Nations League: Tuchel sucht weiter den richtigen Spielstil für England

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Nations League Tuchel sucht weiter den richtigen Spielstil für England

27. September 2026, 14:11 Uhr |

Lesezeit: 4 Min.

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Verrutscht und zugenäht: Harry Kane vergibt per Strafstoß das womöglich vorentscheidende 3:1 für England.
Verrutscht und zugenäht: Harry Kane vergibt per Strafstoß das womöglich vorentscheidende 3:1 für England. Mike Egerton/PA Wire/dpa

Abwehr? Angriff? Ballbesitz? Auch gegen Weltmeister Spanien schafft es England wie im WM-Halbfinale gegen Argentinien nicht, einen Vorsprung ins Ziel zu bringen. Thomas Tuchel grübelt darüber, was zu tun ist.

Von Sven Haist, London

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E s wäre die Pointe des englischen WM-Jahrs schlechthin gewesen: Thomas Tuchel bringt zwei defensive Spieler und stellt auf Fünferkette um. Doch weil der deutsche Cheftrainer der englischen Fußball-Nationalmannschaft anschließend wahrscheinlich mindestens auf den Mond geschossen worden wäre, verzichtete er darauf, seine Taktik aus dem WM-Halbfinale gegen Argentinien zu kopieren. Stattdessen reagierte er beim Nations-League-Auftakt gegen den neuen Weltmeister Spanien im Wembley-Stadion in der zweiten Halbzeit so, wie es die Fußballöffentlichkeit auf der Insel im Rückblick gefordert hatte: mit offenem Visier. Geholfen hat es nichts. Die Engländer verloren wieder und mussten erkennen, dass das Turnier-Aus nicht ausschließlich Tuchel anzulasten war. Wobei hartnäckige Landsleute möglicherweise einwenden würden, Tuchel hätte den aktuellen wie damaligen Torschützen Anthony Gordon beide Male nicht auswechseln dürfen.

Ob mit Fünferkette oder ohne: Gegen die Weltspitze bleibt das Ergebnis für England vorerst dasselbe. 1:2 gegen Argentinien im Juli, nun 2:3 gegen Spanien im September – jeweils nach eigener Führung. Am Samstag konterten die Three Lions in einem furiosen Spiel zunächst den frühen Rückstand (2. Spielminute, Lamine Yamal) durch einen Doppelschlag von Gordon und Harry Kane (36./40.). Doch die Spanier konnten die Partie noch einmal drehen: Der fünf Minuten zuvor eingewechselte Álex Baena erzielte das 2:2 (60.), ehe der mit ihm ins Spiel gekommene Mikel Oyarzabal den Siegtreffer markierte (74.).

Zwischendurch verschoss Kane einen Foulelfmeter (54.), der seinem Team das möglicherweise vorentscheidende 3:1 beschert hätte. Rodri hatte Jude Bellingham zu Fall gebracht. Englands Kapitän rutschte bei der Ausführung mit dem Standbein weg. Der Ball knallte an die Unterkante der Latte, prallte aber vor der Torlinie wieder auf. Für den ansonsten treffsicheren Kane war es der dritte vergebene Elfmeter in seinen vergangenen zehn Anläufen bei WM-, EM- und Nations-League-Spielen. Die Schauplätze waren allesamt prominent: EM-Halbfinale 2021, WM-Viertelfinale 2022 – und nun das Prestigeduell mit Spanien. „Es ist schwer zu verkraften“, sagte Kane enttäuscht. In der Schlussphase wurde er ausgewechselt.

„Müde“ vom eigenen Aufwand: England (im Bild: Trainer Thomas Tuchel) hat von den vergangenen 15 Partien gegen Top-Ten-Nationen nur sechs gewonnen.
„Müde“ vom eigenen Aufwand: England (im Bild: Trainer Thomas Tuchel) hat von den vergangenen 15 Partien gegen Top-Ten-Nationen nur sechs gewonnen. Daniel Weir/Sports Press Photo/Crystal Pix/Imago

Tuchels Mannschaft ging das Kräftemessen auf typisch englische Weise an und zog diesen Ansatz über 90 Minuten durch. Die Engländer versuchten von Beginn an, das um Spielkontrolle bemühte Spanien in einen Schlagabtausch zu verwickeln, und kamen mit ihrem scharfen Pressing zu Ballgewinnen. Phasenweise konnten sie auch spielerisch überzeugen. Beiden Toren waren herrliche Kombinationen vorausgegangen. Dieses Vorgehen barg jedoch zwei Gefahren. Im Spielaufbau leistete sich Tuchels Team erstens immer wieder Unsicherheiten, vor dem 0:1 verlor Marc Guéhi den Ball folgenschwer an Yamal, den zweiten Gegentreffer leitete Nico O’Reilly mit einem desaströsen Fehlpass am eigenen Strafraum ein. Zwar hat das Mittelfeld um die erneut überragenden Elliott Anderson und Jude Bellingham, denen der 20-jährige Myles Lewis-Skelly kaum nachstand, unverkennbar an Ballsicherheit gewonnen. Für die Abwehr gilt das aber noch nicht mit derselben Konstanz.

Zweitens mussten die Engländer enormen läuferischen Aufwand betreiben, um das spanische Spiel einzudämmen. Mit zunehmender Spieldauer ließ ihre Intensität nach. Beim dritten Gegentreffer konnten sich die Spanier erstaunlich mühelos mit zwei Pässen durch das Zentrum kombinieren. Seine Spieler seien „von all dem Einsatz müde“ geword­en, räumte Tuchel ein. Es wirkte, als hätten die Engländer in ihrer Druckphase zu Beginn der zweiten Halbzeit beinahe zwingend einen größeren Vorsprung herausholen müssen. Spaniens Nationalcoach Luis de la Fuente zeigte sich später jedenfalls überzeugt, sein Team wäre auch nach einem verwandelten Kane-Elfer noch zurückgekommen. Auf die übliche Kadertiefe konnte Tuchel nach zahlreichen verletzungsbedingten Ausfällen – darunter Declan Rice, John Stones und Marcus Rashford – diesmal nicht bauen. Einzige Überraschung war der Startelfeinsatz von Ersatztorwart James Trafford anstelle von Jordan Pickford.

Cole Palmer sagt Tuchel kurzfristig ab und nährt Spekulationen

Für die größte Unruhe sorgte die kurzfristige Absage des ins Aufgebot berufenen Cole Palmer – angeblich ebenfalls wegen einer Verletzung. Der Offensivspieler hatte zuvor in sämtlichen Pflichtspielen des FC Chelsea mitgewirkt. Das nährte Spekulationen, Palmer könnte auf diese Art seinen Frust über die Nicht-Nominierung bei der WM zum Ausdruck gebracht haben. „Er verpasst zu viele Gelegenheiten“, kritisierte Tuchel den 24-Jährigen.

Mit dem 2:3 setzte sich eine unrühmliche Serie des Fußballmutterlands fort: Von den vergangenen 15 Partien gegen Top-Ten-Nationen konnten die Engländer nur sechs gewinnen. Das führt unweigerlich zurück zur Spielweise der Mannschaft. Bei seiner Vorstellung als Nationaltrainer hatte Tuchel einen Stil angekündigt, der den Volldampf-Fußball der Premier League reflektieren sollte. Nach dem WM-Aus schienen ihm daran Zweifel zu kommen. Ballbesitz spiele in schwierigen Situationen eine „entscheidende Rolle“, um dem Druck des Gegners zu entkommen, betonte er damals – und stellte in den Raum, dies könnte weniger in der englischen DNA verankert sein als in der spanischen. Vor diesen Länderspielen argumentierte Tuchel nun, er müsse vielleicht seinen Wunsch nach Kontrolle „zurücknehmen“, sodass die eigenen Stärken mehr zum Vorschein kämen.

Aus seinen Einschätzungen klang Tuchels Zerrissenheit. Im Vergleich zu Jürgen Klopp oder Pep Guardiola gehört er zu den eher pragmatischen Trainern, die ihren Stil dem vorhandenen Kader anpassen statt umgekehrt. Was die von ihm bislang trainierten Mannschaften jedoch auszeichnete, war eine gewisse Grundstabilität. ESPN fasste prägnant zusammen: Tuchel sei verpflichtet worden, um „Englands größte Frage zu beantworten: Wie gewinnt man?“ Um die Antwort ringe er mit seinem Team noch.

Immerhin bleiben die Engländer dran. „Unsere Leistung war gut genug, um die Spanier zu schlagen – das Ergebnis hat es allerdings nicht bestätigt“, bilanzierte Tuchel am Samstag. In den kommenden Partien in Tschechien und Kroatien geht es um die Qualifikation für die K.-o.-Runde der Nations League. Sie würde Tuchel weitere Gelegenheiten verschaffen, die richtige Balance zu finden.

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