Italien in der Nations League: Lichtblicke auf dem Kartoffelacker

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Por Von Thomas Hürner — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

Lesezeit: 4 Min.

Italien gewinnt beim 4:1 gegen die Türkei erstmals unter Trainer Roberto Mancini. Doch stellt sich die Frage: War das Nationalteam so gut – oder der Gegner so schlecht?

Von Thomas Hürner

P fiffe und Buhrufe hallten durchs Stadion, mal wieder, doch die italienischen Fußballer durften beruhigt sein: Unmut und Verdruss waren nicht an sie gerichtet gewesen, diesmal ausnahmsweise nicht. Sondern an die Spieler des Gegners, der Türkei. Mit 4:1 haben die Italiener am Montagabend das Duell der Krisennationen für sich entschieden, eine klare Angelegenheit, eingetütet nach einer rauschenden Offensivleistung. Wenigstens auf den ersten Blick. Denn bei diesem 4:1 handelte es sich um ein 4:1 der eher zähen Sorte.

Ein „sehr gutes Spiel“ wollte Roberto Mancini gesehen haben, der neue alte Coach der Squadra Azzurra: „Wir sind es richtig angegangen, wir haben hoch verteidigt und sind aggressiv geblieben.“ Auch die Gazetten stimmten in die Elogen ein, vom zurückgewonnen „Lächeln“ war die Rede, mitunter gar von Rehabilitation. Man nimmt eben, was man kriegen kann. Denn die Türken stecken nicht nur in einem tiefen Leistungsloch, sie mussten auch ohne zwei ihrer besten Einzelkönner auskommen, die bei italienischen Spitzenklubs unter Vertrag stehen: Kenan Yildiz (Juventus Turin) und Hakan Calhanoglu (Inter Mailand).

Beim 0:1 gegen Griechenland wird das Ausmaß der Aufgabe deutlich, der sich Jürgen Klopp stellt. Dass ihn die Realität einholen würde, hatte der Bundestrainer erwartet. Aber dass es so schnell passiert?

Ohne die beiden Samtfüße versiegte jedwede Spielkultur, den Rest erledigte der Wolkenbruch von Bursa. Gespielt wurde auf einem tiefen und matschigen Geläuf, mehr Kartoffelacker als Rasen, Zyniker würden wohl anmerken: Der Platz war dem Anlass angemessen, immerhin zählen die Italiener und die Türken in einer Nations-League-Gruppe mit Frankreich und Belgien – nach Lage der Dinge – zu den Abstiegskandidaten.

Das wäre allerdings in der Tat zynisch, denn die Italiener haben 30 Minuten lang einen beachtlichen Auftritt dargeboten. Hierbei handelte es sich um die erste halbe Stunde der Partie, und in dieser Phase trauten all jene ihren Augen erst recht kaum, die wenige Tage zuvor auch das desolate 0:2 gegen Belgien gesehen hatten. Dieses Nations-League-Auftaktmatch in Rom war hernach zur nächsten Demütigung ausgerufen worden, nur drei Monate nachdem die dritte Weltmeisterschaft ohne den viermaligen Weltmeister zu Ende gegangen war.

Am Freitag hatten die Pfiffe und Buhrufe noch den Italienern gegolten. Denn so desorientiert die Elf von Coach Mancini gegen die Belgier aufgetreten war, so desorientiert wirkten während der Schlammschlacht von Bursa nun die Türken. „In der ersten Halbzeit haben wir es verdient, ausgepfiffen und ausgebuht zu werden“, räumte Vincenzo Montella ein, der italienische Nationaltrainer der Türken. Ihm wurden aus dem Publikum zudem Gesänge gewidmet, die einen raschen Jobwechsel nahelegten – (wohlbegründete) Nachwehen des schmachvollen Vorrundenaus bei der WM in Nordamerika, bei der Italien gern dabei gewesen wäre.

Am Montag, in der vielgelobten halben Stunde zu Beginn, fielen nun drei der vier italienischen Treffer. Und jeder davon barg seine eigene (Vor-)Geschichte. Den Anfang machte Alessandro Bastoni, der Abwehrmann grätschte in der neunten Minute einen flach getretenen Eckball ins gegnerische Tor. Der nasse Ball war zuvor an Freund und Feind vorbeigeflutscht, Bastoni kümmerte derlei freilich wenig. „Ich stehe beim italienischen Volk noch die nächsten vier Jahre in der Schuld“, sagte Bastoni, eine Selbstkasteiung mit Grund: Er war es, der in der ersten Hälfte des entscheidenden WM-Play-off-Duells gegen Bosnien und Herzegowina nach einer dümmlichen Grätsche als letzter Mann vom Platz geflogen war. Danach war das Unheil über die Italiener hereingebrochen.

Dabei verteidigt Bastoni für Inter Mailand auf Weltniveau, sein linker Fuß ist eine Offenbarung – sämtliche Datenbanken spucken seinen Namen bei der Suche nach den besten Passgebern Europas aus, keine Kleinigkeit im modernen Fußball. Für die Nazionale jedoch trat Bastoni oftmals zittrig auf, als wiege die Last zu schwer, als wäre jede Selbstgewissheit weg. Als Anführer taugt er offenkundig nicht. Mancini sucht deshalb noch nach der richtigen Mixtur: Bastoni ist Linksfuß und verteidigt beim italienischen Meister in einer Dreierkette, Linksfuß ist auch Riccardo Calafiori vom englischen Meister FC Arsenal. Die Abwehrmänner gelten als nur bedingt kompatibel, auch deswegen will Mancini testen, testen, testen.

Gegen die Türken verteidigte Bastoni an der Seite von Neulingen, Legionären und einem lange Vermissten: Linksverteidiger Matteo Ruggeri von Aston Villa kam ebenso zu seinem Nationalmannschaftsdebüt wie Michael Kayode vom FC Brentford; in der Innenverteidigung kehrte die 22-jährige Abwehrhoffnung Giorgio Scalvini von Atalanta Bergamo nach einem Kreuzbandriss in die Startelf zurück. Individuell kann sich dieses Aufgebot sehen lassen. Was die Abstimmung anbelangt, fehlte jedoch viel, überhaupt hatte Mancini im Vergleich zum Spiel gegen Belgien acht Änderungen vorgenommen.

Auch deshalb präsentierte sich Italiens Defensive mitunter fahrig, die Türken hätten in der zweiten Hälfte ein, zwei Treffer mehr schießen können. Kollateralschäden dieser Art dürften in naher Zukunft öfter zu besichtigen sein, denn Mancini denkt das Spiel von vorn, so ist eben sein Naturell: Sein Spitzname „il Mancio“ heißt sinngemäß übersetzt nichts weiter als „der Linksfuß“, Mancini war selbst aber mal ein begnadeter Spielmacher, eine klassische Nummer zehn. Solche Edelkicker gebe es aktuell nicht mehr, sinnierte der Coach jüngst und nannte – ein seltenes Unterstatement – nicht den eigenen Namen, sondern jene von Totti, Del Piero, Baggio.

Gegen die Türken trug nun Giacomo Raspadori die Zehn auf dem Rücken, beim unter Mancini errungenen Europameistertitel 2021 war er noch Ergänzungsspieler gewesen. Raspadori ist ein wendiger Offensivmann mit Ideen, Weltniveau wird er eher nicht mehr erreichen. Gegen die Türken sah das aber ganz gut aus, Raspadori war beteiligt an den Kombinationen, die den Treffern von Davide Frattesi (22. Minute) und Kayode (27.) vorausgegangen waren. Beim vierten Tor, geköpfelt von Mittelstürmer Pio Esposito (50.), war Raspadori schon gar nicht mehr auf dem Rasen, respektive auf dem Acker unterwegs.

Dafür aber Pios Bruder, Sebastiano. Beide Espositos wurden in der Jugend von Meister Inter ausgebildet. Der eine, der 21-jährige Pio, hat sich dort zur Verheißung der Nation aufgeschwungen. Der andere, der 24-jährige Sebastiano, ist gerade von Cagliari nach Sassuolo ausgeliehen. Die Espositos sind in Italiens Nationalteam das erste Brüderpaar, seit Filippo und Simone Inzaghi im fernen 2000 elf Minütchen gemeinsam ran durften. Im selben Jahr unterlag die Squadra Azzurra im EM-Finale nur knapp der französischen Mannschaft, die am Freitag in der Nations League als hochfavorisiert gilt.

Ein komplettes Spiel auf der Bank – das ist Cristiano Ronaldo selten passiert. Und so wird nach Portugals Sieg gegen Norwegen debattiert, wie der Senior seinem Nationalteam überhaupt noch helfen kann.

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