„Bass Persuades“ von Miley Cyrus: „Du musst nicht high sein, um berühmt zu sein“

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Por Von Leon FreiTop – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

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Die gute Nachricht: Miley Cyrus, die sich jetzt Miley nennt, scheint es blendend zu gehen. Da ist es vielleicht nebensächlich, dass ihr neues Album eher nicht das angekündigte künstlerische Experiment ist.

Von Leon Frei

Pink Floyd, but gay“, das sei jetzt in etwa ihr Genre, erklärt Miley Cyrus selbst ihren Musikstil, das galt auch schon fürs letzte Album, „Something Beautiful“. Diese ungewohnt künstlerische und sehr tolle Platte ist gerade mal etwas mehr als ein Jahr alt. Damals kündigte Cyrus an, der Nachfolger werde „extrem experimentell“; „Something Beautiful“ sei nur der Appetizer gewesen.

Ihr neues Album „Bass Persuades“ muss sich daran also messen lassen. An seinem Vorgänger – und an dem Versprechen, dass jetzt erst der richtig geile Kunstscheiß kommt. Und weil diese Fallhöhe noch nicht hoch genug ist, wäre da noch das Rebranding: Miley Cyrus heißt jetzt nur noch Miley. Ein Mononym, so wie Adele, Beyoncé oder Elvis. Den Namen nachträglich zu reduzieren, das fällt sonst eher Filmproduktionsfirmen ein, wenn man in Versalien andeuten will, dass das neue Biopic furchtlos hinter die Fassade des großen Namens schaut: „JUDY“, „MICHAEL“, „AMY“, „AMADEUS“.

Miley kümmert sich um ihre Legendenbildung zu Lebzeiten lieber selbst, und das ist, wie Fans sagen, ein typisches „Miley-thing“. Ein Biopic, um ihre persönliche Seite zu zeigen, braucht Miley sowieso nicht mehr. Ihre Songs sind meistens sehr eindeutig von ihrem lange überaus öffentlichen Leben inspiriert. Beweisstück A wäre etwa der Song „Can’t Be Tamed“ von 2010, mit dessen Hilfe sie mit den Hannah-Montana-Disney-Prinzessin-Erwartungen brechen wollte (im Musikvideo befreit sie sich sehr wörtlich aus einem Käfig). Ihren Liebes-Mädchen-von-nebenan-Ruf zerstörte sie, auch eher unzweideutig, auf einer Abrissbirne sitzend. 2020 sang sie in „Flowers“ über die Promi-Trennung von Chris Hemsworth und über ihre von einem Brand zerstörte Villa: „Built a home and watched it burn“. Sachliches Songwriting.

Wie verändert sich das, jetzt, da sie sich von äußeren Zwängen befreit zu haben scheint? Offenbar glücklich und weniger öffentlich lebt sie mit ihrem Ehemann Maxx Morando, der auf dem Album als Produzent mitgearbeitet hat, und einer 20 Jahre alten Schildkröte in L.A. Sie gehe gerne früh ins Bett und liebe „Oprah’s Favorite Things“, erzählte sie dem Radiomoderator und DJ Zane Lowe offenherzig in einem Interview in den Studios von Apple Music. Auch mit ihrer Hannah-Montana-Vergangenheit ist sie versöhnt, kürzlich wirkte sie an einer 20-Jahre-Geburtstagsshow für Disney+ mit. „Alles, was ich heute tun kann, kann ich nur, weil es mir Hannah Montana geschenkt hat“, sagte sie. Außerdem gehe sie in Therapie und habe dort sinngemäß, wie bei den „Simpsons“, an die Tafel schreiben müssen: „Du musst nicht high sein, um berühmt zu sein.“

Klingt alles sehr geheilt und aufgeräumt. Und ihr neues Album? Kurz: Das angekündigte künstlerische Experiment steht eher noch aus. Und dass sie mit ihrem Team offenbar nur ein paar Monate für die zehn Tracks gebraucht hat, hört man womöglich. Aber es wäre auch ein „Miley-thing“, die Erwartungen an sie, selbst wenn sie von ihr selbst geschürt wurden, links liegen zu lassen. Nach „Pink Floyd, but gay“ hört sich das jedenfalls nicht an – wenn man überhaupt sagen kann, wie sich das anhören würde.

Maxx Morando jedenfalls stellt sich darunter offenbar etwas Ähnliches wie Cher vor. Er, der schon an ihrem Album „Endless Summer Vacation“ mitgearbeitet hatte, nahm den eigentlich bereits fertigen Song „Aftermath“, verdoppelte das Tempo und legte einen nervösen Eurodance-Beat darunter, der der einzigartigen Stimme von Cyrus voraushoppelt wie ein tollwütiges Kaninchen. Das ist vielleicht das größte Experiment des Albums: dieser Widerspruch von Stimme und Arrangement.

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„Different Religion“ klingt wiederum nicht nach Cher, sondern wie ein weiteres Symptom der schleichenden Lady-Gaga-isierung der Miley Cyrus. Man konnte schon Anzeichen auf den Vorgängeralben erkennen, aber es gibt auch schlimmeres, als sich Stefani Germanottas Sound anzunähern. „Different Religion“ flowt also mit hervorragend-lässiger Gehgehschwindigkeit, ergänzt von Scratch-Fills, schrägen Off-Beats, düsterem Flüstern und Grummeln. Dagegen ist „Let’s get married“ sanft schubsender Kuschelrock, ein Song für das letzte Drittel der Show, zu dem der Gitarrist den Kopf in den Nacken legt, die Mähne schüttelt und dabei beherzt in die Saiten seiner glitzernden Westerngitarre greift.

Cyrus’ neues Album setzt bei jedem Song einen anderen ästhetischen Fixpunkt, mal ist es Lady Gaga, mal ist es Cher, mal ist es „Crazy“ von Gnarls Barkley wie bei „Redlights“. In Summe wirken die neun Songs plus dem blassen EDM-Remix ihres Titeltracks dann aber weniger experimentell als unentschlossen.

Apropos: „Bass Persuades“, die Leadsingle, klingt ein bisschen nach „Bad Romance“ mit „Sweet Dreams“-Synthesizer. Alles im anständigen Disco-Tempo, zu dem man Herzen wieder zum Schlagen bringen könnte. Im übertragenen Sinn ist das wohl auch die Mission von Cyrus: Sie will ihr Publikum wachrütteln mit Anweisungen wie „Go analog“, geht weg von den Bildschirmen; im Refrain dann „The kids don’t wanna dance“ und „We can’t stay like this forever“. Tanzen als Gegenwartsbewältigung, dafür hatte Harry Styles dieses Jahr auch schon plädiert. Interessant, dass man da wohl einen Drang im Pop verspürt, dem Publikum Ratschläge zu geben.

Zuletzt hatte auch Phoebe Bridgers einen Rettungsversuch unternommen. Ein wenig subtiler als Miley, allerdings ist die ja ohnehin nicht für Subtilität bekannt. Deshalb singt sie auch in „Bass Persuades“: „Just look out the window and what do you see?“ Und zur Untermauerung dieser Lebensinstruktion bollert die Bassdrum jede Silbe mit. Im Zweifel muss halt der Bass überzeugen.

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