Leipzigs 1:4 in Madrid: Baumgartner kämpft gegen die Gefühle
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Lesezeit: 3 Min.
Im Bernabéu-Stadion gibt der Österreicher Christoph Baumgartner nach seiner Muskelverletzung sein Comeback und reagiert emotional. Trotz der 1:4-Niederlage plädieren er und seine Mitspieler für ihren Trainer Martin Demichelis.
Von Javier Cáceres, Madrid
D er Weg vom Hotel Eurostars Madrid Towers im Norden der spanischen Hauptstadt bis zur Einfahrt des Estadio Santiago Bernabéu ist nicht allzu weit, im Auto lässt er sich in gut zehn Minuten bewältigen. Im Reisebus, wie ihn RB Leipzig am Mittwoch rund um den Champions-League-Auftritt bei Real Madrid benutzte, dürfte es unwesentlich länger dauern. Für den Mittelfeldspieler Christoph Baumgartner schien sich die Reise länger anzufühlen. Wochenlang, oder monatelang, weil ihn die Gedanken zum 1. Juni zurückkatapultierten. Zum Tag, an dem eine Muskelsehne riss und für ihn „die schwerste Phase in meiner Karriere, wahrscheinlich sogar in meinem Leben“ begann, wie er in Madrid sagte, als er in den Katakomben des Bernabéu stand. Diese Zeit ist nun vorbei, und das half ihm darüber hinweg, Leipzigs 1:4-Niederlage bei Real Madrid zu verschmerzen.
Es war eine Niederlage, die sich aufgrund der Tordifferenz schlimmer anhörte, als sie tatsächlich war. Der Auftritt bot trotz der Busladung voller Gegentore keinen Vergleich zum 1:6 beim FC Bayern. „Wir waren heute eine ganz andere Mannschaft“, resümierte Trainer Martín Demichelis.
Der FC Bayern geht mit einer improvisierten Aufstellung in das Spiel gegen den FC Arsenal. Harry Kane ragt heraus, am Ende hat aber der englische Meister das letzte Wort.
Sein Kollege José Mourinho ging damit weitgehend d’accord; auch er registrierte, dass sein Team von Glück sprechen konnte, nach den RB-Großchancen von Rômulo und Christopher Nkunku nicht in Rückstand zu geraten. Ansonsten war der Coach von Real Madrid zwar mit dem Rhythmus der ersten Halbzeit seines Teams unzufrieden, nicht aber mit dem fußballerischen Überbau; er deutete an, dass es in der zweiten Halbzeit in seinen Augen „eine andere Geschichte wurde“. Als Real Madrid seine Anstrengungen beschleunigte, war es um RB Leipzig geschehen.
Madrid war kurz vor der Pause durch Bernardo Silva in Führung gegangen und hatte zu Beginn der zweiten Halbzeit durch Arda Güler das 2:0 erzielt; in der Schlussphase zeigte Real den Leipzigern Grenzen auf, durch Tore von Kylian Mbappé und Yan Diomande, die „Hierarchie pur“ verkörperten, wie RB-Coach Demichelis sagte: Mbappé schlenzte, Diomande jagte den Ball volley ins Netz. Zwischendrin hatte Leipzig durch Tidian Gomis verkürzt – oder das herausragende Spiel von Torwart Thibaut Courtois ruiniert, wie Real-Coach José Mourinho monierte: „So wie Stürmer gern Tore schießen, gehen Torhüter gern ohne Gegentreffer nach Hause“, dozierte der portugiesische Coach.
Was Mourinho womöglich nicht wusste: dass das Tor von Gomis eine Binnengeschichte hatte. Denn die Vorlage hatte, kurz nach seiner Einwechslung, Baumgartner gegeben. Der Mann, der im Norden Madrids auf dem Weg ins Bernabéu feuchte Augen bekam und offen bekannte, dass er „die eine oder andere Träne“ vergoss.
Er hatte von seiner Frau „noch ein paar Fotos geschickt bekommen von der Zeit, die wir jetzt gemeinsam erlebt haben, die letzten viereinhalb Monate, sie war ja jeden Tag dabei“, sagte Baumgartner; und wer ihm in die Augen blickte, sah, dass er neuerlich dagegen ankämpfte, übermannt zu werden. „Da gibt es natürlich so ein paar Bilder, die prägend sind, wenn ich zurückdenke an die Zeit in Finnland, bei der Operation oder dann der Flug nach Amerika …“, fügte er hinzu. Der Flug nach Amerika stand für die Reise mit der österreichischen Nationalmannschaft zur WM 2026, wo er noch teilweise im Golfwagen durch die Katakomben der Stadien gefahren werden musste, weil er nicht gehen konnte.
„Ich bin froh, dass ich die Zeit so gut durchgestanden habe. Weil es schwierig war, weil ich wirklich coole Sachen verpasst habe“, sagte er. Und doch klang er nicht klagend. Sondern wie einer, der sich entschädigt fühlte, dass die Leidenszeit in einem derart renommierten Tempel wie dem Bernabéu beendet wurde.
Er berichtete, dass er „mit einigem Vorlauf“ erfahren hatte, dass er spielen würde, genauer: nachdem er am Montag einen letzten Härtetest gemacht und bestanden hatte. Trainer Demichelis atmete hernach auf: „Er ist ein Führungsspieler und bringt sowohl mit als auch gegen den Ball besondere Qualitäten mit“, sagte der Argentinier. „In der vergangenen Saison hat er 15 Tore gemacht und zehn oder zwölf vorbereitet. Diese Zahlen sprechen für sich. Er ist ein Spieler, den wir brauchen.“ Das zeigte sich im bisherigen Saisonverlauf offenkundig besonders bei Auswärtsreisen. Das Pokalspiel beim Regionalligisten Eintracht Trier ausgenommen, sammelte RB fern des eigenen Stadions ausschließlich Niederlagen ein. Was in den Augen namhafter RB-Spieler eine Frage der Einstellung zu sein scheint, nicht des Trainers.
Schon am Vorabend der Partie hatte Kapitän David Raum eine Art Eid auf den Coach geschworen („Es ist eine Ehre, ihn als Trainer zu haben“, „Seine argentinische Mentalität und Energie ist auf jeden Fall ansteckend“). Nun betonte auch Baumgartner, dass zwischen Mannschaft und Demichelis kein Blatt Papier passe: „Da gibt es von unserer Seite überhaupt kein Thema“, unterstrich der Österreicher.
So wäre der 1:6-Auftritt in München auch missraten, wenn der Trainer nicht Demichelis, sondern Ole Werner oder José Mourinho geheißen hätte, weil Leipzig in Bayern „alles gefehlt“ habe, was es brauche: „Der Trainer investiert alles, wir als Mannschaft investieren alles, wir stehen zusammen“, betonte Baumgartner. Gleichwohl: Die Zeit bleibe „spannend“ und „herausfordernd“, wie Baumgartner ebenfalls sagte. Auch ihm ist bewusst, dass Leipzig Siege benötigt. Am Samstag empfängt RB den überraschend starken Aufsteiger SV Elversberg, hernach geht es im Pokal zu Rot-Weiss Essen, schließlich zum FC Schalke nach Gelsenkirchen: „Wir sind als Mannschaft gefordert“, sagte der Österreicher.
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