Audi: Verzögerung durch Technik
Por Von Stephan Radomsky — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
Lesezeit: 3 Min.
Der A4 ist für Audi ein extrem wichtiges Modell – und als E-Auto viel zu spät dran. Nun wird der Produktionsstart auch noch verschoben. Audi-Chef Döllner sagt: Das sei es „absolut wert“.
Von Stephan Radomsky
Glücklich, wer angesichts der Spritpreise gerade einen weiten Bogen um alle Tankstellen machen kann. Noch glücklicher, wer seinen Kunden gerade jetzt das passende Angebot machen kann, damit sie die Zapfsäule tatsächlich links liegen lassen können. Und genau da fängt das Problem von Audi-Chef Gernot Döllner an: Anders als die Premium-Rivalen von BMW und Mercedes ist er in der wichtigen Mittelklasse weit hinterher, was ein modernes Elektro-Modell angeht. Während sie in München und Stuttgart gerade die ersten nagelneuen elektrischen 3er und C-Klassen ausliefern, wird es dauern, bis aus Ingolstadt ein Batterie-A4 kommt – und zwar noch mal länger als ohnehin schon geplant.
Die Produktion des neuen elektrischen A4 werde im Frühjahr 2029 starten, „das sind etwa drei Monate später, als wir zuletzt geplant hatten“, bestätigt Döllner auf SZ-Anfrage. Zuerst hatte das Handelsblatt über die Verzögerung bei dem wichtigen Modell berichtet. Eigentlich sollte die Produktion der neuen A4-Generation Ende 2028 anlaufen, im Juni hatte sich der neue Audi-Entwicklungsvorstand Rouven Mohr noch damit zitieren lassen, es gebe „keine Notwendigkeit“, den Zeitplan anzupassen.
Das aber scheint voreilig gewesen zu sein: Offenbar bereitet die Entwicklung der neuen Elektro-Plattform SSP mehr Arbeit als gedacht, vor allem weil das Bordnetz der Autos künftig nicht mehr mit der Standardspannung von zwölf Volt laufen soll, sondern mit 48 Volt. Technisch bringt das Vorteile, etwa eine höhere Effizienz und kompaktere Bauformen – aber der Aufwand für die Umstellung im Konzern und bei den Zulieferern ist groß, zumal die Entwicklung der SSP-Plattform längst lief, als die Entscheidung fiel. „Wir haben uns für einen großen Technologiesprung entschieden“, sagt Döllner dazu, das sei die Verschiebung beim A4 jetzt „absolut wert“.
Eine Einschätzung, die mit Abstrichen auch Branchenkenner Stefan Bratzel teilt. Die 48-Volt-Technik werde der neue Standard, glaubt der Chef des Centers of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Und der VW-Konzern habe mit seinem Marktanteil von etwa 25 Prozent in Europa durchaus die Macht, ihn durchzusetzen. Insofern sei es richtig, auf diese Technik zu setzen. Die Kehrseite sei aber, „dass die alten Modelle mit jeder Verschiebung noch länger laufen müssen“, so Bratzel. „Völlig unproblematisch ist das also auch nicht.“
Statt „Vorsprung durch Technik“ wird der Rückstand von Audi auf die Premium-Rivalen also vorerst noch mal größer. Und das ausgerechnet in der so wichtigen, weil oft als Dienstwagen georderten Mittelklasse. Und in einer Zeit, in der die Spritpreise immer neue Rekorde knacken, gerade zum zweiten Mal allein in diesem Jahr. Viele Unternehmen dürften gerade ihren Vielfahrern deshalb nahelegen, doch bitte aufs E-Auto umzusteigen – schließlich sind sowohl die Reichweiten als auch die Ladezeiten der neuesten Modelle inzwischen Vertreter-tauglich. Zugleich liebäugeln immer mehr private Autokäufer mit einem Stromer, zumal die Anschaffung inzwischen auch wieder vom Staat gefördert wird. Der Effekt zeigt sich bereits in der Statistik: Mehr als ein Viertel aller Neuwagen in Deutschland waren in diesem Jahr reine Batterieautos, insgesamt mehr als eine halbe Million Fahrzeuge – ein Plus von über 50 Prozent im Vergleich zu 2025.
Dass die SSP-Plattform nun noch etwas länger braucht, betrifft nicht nur Audi. Der A4 soll ja nur der Anfang sein, in der Folge soll der Baukasten das elektrische Grundgerüst für alle Elektro-Modelle des gesamten VW-Konzerns sein – und die Basis für die neue Software und Elektronik, die Volkswagen in einem milliardenschweren Gemeinschaftsunternehmen mit dem US-Hersteller Rivian entwickelt. Für den schwer kriselnden Konzern ist SSP damit extrem wichtig, um die Elektrowende zu schaffen und der immer schärferen Konkurrenz aus China in Europa zu begegnen. Der chinesische Hersteller BYD beispielsweise plant langfristig mit drei Autowerken und einer Batteriefabrik in Europa. Beim VW-Konzern dagegen stehen allein in Deutschland vier Standorte auf der Kippe, darunter auch das Audi-Werk in Neckarsulm.
Dass die nun bestätigte Verzögerung dabei einen großen Einfluss haben wird, scheint allerdings eher unwahrscheinlich – vorausgesetzt, es bleibt bei den drei Monaten. Derzeit bauen in Neckarsulm gut 15 000 Mitarbeiter unter anderem das Mittelklasse-Modell A5 und den größeren A6. Wenn sie Anfang der 2030er-Jahre auslaufen, sei hier aber – genauso wie in Hannover, Emden und Zwickau – „aktuell keine wettbewerbsfähige Folgebelegung“ gewährleistet, hieß es zuletzt aus der Wolfsburger Konzernzentrale. Ein neuer, elektrischer A4, der an den Erfolg seiner Vorgänger anknüpft, könnte das vielleicht ändern.
Volkswagen und Mercedes planen heftige Einschnitte für Hunderttausende Mitarbeiter, zugleich lassen sie in der Formel 1 den Champagner fließen. Über ein rasendes Spektakel und die Frage: Ergibt das alles doch Sinn?
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt! Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten :
Fonte: Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport