Almauftrieb bei Käfer: Das ganze Zelt feiert – und dann wird es hektisch am Tisch von Bill Kaulitz
Por Von Philipp Crone — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Tokio-Hotel-Bill, Ex-Bundestrainer Nagelsmann und eine Söder-Tochter: Alle wollen sie dabei sein, beim Almauftrieb im Käferzelt. Einblicke in das Gedränge, Geblitze und Gerufe bei dem Promi-Event schlechthin.
Von Philipp Crone
A uf einmal wird es hektisch am Tisch von Bill Kaulitz. Aber nicht etwa, weil ihm irgendjemand aus dem schon kurz nach der Öffnung heillos vollen ersten Stock des Käferzelts zu nahe kommt. Kaulitz will eine rauchen und das bedeutet Schwerstarbeit für seine beiden Bodyguards. Sie müssen Platz schaffen für den Musiker, und das ist aus mehreren Gründen gar nicht so einfach.
Zum einen werden um halb neun am Sonntagabend gerade Dutzende Tische mit Speisen versorgt, zum anderen laufen aber noch immer ein paar Nachzügler suchend durch die Reihen, die ihre Tischnummer noch nicht gefunden haben. Und die schmalen Gänge sind ohnehin eher verstopft als frei, weil sich Schaulustige und Tanzende die schmalen Streifen zwischen den Seitenschiffen teilen.
Seit 28 Jahren laden Gastgeber Philip Greffenius und Michael Käfer zum sogenannten Almauftrieb, und man kann nicht sagen, dass sich das Konzept überlebt hätte. Im Gegenteil. Woran liegt es, dass Leute, die jederzeit sonst mit deutlich mehr Platz auch in diesem Zelt einen Tisch bekämen, ausgerechnet dann da sein wollen, wenn es am vollsten ist?
Für die frühere Rotlicht- und Kiezgröße Kalle Schwensen, der schon vor dem Start des Auftriebs gegen halb acht auf dem Balkon steht und darauf wartet, dass die Gäste sich außen über die Treppe nach oben begeben, geht es um naheliegende Faktoren: „große Tische und das beste Essen“. Auch er schaut dann aber erst einmal gespannt, als die erste Entourage die Aufmerksamkeit der Fotografen auf sich zieht. Es ist die bayerische First Lady Karin Baumüller-Söder mit Tochter, die aber beinahe von einem vorbeieilenden Kellner mit Almdudler-Kasten auf der Schulter gerammt wird. Und dann geht es los oben auf dem Pressebalkon.
Die Gäste steigen rauf und all diejenigen, die von den Fotografen erkannt werden, dürfen statt nach rechts ins Zelt nach links zum Balkon abbiegen, zu den Mikrofonen und Objektiven. Und es werden viele erkannt. Moderator Riccardo Basile spricht von einem Familientreffen. Was man eben so sagt, wenn man nicht weiß, was man sagen soll. Zwei Damen laufen an ihm vorbei ins Zelt, die eine raunt der anderen zu: „Geschafft! Mein Gott!“ Es klingt nicht verärgert, eher euphorisch. So ein Gedränge, Geblitze und Gerufe.
Oliver Pocher schaut konzentriert in den Raum und an den Hunderten Luftballons vorbei über den vor Brotzeitbrettln schier durchhängenden Tischen nach seiner Tischnummer. Er wird sie ein paar Minuten später gefunden haben, während Kunstminister Markus Blume (CSU) sich telefonierend durchschlägt und Unternehmer Frank Thelen neben ihm einer Reporterin zuruft: „Diese Stimmung und alle in Tracht, das ist doch einmalig.“ Einmalig ist auf jeden Fall, dass hier keiner Zeit verschwendet. Die Band spielt um 20.07 Uhr, keine halbe Stunde nach dem Einlass, „Skandal im Sperrbezirk“ und manche setzen sich gar nicht erst hin, sondern besteigen sofort die Bänke.
In diesem Gewühl sucht Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann seinen Platz und sagt nur kurz, dass er nichts sagen will: „Ich möchte hier heute nur ganz privat sein.“ So privat das eben ist, wenn man mit zighundert anderen im kleinen Käferzelt sitzt. Ob Kaulitz oder Nagelsmann, diese Kategorie nimmt den Nebeneingang und lässt sich nicht fotografieren.
Für den Körper ist so ein Gewusel eher nichts, sagt Herzchirurg Rüdiger Lange mit einem gemütlichen Lächeln. „Das ist schon ein hoher Stress für das Herz, die Leute kommen hier ja mit weit aufgerissenen Augen, Unruhe und schnellen Schritten rein.“ Da steige der Puls bei vielen sicher auf bis zu 110. Aber genau das wollen eben auch viele erleben: einen Wiesnabend mit Kick, an dessen Ende man nicht nur gut gegessen und gut getanzt hat, sondern auch von besonderen Begegnungen berichten kann.
Während einige der jüngeren Gäste die ausliegenden Einstecktücher längst um die Stirn gebunden haben als Zeichen dafür, dem Abend feierlich entgegentreten zu wollen, spricht Sandy Meyer-Wölden, gerade der ungewohnten Situation entronnen, unten unter lauter Anstehenden kurz eingequetscht gewesen zu sein, oben am Tisch nun erleichtert: „Das ist ein klassisches Sehen und Gesehen werden, ein perfekter Kickoff für die Wiesn“. Moderator Riccardo Simonetti erklärt derweil auf dem Pressebalkon noch die Mode der Saison: „Traditionelle Elemente, modern interpretiert“, etwa eine Charivari mit Perlen.
An Tag zwei der Wiesn zeigen sich die üblichen Promis beim Feiern im Käferzelt. Manch einer mit emotionalem Ballast. Nur Heidi Klum nicht. Die tanzt fröhlich aus der Reihe, übers Festgelände und überrascht beim „Gay Sunday“ mit einem Auftritt.
Im allgemeinen Feiertaumel auf engstem Raum gibt es dann auch kuriose Szenen. Etwa als ein eifriger Sicherheitsmann der Ober-Influencerin Caro Daur das VIP-Bändchen am Handgelenk enger schnallt. Nicht, dass die noch rausgeht und es an den nächsten weitergibt. Oder Nationalspieler Angelo Stiller vom VfB Stuttgart, der den Raum betritt und erst einmal den Nächstbesten, in diesem Fall den SZ-Reporter, befragt: „Hi, weißt du, wo der Pocher sitzt?“
Irgendwann hat sich die erste Aufregung etwas gelegt. Die Gäste haben gegessen, sich umgesehen, die Fotografen genug Material, Bill Kaulitz ausreichend geraucht, sodass der Abend zu einem fast normalen Wiesnfest werden kann. 20.54 Uhr, die ersten knutschen im Gang und Kaulitz steht Fächer-wedelnd auf der Bank und tanzt. Musiker Johannes Oerding als Nachzügler spricht noch ein letztes knackiges Fazit in eine Kamera: „Wiesn ist doch nichts anderes als Karneval, nur dass alle gleich aussehen.“
Und der Almauftrieb? Die Essenz des Ganzen. Alle wollen dabei sein, aber es gibt kaum Plätze, und selbst VIP-Sportler, Follower-Giganten, Musikstars oder Yachtbesitzer freuen sich, an einen Tisch zu kommen. Am Ende, an diesem Abend ab etwa 21 Uhr, ist es wie in jedem Zelt eine Person, die vor allem dafür sorgt, dass die Party läuft, ob nun Millionäre oder Mittelschüler auf den Tischen tanzen. Michael Käfer weiß schon, warum er ganz oben, auf einem Plexiglasboden scheinbar über allen schwebend, seinen Schlagzeuger den Beat stampfen lässt.
Beim Besuch der Bayern-Profis auf der Wiesn irritiert der Auftritt eines Spielers, der sich den Fotografen draußen gar nicht zeigt.
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