Deutscher Olympischer Sportbund: Streit ums Schattenkabinett

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Por Von Johannes Aumüller und Johannes Knuth — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

Lesezeit: 6 Min.

Nach der Wahl des Olympiakandidaten steht für den Sport die nächste zentrale Frage an: Wer wird neuer DOSB-Präsident? Der Kölner Sportmanager Michael Mronz gilt als Favorit – doch es formiert sich Widerstand.

Von Johannes Aumüller und Johannes Knuth

D er interessanteste Mann der deutschen Sportpolitik ist schwer zu greifen in diesen Tagen. Sogar am vergangenen Freitag, beim Gala-Abend vor der Kür des deutschen Olympiabewerbers: großes Funktionärsaufkommen vor dem Kongresshaus in Baden-Baden. Aber wo ist eigentlich Michael Mronz? Als er Stunden später aus dem Kongresssaal gleitet und eine Traube von Reportern erspäht, setzt Mronz das Handy ans Ohr, als wäre er ein Weltklassefußballer, der nach einer Niederlage keine Lust verspürt, mit den Reportern zu sprechen. Ein kurzer Gruß, dann entschwindet er in die Nacht.

Michael Mronz, seit 2023 Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), rückt gerade ins Zentrum vieler Debatten. Das ist zum einen jenem Strang geschuldet, der während des deutschen Wettstreits um die Olympiakandidatur immer wieder zum 59-jährigen Kölner führte. Nicht wenige empfanden den Sportmanager als eine Kraft hinter der Bewerbung von „KölnRheinRuhr“ (wozu Mronz auf Anfrage nichts sagt), die dann deutlich mit 51:90 Stimmen gegen München verlor. Zudem soll Mronz nun im IOC die deutsche Bewerbung für 2036, 2040 oder 2044 anschieben. Obendrein könnte er bald seine Macht im deutschen Sport ausbauen: Mronz galt bis zuletzt als Favorit, wenn am 5. Dezember die Mitglieder des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) einen neuen Präsidenten wählen.

Doch schien er all diese Fäden bis zuletzt geschmeidig in der Hand zu halten, haben seine Gegner zuletzt an Selbstbewusstsein gewonnen. Und sie leisten Widerstand.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Deutschland 2036, 2040 oder 2044 tatsächlich Olympia-Gastgeber wird? Klar ist jedenfalls: Die Vergabe läuft sehr intransparent ab.

Einigermaßen unstrittig ist, dass die Ära des bisherigen DOSB-Präsidenten am 5. Dezember enden dürfte. Thomas Weikert war vor fünf Jahren in einer aufgeheizten Gemengelage an die Spitze gerückt. Er wolle den Verband befrieden, verstehe sich als „Mannschaftskapitän eines starken Teams“, versprach Weikert damals, und menschlich löste er dies durchaus ein. Doch auch unter dem einstigen Präsidenten des Tischtennis-Weltverbands fand der DOSB-Dampfer nie so recht in ruhige Gewässer. Weikert wirkte oft überfordert, die Olympiabewerbung geriet stürmisch, die olympischen Spitzenverbände und Landessportbünde (LSB), die zwei großen Fraktionen unter den DOSB-Mitgliedern, fühlten sich schlecht mitgenommen.

Am Samstag saßen der Präsident und sein möglicher Nachfolger dann im ZDF-Sportstudio. Ob er noch mal kandidieren werde? „Ich werde mich in der nächsten Woche dazu äußern“, sagte Weikert. Habe er sich innerlich denn schon entschieden? „Ja!“ Mronz wiederum flüchtete ins Formale, verwies auf eine Findungskommission, die Gespräche führe und Ergebnisse präsentieren werde, sobald sich Weikert entschieden habe. Auf Nachfrage, ob er überhaupt kandidieren wolle, gab Mronz eine Angela-Merkel-Imitation zum Besten: „Diese Frage stellt sich momentan nicht.“

Tatsächlich ist besagte Kommission um die Vertreter aus den Spitzenverbänden, allen voran Alfons Hölzl (Turnen) und Ingo Weiss (Basketball), bei ihrem Findungsprozess deutlich weiter, als es Mronz’ Äußerungen im ZDF vermuten lassen könnten. Wenn an diesem Freitag die olympischen Spitzenverbände und Landessportbünde in der Nähe von München tagen, will sie nach SZ-Informationen bereits ein Schattenkabinett präsentieren.

Und da deutet sich an, dass ein Mann als Kandidat fürs Spitzenamt präferiert wird: Michael Mronz. Ein kursierendes Tableau umfasst als mögliche künftige Präsidiumsmitglieder die bisherigen DOSB-Vizes Martin Engelhardt und Kerstin Holze, die LSB-Vertreter Silke Renk-Lange (Sachsen-Anhalt) und André Kwiatkowski (Niedersachsen) sowie Florian Sperl, Präsident der deutschen Gewichtheber. Auch soll noch ein Vertreter eines großen deutschen Konzerns gewonnen werden.

Der Ansatz, von dem sich dabei offenbar manche Mitglieder der Findungsgruppe tragen ließen: Der deutsche Einfluss im IOC sei – die Rolle von Ehrenpräsident Thomas Bach ausgeklammert – überschaubar. Als DOSB-Chef würde Mronz, neben der Turnerin Kim Bui das einzige deutsche IOC-Mitglied, zusätzlich an Format und Einfluss gewinnen. Das würde wiederum die Chancen des deutschen Olympiabewerbers fördern.

Dabei wohnt diesem Gedanken ein grundlegendes Missverständnis inne. Laut IOC-Charta soll ein Mitglied eben nicht das Interesse des Herkunftslandes im IOC vertreten, sondern die Interessen des IOC im jeweiligen Herkunftsland. Als Thomas Bach vor zwei Jahrzehnten die DOSB-Präsidentschaft übernahm, hatte das zufällig vor allem eine Folge: bessere Aussichten beim persönlichen Fortkommen, nicht für deutsche Olympia-Ambitionen. Und jetzt, bei Michael Mronz?

Der Witwer des einstigen Vizekanzlers Guido Westerwelle ist vor allem als Vermarktungschef des großen Reitturniers CHIO in Aachen bekannt. Er hat diverse Events im Sport- und Unterhaltungsbetrieb begleitet, von Tennis und Leichtathletik bis zur gescheiterten Bewerbung der Rhein-Ruhr-Initiative für die Sommerspiele 2032. Dass Mronz danach trotzdem in Bachs IOC einzog, überraschte viele, auch im deutschen Sport. Seitdem gehört Mronz kraft seiner IOC-Funktion dem DOSB-Präsidium an, er fungiert als Scharnier zwischen dem deutschen Dachverband und Lausanne. Seit Münchens Wahl pries er verstärkt die deutschen Olympiachancen, Deutschland bringe ja so einiges mit, was dem IOC wichtig sei.

Für die Münchner Olympiabewerber drängt die Zeit. Noch ist nicht einmal klar, wer dabei das Sagen hat. Der organisierte Sport stellt sich gegen das früher übliche Organisationsmodell – und positioniert sich offensiv.

Dabei hat sich Mronz zuletzt einige Gegner gemacht, nicht nur in der Fraktion des siegreichen Bewerbers München. Manchen stieß etwa sauer auf, dass Mronz sich während der Reit-WM in Aachen mit Kirsty Coventry traf, die IOC-Präsidentin dort medienwirksam von der Atmosphäre schwärmte – an dem Standort, der im Konzept von „KölnRheinRuhr“ für die olympischen Reitwettbewerbe vorgesehen war. Geschäftsführer jener Agentur, die das CHIO vermarktet, ist, zur Erinnerung: Michael Mronz. Auch deshalb favorisiert manch einer im organisierten Sport die These, dass ein paar Delegierte in Baden-Baden vielleicht weniger für München stimmten, sondern gegen „KölnRheinRuhr“ (auch wenn Mronz immer betont hat, dass seine damalige Rhein-Ruhr-Kampagne mit der aktuellen nichts zu tun habe).

In jedem Fall scheint im Mronz-Lager die Nervosität zu wachsen. Auf eine SZ-Anfrage, was er Leuten entgegne, die ihn als eine Kraft hinter der jüngsten NRW-Bewerbung wahrnahmen, ob er außerdem als DOSB-Präsident kandidieren wolle, falls ihn die Findungskommission vorschlagen sollte, antwortet Mronz: nichts. Stattdessen schreibt sein Büro, man möge sich an die Pressestelle des DOSB wenden. Die wiederum teilt bloß mit, man äußere sich nicht zu Spekulationen über mögliche Kandidaten für die Präsidiumswahl des DOSB; alle Abläufe und Fristen seien auf der DOSB-Homepage einsehbar.

Ein IOC-Mitglied lässt Fragen zu seinem persönlichen Verhalten und einer möglichen eigenen Kandidatur von der Organisation beantworten, die er gegebenenfalls präsidieren wird?

Auch unabhängig von der NRW-Frage halten manche im organisierten Sport den Berufsmanager Mronz für bedingt geeignet, die oft kleinteilige, aber bedeutsame Verbandsarbeit zu erledigen, mit all ihren kommunalen Förderprogrammen, Safe-Sport-Initiativen und widerstrebenden Interessen von Landessportbünden, Fachverbänden und Sprechergruppen. Dem Sport steht bald ein tiefer Einschnitt bevor, wenn die neue Spitzensportagentur weite Teile der Spitzensportförderung vom DOSB übernimmt. Und auch wenn außerparlamentarische Oppositionsprojekte im organisierten Sport gerne schneller zusammenklappen, als man „Findungskommission“ buchstabieren kann: Das klare Votum zuletzt für München hat Mronz’ Gegner nicht gerade entmutigt.

So laufen im Hintergrund dem Vernehmen nach Bemühungen, den bisherigen DOSB-Vize Martin Engelhardt zu einer Kandidatur zu überreden. Der Präsident der Deutschen Triathlon Union ist seit Jahren einer der wenigen Sportpolitiker, die Missstände des Sports öffentlich klar benennen; er sprach zuletzt auch bei der aktuellen Findungskommission vor, stünde für ein ganz anderes Profil als Mronz. Zugleich ist er in dessen Schattenkabinett offenbar als Vize vorgesehen.

Jetzt ist die Frage, ob die Verbände bei ihrem Treffen am Freitag auch klarmachen, wen sie präferieren oder man sich in das von der Findungskommission vorgefertigte Schema fügt. Und ob Engelhardt, der sich öffentlich gerade nicht äußern will, Lust verspürt, noch einmal – wie in der Ära von Alfons Hörmann – in eine Kampfkandidatur zu ziehen. Aus Mronz-kritischen Verbänden heißt es, dass man auch bei einem Nein von Engelhardt einen Gegenkandidaten präsentieren wolle; die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 30. Oktober.

Das räumt der Opposition zumindest etwas Zeit ein – Zeit, in der auch Mronz und seine Rollen auf dem sportpolitischen Parkett verstärkt in den Fokus rücken dürften, auch manch widersprüchliche Äußerungen. Ein aktuelles Beispiel: Im ZDF-Sportstudio sagte Mronz zur Frage, ob das IOC München im Frühjahr vom nächsten Bewerbungsschritt, dem „strategic dialogue“, ausschließen könne, das sei „rein theoretisch, ich gehe nicht davon aus“. Drei Tage später kommentierte er in einem Interview auf der DOSB-Homepage die Einschätzung, dass Deutschland auf jeden Fall in diesen „strategic dialogue“ eingeladen werde: „Allein schon aus Respekt den anderen Bewerbern gegenüber wäre ich eher vorsichtig mit solchen Aussagen.“

Obendrein verblüffte Mronz bei der Baden-Badener Kandidatenzeremonie live in der ARD, als er eine Frage zur intransparenten Olympia-Vergabe des IOC mit dem Hinweis konterte, das jetzige Verfahren sei „sehr, sehr klug“, das Ergebnis habe man bei Paris 2024 gesehen. Aber Paris 2024 wurde noch in einer anderen Zeit und einem ganz anderen, nun ja, intransparenten Verfahren bestimmt.

Wer sich dieser Tage übrigens im Umfeld des IOC umhört, erfährt, dass Mronz sich zuletzt im Reich der Ringe vermehrt als der Mann des deutschen Sports positioniert habe. Wie viel Substanz hinter diesen und anderen Aussagen steckt, dürften sich manche IOC-Mitglieder spätestens jetzt verstärkt fragen.

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Fonte: Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

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