München: Bitte alle einsteigen in die Olympia-Achterbahn
Por Von Johannes Knuth, Baden-Baden — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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München bejubelt einen unerwartet deutlichen Sieg bei der nationalen Olympiakür. Doch auf den Kandidaten und den Sport kommen schnell große Themen zu. Vorneweg: die Finanzen.
Von Johannes Knuth, Baden-Baden
W as haben sie beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in der Vergangenheit nicht alles verhüllt oder unter Verschluss gehalten. Allein während der vergangenen vier Jahre, in denen sie an ihrem Konzept für die aktuelle Olympia– und Paralympics-Bewerbung bastelten. Da waren ungeklärte Kosten, mehrmals wechselnde Kriterien für die Suche nach einem Kandidaten, eine allenfalls teiltransparente Bewertungsmatrix zur Beurteilung der Bewerberstädte. Dazu Aussagen über die finanzielle Stabilität der Bewerbung, für die der Haushaltsausschuss des Bundestags angeblich eine Bestätigung ausstellte, die es so aber nie gab.
Aber das alles war am Samstag vergeben und vergessen – dank einer ungeahnten Transparenzoffensive des DOSB-Präsidenten.
Da hatten sie seit Monaten auf diesen einen Moment hingefiebert! Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würde unter dem goldgerahmten Tonnengewölbe im Bénazetsaal des Kurhauses in Baden-Baden den Namen jener deutschen Stadt oder Region vortragen, die sich für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bewerben darf, und so auch die gesamtdeutsche Kraftanstrengung symbolisieren. Der DOSB-Präsident Thomas Weikert sollte nur den Umschlag öffnen, in dem sich der Zettel mit dem Namen des Siegers befand. Doch als er diesen Zettel herauszog, hielt er ihn so, dass der Name in die Kameras leuchtete wie eine offen gehaltene Hand beim Kartenspiel.
Steinmeier reagierte immerhin so schlagfertig, dass es eine Wohltat war nach all dem Pathos, mit dem sich die Sportfamilie in den Stunden zuvor berieselt hatte. „Wer es noch nicht gesehen hat“, sagte der Bundespräsident, „es ist München.“
Die Sieger freuten sich in jedem Fall ausgelassen. Das speiste sich zum einen aus Erleichterung, die vor allem von Markus Söder abfiel. Der verbliebene Mitbewerber „KölnRheinRuhr“ hatte es doch tatsächlich gewagt, den CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten im innerdeutschen Wahlkampf „ganz schön zum Zittern“ zu bringen. Dass der Münchner Sieg mit 90:51 Stimmen so deutlich ausfiel, nahmen Sport-Lobbyisten auf beiden Seiten durchaus überrascht zur Kenntnis.
Zum anderen steigerten sich alle Protagonisten am Samstag schon mal in einen veritablen Olympiarausch hinein. „Unendlich“ sei die Freude, sagte Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause; Söder wertete die Bewerbung sogleich als „eine der größten Chancen“, mit der man das Land wieder fit machen könne – womit tatsächlich mal nicht sein eigenes Bundesland gemeint war. Sogar Hendrik Wüst, Söders Ministerpräsidentenkollege und Rivale als Ersatzkanzler, versprach artig, dass Nordrhein-Westfalen die Bayern nun nach Kräften unterstützen werde. So groß war die Euphorie, dass der grüne Oberbürgermeister aus München den CSU-Ministerpräsidenten zum Ritt durch die fünf Loopings der Olympia-Achterbahn auf dem Oktoberfest einlud.
Am Samstag, während der ersten Pressekonferenz mit Vertretern von DOSB, Bundesregierung, Land und Stadt, zeigte sich dann aber erst einmal, welche Achterbahnfahrt dieser gesamtdeutschen Bewerbung schon bald bevorstehen wird.
Seine Stadt müsse im Grunde sofort „loslaufen“, räumte Dominik Krause ein, denn: Selbst wenn das IOC, Stand jetzt, einen europäischen Gastgeber eher ab 2040 in den Blick nehmen dürfte – die deutsche Bewerbung gilt ab 2036. Für dieses Datum hat sich das IOC aber noch nicht auf eine Region oder einen Kontinent festgelegt. Wann und wie dies geschehen wird, ist unklar, wie so vieles. Also müssen die Münchner die Schienen dafür so legen, dass sie 2036 bereit wären. Oder genauer: die Fundamente für diverse Infrastrukturmaßnahmen.
Darunter fällt vor allem der Bau eines Olympischen Dorfs. Rund 4000 Wohnungen sollen auf 302 500 Quadratmetern Geschossfläche im Münchner Nordosten entstehen und nach den Spielen einen neuen Stadtteil bilden, ähnlich wie das Olympiadorf von 1972. Eine gute Idee an sich. Doch binnen zehn Jahren ist in München schon lange kein solch gewaltiges Projekt zur Vollendung gereift, zumal eines, das mit einer Verkehrsader an die Stadt angebunden werden muss. Auch drohen langwierige Verhandlungen um manche Grundstückparzellen, die der Stadt nicht gehören. Das schildert sogar der Evaluierungsbericht von DOSB und Bund halbwegs transparent. Er erwähnt auch eine Handvoll Projekte, die er „baufachlich“ nicht beurteilen könne, weil „unvollständige oder wenige Informationen“ bereitstünden.
Krause umschiffte diese Details am Samstag, verwies dafür auf „planungsrechtliche Hürden“, die Bauprojekte bundesweit verzögerten, das alles sei „kaum noch vermittelbar“. Dann wandte er sich auf dem Podium Ronald Rauhe zu, dem neuen Staatsminister für Sport und Ehrenamt. Er, Krause, würde sich freuen, wenn Rauhe dieses Anliegen noch mal mitnehmen könne ins Kanzleramt. Würde doch auch vielen anderen Bauprojekten hierzulande guttun, oder?
Wie wahrscheinlich ist es, dass Deutschland 2036, 2040 oder 2044 tatsächlich Olympia-Gastgeber wird? Klar ist jedenfalls: Die Vergabe läuft sehr intransparent ab.
Auch hier: gute Idee, an und für sich. Nur dauert es hierzulande ja auch, bis solche Anliegen ihre Loopings durch diverse Ministerien, Unterabteilungen oder gar Gesetzgebungsverfahren gedreht haben; erst recht in einer Regierung, die gerade vor allem mit sich beschäftigt ist. Bis dahin gilt, dass alles, was schneller fertig werden muss – auch Projekte, die ohnehin nötig wären oder schon laufen wie die zweite Münchner S-Bahn-Stammstrecke –, wegen des Zeitdrucks deutlich teurer werden könnte. Insbesondere bis 2036.
Da wirkte es schon arg ambitioniert, dass Krause und Otto Fricke, der Vorstandsvorsitzende des DOSB, am Samstag an der Summe von zehn Milliarden Euro als Gesamtkosten für die Spiele festhielten: fünf Milliarden für das Event an sich, die das Event selbst, grob gesagt, wieder hereinspülen soll. Und fünf weitere für diverse Infrastrukturmaßnahmen. Der bayerische Ministerpräsident band die Debatte fürs Erste mit einer Allgemeinformel ab. „Wir stehen unter besonderer Beobachtung“, sagte Söder, „deshalb wird Deutschland das hinkriegen.“
Diese Losung galt offenbar auch für ein zweites Thema, das die gesamtdeutsche Olympia-Anstrengung auf eine mindestens gleichwertige Probe stellen dürfte. Sollte Deutschland für 2036 tatsächlich eine Chance erhalten, 100 Jahre nach den Nazi-Spielen von Berlin, hatte der organisierte Sport schon vor Längerem das Narrativ entworfen, das DOSB-Vorstand Otto Fricke am Samstag so wiederholte: „Wir müssen zeigen, dass dieses ein ganz anderes Land ist“, weltoffen und demokratisch also. Nur hat diese Erzählung eine gewaltige Schwäche: dass die AfD auch im Bund bis 2036 in ganz anderen Sphären unterwegs sein könnte, just zum Jahrestag einer düsteren nationalsozialistischen Propagandainszenierung.
Dann müsse eine Olympiabewerbung eben als Gegengift wirken, als eine Art Demokratie-Booster, so ließ sich die Antwort aller Beteiligten in Baden-Baden sinngemäß bündeln. Wenn man sich um die „größte Sportparty der Welt“ bemühe, seien alle an Bord, hatte Fußball-Bundestrainer Jürgen Klopp schon vor der Wahlverkündung per Einspieler im Saal prophezeit. „Aus solch einem Tag müssen wir auch Kraft und Mut ziehen“, assistierte Markus Söder. Und der Sportstaatsminister Ronald Rauhe befand: „Natürlich können wir die Geschichte nicht umschreiben. Aber wir können sie erzählen und weiterführen. Wir können doch zeigen, wer wir heute sind.“
Die Frage ist nur, wer oder was das Land übermorgen ist. Und welche Rolle der Sport dabei überhaupt noch spielen kann.
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