Deutsche Olympiabewerbung: Eine falsche Aussage und eine heimliche Korrektur
Por Von Johannes Aumüller und Johannes Knuth, Baden-Baden — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Mit einer Matrix wollte der DOSB ermitteln, ob München oder „KölnRheinRuhr“ besser als Olympiakandidat geeignet ist. Doch kurz vor der Wahl gibt es Ungereimtheiten um einen wichtigen Satz in einem Teilbericht.
Von Johannes Aumüller und Johannes Knuth, Baden-Baden
S eitdem der deutsche Sport vor vier Jahren in Baden-Baden beschlossen hat, sich wieder einmal für Olympische Spiele zu bewerben, hat er eines sinngemäß immer wieder postuliert: Diesmal wird alles besser! Man werde Fehler von einst aufarbeiten, die Bürger besser beteiligen, ein Bewerbungspaket schnüren, bei dem das Internationale Olympische Komitee (IOC) guten Gewissens zugreifen kann, nach sieben teils krachend gescheiterten deutschen Anläufen.
Und, klar, transparent soll es zugehen, auch bei der Suche nach einem deutschen Kandidaten, weshalb der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) eigens eine verwinkelte Bewertungsmatrix entworfen hat. Die spuckte zuletzt aus, dass „KölnRheinRuhr“ und München gleichwertig gute Chancen hätten, würden sie sich beim IOC für Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben.
München oder „KölnRheinRuhr“? Der deutsche Sport steht vor einer wegweisenden Entscheidung. Wer abstimmen darf und warum es zugeht wie bei der Fifa – alles Wichtige zur Wahl im Überblick.
An diesem Samstag kommen die DOSB-Delegierten nun erneut in Baden-Baden zusammen, um aus den beiden Finalisten eben jenen deutschen Olympiakandidaten zu wählen. Prominenz bis zum Bundespräsidenten hat sich angekündigt, schon am Freitag lächelte die Sonne auf die Kurstadt, deren Zentrum so aussieht, als hätte jemand Eimer voller Pastellfarbe über ihr ausgekippt. Doch was das sonnige Versprechen nach Besserung angeht, ist die Olympiakampagne kurz vor der Kür um ein brisantes Kapitel reicher. Wie sich jetzt herausstellt, war in einem ursprünglich veröffentlichten Bericht der Matrix ein zentraler Satz falsch formuliert – und wurde diese Falschaussage klammheimlich korrigiert. Wie es dazu kommen konnte? Da sprechen die Beteiligten von einem „Versehen“ – und mauern ansonsten weitgehend.
In den Fokus rückt diesmal ein Strang der Matrix, der zuletzt an den Rand gerutscht war: die Kosten und Finanzen. Dieser Komplex wird – eine von vielen wundersamen Ansätzen der deutschen Bewerbersuche – nicht mit Punkten bewertet, er beziffert auch keine konkreten Gesamtsummen. Dabei unterscheiden sich die Konzepte der Finalisten teils enorm, auch mögliche Kostensteigerungen und Risiken. „KölnRheinRuhr“ etwa plant für zentrale Projekte ausschließlich mit Drittmitteln, in München könnte der Bau des neuen Olympiadorfs bis 2036 enorm sportlich werden; aber das ist eine andere Geschichte.
Dem DOSB ist derzeit bloß wichtig, dass eine deutsche Kandidatur bis zu Spielen im Jahr 2036, 2040 oder 2044 grundsätzlich und plausibel finanzierbar ist. Das hatte eine Arbeitsgruppe mit dem Titel „Kosten und Finanzierung“ dann auch zuletzt den Kandidaten Berlin (das am Donnerstag seine Kandidatur zurückzog), „KölnRheinRuhr“ und München attestiert.
Wer wissen will, wie dieser Prüfbericht entstand, der wird, sobald er die aktuelle Variante aufruft, unter Punkt 3.1 zumindest grob fündig: „Der DOSB und die Bundesressorts (Bundeskanzleramt (BKAmt), Bundesministerium der Finanzen (BMF), Bundesministerium für Verkehr (BMV), Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauen (BMWSB)) prüften in jeweiliger fachlicher Zuständigkeit die Maßnahmen der Bewerberstädte und -regionen.“ Auch das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) habe man einbezogen. Und: „Herr Stephan Mayer, MdB, Mitglied der AG Kosten und Finanzierung, bestätigte die Ergebnisse.“
Nur: In der Version, die der DOSB zunächst am Dienstagabend publiziert hatte, war anstelle des letztgenannten Satzes ein ganz anderer platziert. Da trat nicht der Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer (CSU) auf, stattdessen hieß es: „Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages bestätigte die Ergebnisse.“
Huch?
Besagter Haushaltsausschuss ist ein mächtiges Gremium. Seine 42 Mitglieder beraten jedes Jahr darüber, wie viel Geld der Bund ausgibt und wofür, auch prüfen sie „fortlaufend die Haushaltsführung der Bundesregierung“. Im Kern legen sie also die Grundlage für jeden Cent, der aus der Staatskasse fließt. Eine Bestätigung aus einem solchen Gremium verleiht einem Prüfbericht über Olympiakosten aller deutschen Kandidatenstädte ein quasi-offizielles Testat, es lässt die gesamte Bewerbung glaubwürdiger erscheinen – auch weil viele Länder die Spiele in der Vergangenheit nicht ausrichten mochten, nachdem die Kosten oft massiv höher ausfielen als versprochen.
Tatsächlich aber hat es ein solches Testat und eine solche Bestätigung gar nicht gegeben. Darüber berichtete am Donnerstagnachmittag zunächst das Portal „Sport & Politics“ und zitierte dabei Abgeordnete von SPD, Union, Linken und Grünen. Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen), einstige Bundesfamilienministerin, die mittlerweile den Haushaltsausschuss leitet, sagte demnach: „Es gibt keinen Beschluss des Haushaltsausschusses zu diesen Fragen. Es gab keine Befassung des Haushaltsausschusses damit.“
Als der Haushaltsausschuss am Donnerstag tagte, ging es nach SZ-Informationen entsprechend lebhaft zu bei der Spurensuche, wie eine solche Falschaussage in einen offiziellen Prüfbericht geraten kann – und das nicht nur dort. Das Kanzleramt stellt es auf Anfrage der SZ so dar: Erarbeitet worden sei der Bericht von allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe, verfasst von den Vertretern des DOSB und der Sportabteilung im Kanzleramt. Dann sei er „allen Mitgliedern der AG rechtzeitig zur Prüfung zugesandt und von ihnen bestätigt“ worden.
Alle Mitglieder der AG, das sind: Vertreter des Bundeskanzleramts, des Finanzministeriums, des Verkehrsministeriums, des Bauministeriums, des DOSB – und der CSU-Abgeordnete Mayer, der als einziger Abgesandter des Haushaltsausschusses in der AG saß. Und niemandem fiel vor der Publikation des Berichts auf, dass da eine solch gravierende Falschaussage enthalten war – die rein zufällig die gesamte deutsche Bewerbung heller erstrahlen lässt?
Der DOSB schreibt auf Anfrage bloß, es sei „in der Endredaktion schlicht übersehen worden, dass die Formulierung an dieser Stelle nicht präzise war“. Wer diese Endredaktion geführt hat, sagt er nicht. CSU-Mann Mayer, ein seit Jahren eng mit dem Sport verwobener Parlamentarier, teilt mit, der strittige Satz sei „missverständlich formuliert und stellt ein redaktionelles Versehen dar“. Er betont zudem, er habe zu keinem Zeitpunkt behauptet oder den Eindruck vermittelt, dass er für den Haushaltsausschuss als Ganzes spreche oder „dass dieser die Ergebnisse der Arbeitsgruppe beziehungsweise des Berichts bestätigt habe. Eine solche Beschlussfassung des Haushaltsausschusses ist mit meiner Mitwirkung in der Arbeitsgruppe nicht verbunden“.
In jedem Fall führte das Thema schon am Donnerstag dazu, dass der Bericht korrigiert wurde, von irgendjemandem. Mayer teilte am Freitag mit, die Korrektur sei „gestern durch das Bundeskanzleramt in Abstimmung mit mir vorgenommen“ worden. Das Bundeskanzleramt wiederum erklärte, „diese redaktionelle Richtigstellung wurde gestern durch den DOSB vorgenommen“. Und der DOSB schrieb, es sei korrekt, „dass eine redaktionelle Präzisierung“ vorgenommen worden sei.
Doch damit ist die Geschichte noch nicht vorbei: Denn die Korrektur erfolgte heimlich. Auf einen entsprechenden Fund der SZ und eine Anfrage am Donnerstagabend teilte der DOSB anderntags mit: Man habe „zunächst die Priorität daraufgelegt, den Bericht entsprechend anzupassen. Die Delegierten werden selbstverständlich noch vor der Wahl über die Anpassung informiert.“ Als würde es stundenlang dauern, einen Satz zu aktualisieren und dies weiterzureichen.
Und noch eine Pointe. Das Kanzleramt schreibt: „Korrekt hätte es heißen müssen, dass MdB Mayer in seiner Rolle als Vertreter des Haushaltsausschusses dem Bericht der AG zugestimmt hat.“ In der heimlich korrigierten Variante ist von „seiner Rolle als Vertreter des Haushaltsausschusses“ wiederum nicht die Rede.
So bleibt als Essenz fürs Erste: Mehreren hochrangigen Vertretern aus Sport und Politik fällt angeblich nicht auf, dass ein offizieller und als Wahlgrundlage dienender Prüfbericht einen Satz führt, der der Olympiabewerbung ein enorm wohlwollendes Testat ausstellt – obwohl es das gar nicht gibt. Was auch die Frage aufwirft: An wie vielen Stellen, in Berichten, Verfahren, Kommissionen, verstecken sich womöglich noch derartige „Versehen“?
Vor der entscheidenden Abstimmung über den deutschen Olympiabewerber liegen München und „KölnRheinRuhr“ überraschend gleichauf. Einer der Gründe: Die „Strahlkraft“ soll in NRW größer sein.
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