Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin: Blau wächst
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Die AfD will die Bundesregierung immer weiter unter Druck setzen. Die Ergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin stärken ihr dafür den Rücken.
Von Tim Frehler und Valerie Höhne, Schwerin/Berlin
U m 18 Uhr am Sonntagabend lag AfD-Politiker Leif-Erik Holm (AfD) knapp vor Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). Jedenfalls zeigte das die erste Prognose der ARD, die am Sonntagabend auf die Leinwand der Eventlocation am Lankower See in Schwerin projiziert wurde, wo die AfD ihre Wahlparty feierte. Auf 37 Prozent stieg der blaue Balken um 18 Uhr – und blieb damit knapp vor dem der SPD stehen. Laut Daten des ZDF kam die AfD gar auf 38 Prozent, die SPD auf 36,5. Bei der ersten ZDF-Hochrechnung lag die AfD dann bei 37,8 Prozent, die SPD bei 36,3.
Holm konnte also erst einmal jubeln. Schließlich hatte das ZDF-Politbarometer am Freitag noch seine Konkurrentin Manuela Schwesig leicht vor der AfD gesehen, die in Mecklenburg-Vorpommern als einziger Landesverband im Osten nicht als gesichert rechtsextrem eingestuft ist.
Dabei lag die AfD in Umfragen lange vor der SPD – und gab großspurige Ziele aus. Auf dem Landesparteitag Ende Mai in Grimmen hatte Holm erklärt, „die 45-Prozent-Marke“ erreichen zu wollen. Später klang er zurückhaltender, sprach etwa im TV-Duell mit Schwesig vor wenigen Tagen nur noch davon, stärkste Kraft werden zu wollen. Das hat Holm, Stand 18 Uhr, erreicht.
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Für die AfD insgesamt hing vom Ausgang der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am Sonntagabend einiges ab. Nach dem Erfolg vor zwei Wochen in Sachsen-Anhalt wollte die in weiten Teilen rechtsextreme Partei gute Ergebnisse nachlegen und die Bundesregierung, allen voran die CDU und Bundeskanzler Friedrich Merz, weiter unter Druck setzen.
Im Wahlkampfendspurt konzentrierte sich die Parteiprominenz zuletzt auf den Nordosten. Am Freitagabend waren die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla zur Unterstützung nach Neubrandenburg gereist, wo auch Ulrich Siegmund, AfD-Frontmann aus Sachsen-Anhalt, auftrat. Siegmund stand auch einen Tag später gemeinsam mit Holm in Schwerin auf der Bühne.
Alle, die dorthin gekommen waren, konnten noch einmal sehen, wie stark sich die beiden AfD-Spitzenmänner voneinander unterschieden. Siegmund war es in Sachsen-Anhalt gelungen, einen Hype um seine Person auszulösen. Stundenlang posierte er für Selfies mit seinen Anhängern. Er war der unangefochtene Mann an der Spitze einer Kampagne, die auf ihn zugeschnitten war. „Uli, Uli“, riefen die Zuschauer auch auf dem Schweriner Markplatz am Samstag – etliche von ihnen in Kleidung von Thor Steinar, einer in rechtsextremen Kreisen beliebten Modemarke.
Verglichen mit Siegmund blieb der frühere Radiomoderator Leif-Erik Holm eher blass. Im Wahlkampf tourte er zwar als „Ministerpräsidentenkandidat“ durchs Land, offizieller Spitzenkandidat war aber ein Mann namens Enrico Schult. Auf der Landesliste seiner Partei trat Holm nicht an, sondern bewarb sich im Schweriner Wahlkreis von Manuela Schwesig um das Direktmandat. Stets war also klar: Verliert Holm die Duelle gegen die SPD-Politikerin, bleibt er als Bundestagsabgeordneter in Berlin. Diese Rückfalloption machte ihn angreifbar für die politische Konkurrenz.
Auch in den eigenen Reihen war Holm nicht unumstritten. Während in seinem Landesverband Funktionäre nach oben streben, die früher in der Jugendorganisation der NPD oder in der rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) waren, gilt Holm als vergleichsweise gemäßigt. Das kommt nicht bei allen gut an. Der neurechte Publizist Benedikt Kaiser schrieb mit Blick auf das letzte ZDF-Politbarometer vor der Wahl auf der Plattform X am Freitag, Holm habe das Momentum der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt „gestoppt, wie Merz es nie könnte“. Kaiser ist Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Robert Teske aus Thüringen, wo man der reinen, radikalen Lehre besonders zuneigt. Holm warf er daher vor, er habe damit geworben, „die authentische CDU 2.0 zu sein“. Das könne „nur nach hinten losgehen“, schrieb Kaiser.
Holm konnte also weder eine solche Wirkung wie Ulrich Siegmund entfalten, noch hatte er einen solchen Rückhalt wie der Spitzenmann in Sachsen-Anhalt. Das Ergebnis aus dem Jahr 2021, als die AfD bei der Landtagswahl im Nordosten auf 16,7 Prozent der Stimmen kam, hat die AfD laut Prognose trotzdem mehr als verdoppelt.
Bei den Wahlen in Berlin konnte die AfD ihr Ergebnis verbessern, sie erreichte laut der ersten Hochrechnung der Forschungsgruppe Wahlen 13,8 Prozent. Ihr Ziel hat sie damit allerdings nicht erreicht, zuletzt lag sie laut Umfragen bei 18 Prozent.
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Vor dreieinhalb Jahren, bei der Berliner Wiederholungswahl im Februar 2023, hatte die Partei noch 9,1 Prozent der Stimmen geholt. Doch schon bei der Bundestagswahl im Februar 2025 erreichte sie in Berlin 15,2 Prozent der Zweitstimmen.
Das Ergebnis in Berlin zeigt: Für die AfD ist es schwierig in einer solchen Stadt, die Parteichefin Alice Weidel direkt nach der Prognose als „hartes Pflaster“ für ihre Partei bezeichnete, herausragende Wahlergebnisse zu erzielen.
Im Vergleich zu anderen AfD-Politikern tritt die Berliner Spitzenkandidatin Kristin Brinker dezidiert gemäßigt auf. Sie gibt sich bürgerlich, selbst wenn sie über Migration spricht, schreit sie eher nicht. Doch im Wahlprogramm finden sich radikale Positionen: Die AfD fordert für Berlin eine „konsequente Remigrationspolitik“, einen „sofortigen Aufnahmestopp für Asylbewerber in Berlin“.
Einen Tag vor der Wahl wurde eine Razzia bei einem persönlichen Mitarbeiter von Brinker öffentlich. Die Bild-Zeitung berichtete, es seien „Drogen und Nazi-Zeug“ gefunden worden. Brinker sagte der Süddeutschen Zeitung, dies seien „klischeehafte Vorwürfe“, und „jeder kann sich seinen eigenen Reim drauf machen“, warum diese einen Tag vor der Wahl erhoben würden. Sie könne „nichts Schlechtes“ über ihren Mitarbeiter sagen. Ob die Vorwürfe stimmten, wisse sie nicht, sagte sie.
Eine gewisse Normalisierung der Partei war in den vergangenen Monaten auch in Berlin zu beobachten. Bei einem Wahlkampfstand in Berlin-Charlottenburg mitten in der Hauptfußgängerzone zum Beispiel. Dort blieben viele Passanten interessiert stehen. Auch Deutsche, die nicht weiß sind – und damit eigentlich nicht ins gängige Bild eines AfD-Wählers passen.
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel wurde fortlaufend aktualisiert.
Die AfD ist aktuell eine beinahe berauschte Partei. Sie könnte bald in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal regieren. Wo führt das noch hin? Alice Weidels Ziel ist klar: Sie will 2029 Kanzlerin werden. Wer ist diese Frau?
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