Frankfurter Buchmesse: Die Bubble wird größer

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Por Von Bernhard Heckler — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

Lesezeit: 2 Min.

Thomas Sachsenmaier aka @thomas_bookclub ist der erste Social-Media-Creator, der den Julius-Campe-Preis für Literaturkritik gewinnt. Das Feuilleton ist nicht sein Feind. Auch wenn Laudator Sebastian Fitzek das behauptet.

Von Bernhard Heckler

D er Julius-Campe-Preis für Literaturkritik und -vermittlung, den der Verlag Hoffmann und Campe jedes Jahr bei der Frankfurter Buchmesse vergibt, ist skurril dotiert. 99 Flaschen Wein und ein Faksimile von Heinrich Heines Reportagen „Französische Zustände“ gibt es zu gewinnen. Über das Sperrgepäck freuen durften sich schon unter anderem Roger Willemsen, Elke Heidenreich und Thea Dorn neben vielen anderen großen Namen der althergebrachten Bücherwelt.

Der schwäbische Booktoker, Bookstagramer und SWR-Moderator Thomas Sachsenmaier, Instagram-Handle @thomas_bookclub, ist der erste Preisträger, der sich alkoholfreien Wein auserbeten hat. Das erfährt man im Rahmen der Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse. In der langen und meritenreichen Liste der Preisträger ist er außerdem der erste Social-Media-Creator, der den Preis gewinnt.

Oft sitzt Sachsenmaier in seinen Videos auf einem Blumensessel und hält „Beschdseller“ und andere Bücher in die Kamera. Sachsenmaier kommt aus der Bubble, ist aber als SWR-Mann auch in traditionellen Sphären anschlussfähig, kurz: Er ist ein gut geeigneter Preisträger, um eine auch institutionelle Wahrnehmungserweiterung der Literaturkritik zu softlaunchen.

Laudatiert wird Sachsenmaier von niemand Geringerem als Sebastian Fitzek, dem meistgelesenen deutschen Autor der Gegenwart. In seiner Rede nimmt Fitzek den verbalen Spaten, um den Graben zwischen den seiner Darstellung nach verfeindeten Lagern der Feuilletons und der Social-Media-Creators ein wenig zu vertiefen.

Allzu einfach wäre es gewesen, den schwäbelnden Sachsenmaier als spleenigen Booktoker zu diffamieren, mit dem Ziel, ihm „den Zugang zum erlesenen Countryclub der Feuilletons“ zu verwehren, sagt Fitzek. Aber der Preisträger ist doch Redakteur bei einem öffentlich-rechtlichen Kulturformat?

Dem Literaturwissenschaftler Sachsenmaier gelinge es immer wieder, seinen Followern „auch Shakespeare unterzujubeln“, so Fitzek. Dabei kritisiere er nie von oben herab, sondern frage sie: „Was magst du denn?“ Der Subtext der Laudatio ist: Im Gegensatz zu. Der Booktoker ist nicht von oben herab, im Gegensatz zu wem? Er fragt seine Fans, was sie mögen, im Gegensatz zu wem? Vielleicht im Gegensatz zu allen Rezensentinnen und Kritikern, die die Bücher von Sebastian Fitzek nicht nur so vollumfänglich großartig finden, wie es doch seine mehr als 21 Millionen Fans tun.

Bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse bekommt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zwar keinen großen Applaus. Aber immerhin wird er nicht vom Publikum beschimpft wie sein Amtskollege aus dem Gastland Tschechien.

Die Dualitätserzählung muss doch gar nicht sein: Sachsenmaier macht sich mit seiner Arbeit um die Literatur ebenso verdient wie die Preisträgerinnen und Preisträger vor ihm. Es braucht in der zunehmenden Vielfalt der Intermediäre zwischen Autorinnen und Lesern dringend Menschen wie ihn, die neue Zugänge zu Literatur erschließen und freilegen, wenn es noch ein bisschen weitergehen soll mit dem Medium Buch.

Die Dankesrede des Preisträgers ist maximal sympathisch, er wirft seiner „Mutti“, die im Publikum sitzt und auch in einigen seiner Videos auftaucht, eine Kusshand zu. Die Auszeichnung seiner Literaturvermittlung ist vielleicht gerade noch rechtzeitig erfolgt: Im kommenden Frühjahr erscheint Sachsenmaiers Romandebüt „Schätzle, Erntezeit ist Sterbezeit – Ein klarer Fall für Siggi Herbst“. Es handle sich, so der Noch-nur-Kritiker, natürlich um einen schwäbischen Provinzkrimi.

Der große deutsche Liedermacher Wolf Biermann liefert zum Auftakt seiner Lesetour mit fast 90 Jahren eine beeindruckende Show. Reportage eines Feuerwerks der Alleinunterhaltung.

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