Deutsche Olympiabewerbung: Erster sein ist alles

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Por Von Johannes Aumüller und Johannes KnuthTop – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

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Hier ein paar weitere Millionen Tickets, dort mehr Prämien und Investitionen: Kurz vor der Kür des deutschen Olympiabewerbers spitzt sich ein Zweikampf zwischen „KölnRheinRuhr“ und München zu.

Von Johannes Aumüller und Johannes Knuth

E nde August flatterte Funktionären der olympischen Fachverbände, die in zwei Wochen in Baden-Baden darüber abstimmen werden, welche deutsche Region sich für Olympische und Paralympische Spiele bewerben soll, eine interessante Nachricht ins Postfach. Absender war Hendrik Wüst, der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, der seit Langem für die Olympiabewerbung der Region „KölnRheinRuhr“ trommelt. Nun überbrachte Wüst den Funktionären eine Kunde, die seine Staatskanzlei am Tag darauf publizieren würde. Sie strotzte vor Superlativen.

„KölnRheinRuhr“ habe sein Konzept nochmals geschärft, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die Zahlen selbst berechnet, und siehe da: Statt 14 Millionen Zuschauertickets könne man sogar deren 17,6 Millionen anbieten, sollten die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 nach Nordrhein-Westfalen kommen. Deutlich mehr also als die Mitbewerber Berlin und München offerieren. Mehr als jeder Olympiaausrichter bislang sogar! Ein Ticketweltrekord! Die Conclusio der Jubelmeldung las sich wie eine dringende Wahlempfehlung: „Wir schaffen die größten, nachhaltigsten Spiele der Geschichte, ohne dafür neue Stadien zu bauen.“

Bundeskanzler Friedrich Merz präsentiert Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe, 44, als neuen Staatsminister für Sport und Ehrenamt. Dessen vorrangiger Auftrag ist klar: die deutsche Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele.

Abgesehen davon, dass „KölnRheinRuhr“ etwa ein „modulares“ Leichtathletikstadion errichten will, dessen Grundfeste nach den Spielen in einem neuen Wohnquartier erhalten bleiben sollen: Wüsts Nachricht entfachte bei manchen Empfängern nicht gerade Jubelstürme. Es war ein akutes Beispiel dafür, dass sich der nationale Olympiawahlkampf dieser Tage zuspitzt – und zwei spannende Trends hervorbringt.

Zum einen hat sich der erwartete Zweikampf zwischen München und „KölnRheinRuhr“ entsponnen. Zum anderen geht es dabei enger zu, als vor allem die Münchner vor einer Weile womöglich dachten – in puncto Schwung und Zuversicht nehmen manche sogar die Rhein-Ruhr-Fraktion als stärker wahr. Das verspricht in jedem Fall ein knisterndes Wahlkampffinale.

Ein Schwenk zurück, um die akuten Debatten zu verstehen: Die verbleibenden Bewerber Berlin, „KölnRheinRuhr“ und München hatten über den Sommer ihre Konzepte finalisiert, einen Fragebogen des DOSB beantwortet. Damit befüllte der Dachverband eine Bewertungsmatrix mit fünf Kategorien: „Internationale Wettbewerbsfähigkeit und nationale Akzeptanz“, „sportfachliche und operative Eignung“, „Vision und Legacy“, „Kosten und Finanzierung“, „Infrastrukturelle Sonderprojekte“. Bei den letztgenannten Blöcken prüfen Gremien, ob die Bewerber die Anforderungen erfüllen, dann wird ein Haken daran gehängt (oder nicht). In den ersten beiden Kategorien hingegen gibt es wertvolle Punkte.

Diese werden teils vom DOSB, teils von den 42 nationalen olympischen Fachverbänden ausgehändigt. Da geht es etwa darum, wie viele Menschen bei Referenden mit „Ja“ gestimmt haben (in München und „KölnRheinRuhr“ waren es je zwei Drittel der Stimmberechtigten; in Berlin votierte bloß das Abgeordnetenhaus dafür). Oder für wie geeignet die Fachverbände die jeweiligen Wettkampfstätten in ihren jeweiligen Sportarten erachten. Oder eben: wie viele Tickets maximal verkauft werden können, für Olympia und Paralympics – auch wenn diese Zahl sich in den kommenden Jahren, analog zum olympischen Wettkampfprogramm, noch ordentlich ändern kann.

Je mehr ein deutscher Kandidat auf all diesen Feldern überzeugt, desto größer sind jedenfalls seine Chancen im internationalen Wettstreit. Diese Gleichung stellt zumindest der DOSB auf, der sich wiederum auf Signale beruft, die er aus dem Internationalen Olympischen Komitee empfangen habe.

Dass nun die Rhein-Ruhr-Allianz einen Aspekt aus dieser Matrix herausgreift, herumzeigt und dabei den DOSB als Kronzeugen präsentiert, irritierte dem Vernehmen nach einige Funktionäre, nicht nur von der Konkurrenz. Der Dachverband bastelte bis zuletzt an der finalen Bewertung, er tritt als eine Art neutrale Prüfstelle auf – da könnte es zumindest parteiisch wirken, wenn der DOSB im selben Atemzug einer Jubelarie auftaucht. Auch soll eine Evaluierungskommission alle Aspekte der Matrix erst noch prüfen, ehe den Wahlberechtigten (die bei ihrem Votum nicht an die Matrix gebunden sind) Bericht erstattet wird.

Interessant in diesem Lichte: Als die Stadt München im vergangenen Mai ihr nachgeschliffenes Konzept präsentierte, sprach auch sie – wenn auch allgemein – davon, dass man noch mehr Tickets verkaufen könne als geplant, insgesamt rund 12,5 Millionen. Die damals „moderate Erhöhung“ basierte aber auf eigenen Annahmen, die man „im Zuge von ersten Veränderungen am Konzept bis zum April 2026“ vorgenommen habe, teilt die Stadt jetzt auf SZ-Anfrage mit. Für das aktuelle Konzept, das man im Dialog mit den Fachverbänden nochmals angepasst habe und das in die Bewertungsmatrix einfließt, habe der DOSB sogar ein Potenzial von 15,3 Millionen Tickets bestätigt, schreibt die Stadt. Das sei die „realistische Anzahl verkaufbarer Tickets für Olympische und Paralympische Spiele in München basierend auf Wettkampfstätten-Kapazitäten, Ticketkontingenten und Erfahrungswerten vergangener Spiele“.

Tatsächlich hatte die Münchner Kampagne dieses Update – im Gegensatz zu anderen Aspekten – in der Öffentlichkeit bislang nicht kommuniziert. Darin, dass die Rhein-Ruhr-Kollegen die Ticketfrage grundsätzlich anders handhaben, erkennt der DOSB aber kein Problem. „Dass die Bewerber mit den Stärken und bestätigten Zahlen für sich werben, ist legitim und ändert nichts an der Neutralität des DOSB im Verfahren“, schreibt er auf Anfrage: „Der Verband hat zu keinem Zeitpunkt eine wertende oder vergleichende Kommentierung vorgenommen.“

Gänzlich glücklich darüber, wie „KölnRheinRuhr“ den DOSB in seiner Jubelmeldung platzierte, dürfte der Dachverband aber gewiss nicht sein. Unstrittig ist: Beide Seiten, ob selbst oder durch ihre angeschlossenen Landessportbünde und Landesregierungen, versuchen sich seit Monaten mit ihren Stärken und Wohltaten zu überbieten, die sie dem organisierten Sport verschaffen. Mal wurden Medaillenprämien für Spitzenathleten hüben wie drüben erhöht, mal bessere Bezahlung für Trainer beschlossen, mal Investitionen für Vereine und Schulsport. Dabei ging es auf diesem sportpolitischen Spielfeld auch mal mit rustikalem Körpereinsatz zur Sache.

Berlin, „KölnRheinRuhr“ oder München? Der Deutsche Olympische Sportbund präzisiert das Verfahren, das den deutschen Olympiakandidaten kürt. Doch weitere Debatten sind zu erwarten – weil sich der Verband in zentralen Fragen in Geheimniskrämerei übt.

Im vergangenen Frühjahr bemühte sich das „sportpolitische Umfeld in Bayern“, wie es DOSB-Vorstand Olaf Tabor in einer E-Mail nannte, das geplante Sportfördergesetz im Sinne der Spitzensportverbände zu beeinflussen – die bald in Baden-Baden 126 von 144 Stimmen bei der Olympiakür verteilen, neben acht persönlichen DOSB-Mitgliedern sowie zehn Vertretern des DOSB-Präsidiums. Zwar betonten bayerische Vertreter, dass sportpolitische Lobbyarbeit selbstredend nichts mit der Olympiakür zu tun habe. Allerdings platzierte Michael Huke, Geschäftsführer des TV Wattenscheid 01, im WDR zuletzt eine weitere, nun ja, interessante These.

Er glaube, dass München und „KölnRheinRuhr“ in der Gunst der Wahlberechtigten aktuell Kopf an Kopf lägen, die Rhein-Ruhr-Kampagne aber ein „Problem“ habe. In Baden-Baden dürfen auch die Fachverbände der olympischen Wintersportarten abstimmen, auch wenn die deutsche Bewerbung allein auf Sommerspiele zielt. „Und da wir Wintersportverbände üblicherweise in Bayern sitzen haben“, sagte Huke – tatsächlich ist das bei sechs von sieben der Fall, den Deutschen Alpenverein ausgenommen –, „gehe ich davon aus, dass Herr Söder nichts unversucht gelassen hat, um die Verbände mit sanftem Druck einzustimmen darauf, wen sie denn wohl wählen sollen.“

Wie Herr Söder selbst das sieht, lässt die Bayerische Staatskanzlei auf SZ-Anfrage unbeantwortet. Einen Part dürfte Michael Huke mit seiner Hochrechnung in jedem Fall treffend erfasst haben. Die Berliner Bewerbung, die von drohenden Referenden und unsicherer politischer Unterstützung begleitet wird, hängt in der Gunst der Wahlberechtigten dem Vernehmen nach hinter dem Spitzenduo, sie könnte in einer ersten Abstimmungsrunde in Baden-Baden die wenigsten Stimmen erhalten. Und wenn dann, wovon stark auszugehen ist, der Bewerber mit den wenigsten Stimmen ausscheiden soll, würde das Gerangel um die frei werdenden Stimmen entbrennen, für eine zweite und entscheidende Runde.

Und spätestens da würde das sportpolitische Umfeld aus Nordrhein-Westfalen ins Spiel kommen.

Das reicht vom früheren DOSB-Vorstandschef und heutigen Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester bis zum DOSB-Vizepräsidenten Jens Nettekoven, der als CDU-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen für die heimische Bewerbung lobbyierte (und als DOSB-Präsidiumsmitglied in Baden-Baden grundsätzlich abstimmen dürfte). Es reicht auch von DFB-Präsident Bernd Neuendorf über den einstigen DOSB-Vorstandsboss Michael Vesper, den einstigen DOSB-Direktor Bernhard Schwank, der heute in der Düsseldorfer Staatskanzlei arbeitet, bis zu IOC- und DOSB-Präsidiumsmitglied Michael Mronz. Letzterer hatte vor Jahren die erste Olympiabewerbung von Rhein/Ruhr für die Spiele 2032 angeschoben, die sich noch Chancen ausrechnete, als die Spiele im Stillen bereits an Brisbane versprochen waren.

Mronz hat stets beteuert, dass das damalige Projekt mit der heutigen Kampagne nichts zu tun habe. So oder so nahmen es Kenner mit großem Interesse wahr, als das IOC-Mitglied zuletzt IOC-Präsidentin Kirsty Coventry bei der Reit-WM in Aachen begrüßte. Auf diesem Gelände findet traditionell das CHIO statt, das Mronz als Geschäftsführer lenkt. Und dort würden auch die Reitwettbewerbe beherbergt sein, sollte „KölnRheinRuhr“ tatsächlich die Spiele holen.

Dabei waren bei Coventrys Besuch nach SZ-Informationen auch gut ein Dutzend Chefs der olympischen Fachverbände zugegen, auch auf Bitte aus DOSB-Kreisen, neben Vertretern der deutschen Olympiabewerber. Dabei soll es zwar vor allem darum gegangen sein, Geschlossenheit bei einem Großevent zu zeigen. Und die Olympiabewerbung habe man mit Coventry angeblich gar nicht thematisiert, sagte etwa Hendrik Wüst im Nachgang. Doch dass Coventry, mitten im deutschen Olympiaendspurt, rein zufällig von der Atmosphäre in Aachen schwärmte – und nicht etwa bei der WM der Rhythmischen Sportgymnastik in Frankfurt oder der Basketball-WM in Berlin –, dürfte der Rhein-Ruhr-Kampagne nicht gerade weniger Rückenwind ins Kreuz gedrückt haben.

Auf Mronz, so viel ist sicher, wird nach dem 26. September die Aufgabe zukommen, den deutschen Olympiakandidaten im IOC verstärkt zu bewerben. Und in manchen sportpolitischen Kreisen des Landes hat sich dem Vernehmen nach die Erkenntnis festgesetzt, dass der deutsche IOC-Repräsentant dabei noch mehr an sportpolitischer Kraft gewinnen würde, sollte er im kommenden Dezember auch das DOSB-Präsidentenamt von Thomas Weikert übernehmen. Es sollte zumindest niemanden überraschen, wenn eine Findungskommission den 59-Jährigen bald als besonders geeigneten Kandidaten präsentiert – sobald sich die Aufregung rund um die Olympiakür gelegt hat.

Vertrauliche Dokumente zeigen, wie der Leichtathlet Owen Ansah seine umstrittene Dopingkontrolle schildert – und wie scharf er der Version der Nationalen Anti-Doping-Agentur und des Kontrolleurs widerspricht. Vor den Sportgerichten dürfte es brisant werden.

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