Altersvorsorge: Ein Depot umsonst – kann das wirklich sein?
Por Von Gunnar Herrmann — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Vor dem Start des neuen Altersvorsorgedepots am 1. Januar unterbieten sich Finanzunternehmen mit niedrigen Gebühren. Trade Republic präsentiert nun ein komplett kostenloses Angebot. Was Sparer wissen sollten.
Von Gunnar Herrmann
Für Sparer ist es eine gute Nachricht: Vor dem Start des neuen Altersvorsorgedepots liefern sich die Finanzunternehmen einen regelrechten Wettlauf, wer die niedrigsten Gebühren bietet. Diverse Anbieter haben in den vergangenen Wochen bereits ihre Produkte für die staatlich geförderte private Altersvorsorge präsentiert, die vom 1. Januar 2027 an die Riester-Rente ablösen soll.
An diesem Dienstag legte Trade Republic, größte deutsche Neobank und damit ein wichtiger Wettbewerber im Markt, seine Konditionen vor. Trade Republic verspricht, auf Gebühren komplett zu verzichten.
Beim Altersvorsorgedepot fördert der Staat privates Sparen mit bis zu 540 Euro pro Jahr. Das Geld muss auf einem eigenen Depot angelegt werden und wird erst zum Rentenbeginn ausgezahlt.
Die Riester-Rente steht vor dem Aus, 2027 startet die neue Förderung. Aber was tun mit dem alten Vertrag? Ein Wegweiser.
Wie sehen die Angebote im Vergleich aus?
Dass es zwischen den Anbietern zu einem harten Preiskampf kommt, hatte sich in den vergangenen Wochen abgezeichnet. Als Erster war Scalable Capital angetreten: 0,15 Prozent Gebühren pro Jahr verlangt der Anbieter, und während des Jahres 2027 sollen die Gebühren zunächst erlassen werden. Bei der Deka-Bank, dem Fondsanbieter der Sparkassen, sollen beim günstigsten Produkt nur 0,1 Prozent Kosten pro Jahr anfallen, ähnlich ist es bei den Angeboten von Deutscher Bank und DWS. Es gibt eine Reihe weiterer Anbieter, die schon ihre Produkte vorgestellt haben, bei vielen werden die Gebühren über einen bestimmten Zeitraum erlassen. Bis zum Start am 1. Januar dürften weitere Angebote dazukommen, einige Finanzunternehmen arbeiten noch an Produkten. Verbraucher werden vermutlich in den kommenden Monaten oft mit dem Thema konfrontiert. Trade Republic etwa plant eigenen Angaben zufolge, sein Angebot mit der größten Kampagne zu bewerben, die das Unternehmen je finanziert hat.
Um welche Gebühren geht es genau?
Grundsätzlich können beim Altersvorsorgedepot Gebühren für die Ausführung des Sparplans, die Depotführung und die Produktkosten etwa für die besparten ETFs anfallen, unter Umständen wird noch ein Ausgabeaufschlag fällig. Wer Angebote vergleicht, sollte das alles im Blick haben. Viele Anbieter verzichten auf einen Teil der Gebühren oder gewähren Gebührenfreiheit für einen bestimmten Zeitraum. Bei dem nun vorgelegten Angebot von Trade Republic wird auf alle Gebühren verzichtet, selbst die Produktkosten entfallen für mehrere Dutzend ausgewählte ETFs der großen Anbieter Blackrock, DWS und Vanguard. Eine Befristung gibt es nicht. „Unser Altersvorsorgedepot ist komplett kostenlos möglich“, sagt Christian Hecker, CEO von Trade Republic.
Können die Anbieter die Gebühren noch erhöhen?
Ob die beworbenen günstigen Konditionen Bestand haben, werde man erst sehen, wenn die konkreten Angebote vorliegen, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Maßgeblich ist nicht die Zahl in der Werbung, sondern die Angabe der Effektivkosten im Produktinformationsblatt. Sie zeigt, wie stark die Kosten die Rendite im Jahr insgesamt mindern.“ Bei befristeten Angeboten ist jetzt schon klar, dass die Gebühren später steigen werden. „Man sollte also immer den Preis nach der Aktionsphase vergleichen“, sagt Nauhauser. Kosten erhöhen dürfe der Anbieter nur, wenn der Vertrag das wirksam vorsieht. „Er muss die Erhöhung vier Monate vorher zum Quartalsende ankündigen. Immerhin dürfen Verbraucher bei Kostenerhöhungen in den neuen Altersvorsorgedepot-Verträgen kostenfrei wechseln.“ Ohne Zustimmung der Sparer erhöht werden können die Produktkosten der Fonds, die in den Altersvorsorgedepots liegen und die meist von Drittanbietern stammen. Also etwa, wenn ein ETF-Anbieter seine jährliche Kostenquote erhöht. „Ob das ebenfalls ein kostenfreies Wechselrecht auslöst, ist ungeklärt“, sagt Nauhauser.
Wenn das Altersvorsorgedepot kaum etwas kostet, wie verdienen die Anbieter dann Geld?
Einer am Montag veröffentlichten Umfrage der Deutschen Wertpapierservice Bank und des Fintechs Lemon Markets zufolge geht es den Unternehmen im Moment eher darum, Kunden zu gewinnen oder ihre Abwanderung zu verhindern. Für die Untersuchung wurden Entscheider in 88 Finanzinstituten und -dienstleistern befragt. 28 Prozent der Befragten hielten das Standarddepot für schwer oder kaum wirtschaftlich tragfähig, trotzdem beabsichtigen 77 Prozent, es anzubieten. Der Grund liegt in der Kundenbeziehung: 84 Prozent sehen die Kundenbindung als wichtigsten strategischen Mehrwert des Standarddepots. Hecker von Trade Republic sagt: „Wir erhalten keine Rückvergütung oder Provisionen für die Produkte in unserem kostenfreien Altersvorsorgedepot.“ Ziel sei es vor allem, mit dem staatlich geförderten Angebot neue Kunden zu gewinnen – die dann, so die Hoffnung, neben dem Altersvorsorgedepot noch andere Dienste von Trade Republic nutzen und somit Umsatz bringen.
Was genau ist ein Standarddepot?
Grundsätzlich müssen Finanzunternehmen, die sich am neuen staatlich geförderten Modell beteiligen wollen, zwei verschiedene Standarddepots anbieten: ein risikoarmes und eines mit mehr Risiko und höherem Aktienanteil, was die Chance auf höhere Rendite bietet. Bei diesen Standarddepots hat der Gesetzgeber die Gebühren auf maximal ein Prozent gedeckelt. Das hatte zu Unmut in der Finanzindustrie geführt, die argumentierte, zu diesem Preis könne sie keine Beratung mehr anbieten. Rückblickend wirkt die Diskussion etwas aus der Zeit gefallen, nachdem nun so viele Anbieter im Internet für Angebote werben, die nur ein Zehntel der maximal zulässigen Gebühren erheben oder ganz auf Gebühren verzichten. Wichtig ist aber zu wissen, dass die Finanzunternehmen neben den vorgeschriebenen Standarddepots auch andere Produkte im Altersvorsorgedepot anbieten dürfen – für die dann kein Gebührendeckel gilt. So plant etwa die Deka-Bank auch ein „Individualangebot“, für das ein bis 1,5 Prozent Gebühren pro Jahr erhoben werden sollen und das in Sparkassenfilialen sicher vielen Kunden angeboten wird. Auch bei Trade Republic kann man neben den kostenlosen ETFs eine Reihe von anderen Produkten in sein Altersvorsorgedepot legen, bei denen Kosten anfallen. „Erstmals bieten wir bei Trade Republic nun auch aktiv gemanagte Fonds an“, sagt Hecker.
Warum sind die Gebühren so wichtig?
Schon ein einziger Prozentpunkt an Kosten kann wegen des Zinseszinseffektes über einen langen Zeitraum einen großen Unterschied machen. Ein Altersvorsorgedepot läuft meist über Jahrzehnte, mit der geplanten Frühstart-Rente möchte die Regierung die Deutschen schließlich davon überzeugen, künftig bereits ab dem Alter von sechs Jahren privat für den Ruhestand vorzusorgen.
Wer sich den Zinseszinseffekt verdeutlichen möchte, kann das mit der 72er-Regel tun. Die Faustregel besagt: 72 geteilt durch die jährliche Rendite ergibt die Anzahl der Jahre, in denen sich eine Sparsumme verdoppelt. Eine stark vereinfachte Beispielrechnung: Angenommen, 10 000 Euro werden für ein sechsjähriges Kind in ein Portfolio mit einer durchschnittlichen Rendite von 7,2 Prozent im Jahr investiert. Dann verdoppelt sich die Summe alle zehn Jahre und ist nach 60 Jahren 640 000 Euro wert – das Kind von einst ist dann 66 Jahre alt und geht auf die Rente zu. Fielen auf das gleiche Portfolio aber jährlich Gebühren von beispielsweise 1,2 Prozent an – eine Kostenquote, die etwa bei aktiv gemanagten Fonds nicht ungewöhnlich ist – würde die Rendite auf sechs Prozent sinken. Die Anlage würde sich nur alle zwölf Jahre verdoppeln und hätte nach 60 Jahren lediglich einen Wert von 320 000 Euro erreicht. Teure Produkte müssen also dauerhaft eine deutlich höhere Rendite erzielen als ein günstiger Index-ETF, um trotz der Gebühren konkurrenzfähig zu sein. Statistisch gesehen gelingt das den wenigsten.
Muss ich mich beeilen, um ein gutes Angebot zu bekommen?
Nein, die Förderung startet erst zum 1. Januar 2027 und auch danach kann man jederzeit einen Vertrag für ein Altersvorsorgedepot abschließen. „Mit Rabattangeboten wollen die Anbieter ihre Kunden frühzeitig an sich binden“, sagt Nauhauser. „Für den langfristigen Anlageerfolg spielen sie kaum eine Rolle.“ Ein wichtiger Anbieter wird möglicherweise auch zum 1. Januar noch nicht am Start sein: der Staat, der dem Bundestagsbeschluss zufolge ein eigenes Standardprodukt auflegen muss. Die Finanzindustrie hat bereits viel Kritik an der staatlichen Konkurrenz geübt, die Verbraucherschützer als günstige, nicht kommerzielle Alternative gefordert hatten. Ob der Staat tatsächlich günstiger sein kann, als die nun fast kostenlosen Angebote aus der Privatwirtschaft, ist fraglich. „Aber wir brauchen das staatliche Standarddepot dennoch als verlässliche Alternative und als Preisanker“, sagt Nauhauser. Wann das staatliche Depot kommt und wer es verwalten wird, ist noch nicht bekannt.
Das Altersvorsorgedepot soll mit Staatszuschüssen die Renten aufbessern. Doch das öffentliche Angebot, das gute Standards vorgeben könnte, verzögert sich. Womöglich kommt es gar nicht. Die Grünen und Verbraucherschützer warnen.
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