Jüdisches Neujahrsfest: „Nichts ist verloren, solange wir hier stehen“
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Jüdisches Neujahrsfest „Nichts ist verloren, solange wir hier stehen“
13. September 2026, 15:21 Uhr |
Lesezeit: 2 Min.

Die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern feiert das jüdische Neujahrsfest. Eine beunruhigte Charlotte Knobloch ruft die Menschen dazu auf, sich für Demokratie und Freiheit einzusetzen.
Von Bernd Kastner
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Charlotte Knobloch spricht ohne Mikrofon und Lautsprecher. Wer ein paar Meter zu weit entfernt von der kleinen Bühne auf dem Jakobsplatz steht, kann allenfalls ahnen, was sie sagt. Es ist Rosch Haschana, jüdisches Neujahrsfest, und wegen des religiösen Ruhegebots verzichtet die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) auf elektrische Verstärker. Nur der Gesang ist laut, die Besucher stimmen ein, und das Widderhorn ist auch gut zu hören. Es ist Rabbiner Shmuel Brodman, der das Schofar bläst, so heißt es auf Hebräisch. Den Klang des Schofars zu hören, gilt als Mitzwah, erklärt die IKG, als religiöses Gebot.
Einen neuen Anfang markiere das Fest, sagt Knobloch, die Präsidentin der IKG, und dieser Neuanfang sei auch dringend nötig. Sie spielt auf die politische Lage im Land an, erinnert aber zunächst, dass Rosch Hoschana eigentlich Anlass für jeden sein solle, die eigenen Taten zu reflektieren und mögliche Verfehlungen abzustellen.

Rasch kommt Knobloch in ihrer kurzen Ansprache auf die Politik zu sprechen, deren jahrzehntelange Stabilität sich „aufgelöst“ habe. Sie spricht den Namen der Partei nicht aus, es weiß ohnehin jeder, dass sie die AfD meint, wenn sie sagt: Rechtsextreme seien kurz davor, die Regierung eines Bundeslandes zu übernehmen. Die Geschichte lehre, wenn es eine rechtsextreme Regierung gibt, werde bald die zweite folgen. „Der Weg abwärts aus der Ebene ist steil und schmerzhaft.“ Sie hoffe auf göttlichen Beistand.
Es spricht die Holocaustüberlebende, 93 Jahre alt, gegen die vor wenigen Tagen jemand auf einer Parkbank im Englischen Garten eine Morddrohung hinterlassen hat. Was da zu lesen war, hat Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) tags zuvor auf einer Versammlung gegen die AfD mitgeteilt: „Die AfD hat gewonnen, morgen …“ – es folgte die Ankündigung, Charlotte Knobloch zu töten.
Krause hat zum jüdischen Neujahrsfest der jüdischen Gemeinschaft ein Grußwort übermittelt. Auch er fokussiert auf die politische Lage in Deutschland, „mit besonderer Sorge“ erfülle ihn der Rechtsruck und „die zunehmende Normalisierung antisemitischer Narrative“. Aus vielen Gesprächen wisse er um die Verunsicherung in der jüdischen Gemeinschaft, er verstehe das gut.
„Dass jüdische Münchner*innen Zweifel daran haben, ob sie hier in ihrer Heimatstadt eine Zukunft haben, muss uns als gesamte Stadtgesellschaft äußerst alarmieren“, schreibt der OB. Es gelte, Antisemitismus stärker zu bekämpfen und jüdischen Stimmen und Perspektiven „mehr Gehör zu verschaffen“. Er verspricht der jüdischen Gemeinschaft Münchens, dass sie in ihm und der Stadt „verlässliche Verbündete“ hätten im Bemühen um ein sicheres und sichtbares jüdisches Leben. Er wünsche sich für das neue Jahr „mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt“ und „selbstbewusstere Demokrat*innen“.
Auch das Freudige spricht Krause an, das vielfältige jüdische Leben in München. Die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom feierte ihr 30-jähriges Bestehen, in der Monacensia ist Rachel Salamanders Archiv ausgestellt, und in diesem Herbst steht noch die 20-Jahr-Feier am Jakobsplatz an: Seit 2006 findet sich dort die Hauptsynagoge Ohel Jakob.
„Die Zeiten sind nicht so leicht“, sagt Charlotte Knobloch, vor dieser Synagoge stehend. „Aber nichts ist verloren, solange wir hier stehen, solange unsere Herzen Demokratie und Freiheit tragen.“ Sie ruft die Menschen dazu auf, sich für Demokratie und Freiheit einzusetzen, und mehr zu tun, als am Wahltag einen Zettel abzugeben.
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Von Ulrike Heidenreich
Fonte: Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport