Prävention: Löchriges Wissen über Krebsrisiken
Por Von Christina Berndt — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Die deutsche Bevölkerung glaubt viel über Krebs zu wissen. Dabei unterschätzen die meisten ihr persönliches Risiko – und hängen hartnäckigen Mythen nach.
Von Christina Berndt
Die Menschen in Deutschland fühlen sich in der Mehrheit gut oder sogar sehr gut über Krebsrisiken informiert. Doch das scheint nicht wirklich der Realität zu entsprechen, wie eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zeigt. Vielmehr sitzen viele Menschen Falschinformationen auf, und die meisten unterschätzen ihr persönliches Krebsrisiko. So denken nur zwölf Prozent, dass ihr Risiko, selbst einmal an Krebs zu erkranken, eher „hoch“ oder „sehr hoch“ sei, berichten die Forscherinnen Andrea Gaisser und Ursula Will, die für ihre Publikation in der Fachzeitschrift Forum knapp 1600 repräsentative Personen ab 16 Jahren befragt haben. Dabei erhält tatsächlich fast jeder Zweite in Deutschland im Laufe seines Lebens eine Krebsdiagnose.
Die Diskrepanz zwischen dem geschätzten und realen Risiko für einen Krebs hängt wohl auch damit zusammen, dass die Menschen ihren persönlichen Lebensstil für weniger riskant halten, als er in Wahrheit ist. Zwei Drittel der Befragten bewerten demnach ihre eigene Lebensweise als „gesund“ oder „sehr gesund“, gleichzeitig zeigt sich an den Antworten: Weit mehr als das verbleibende Drittel hat Übergewicht, bewegt sich zu wenig und konsumiert regelmäßig Alkohol oder Tabak. Nichts davon ist gesund, alles erhöht das Risiko für Krebs. Vor allem Männer frönen demnach deutlich häufiger einem ungesunden Lebensstil als Frauen, auch Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status leben ungesünder als solche mit hohem Status. Zugleich glaubten mehr als 60 Prozent aller Befragten, genug über Krebsgefahren zu wissen.
„Viele Menschen fühlen sich gut informiert und halten ihre Lebensweise für gesund – gleichzeitig unterschätzen sie offenbar Risiken in ihrem Lebensstil“, sagt die Präventionsmedizinerin Ursula Will in einer Pressemitteilung des DKFZ. Sie folgert: „Information ist wichtig, aber nicht ausreichend, um Verhaltensänderungen zu bewirken.“ Deshalb reiche es für eine wirksame Prävention vermutlich nicht, allgemeines Wissen über Krebsrisiken zu vermitteln, so Will: „Entscheidend ist, den Bezug zum eigenen Risiko und zum eigenen Verhalten herzustellen.“
Wo genau das Wissen auseinanderklafft, untersuchte eine zweite Studie des DKFZ, die Claro-Studie. Darin wurden 1232 Bürgerinnen und Bürger aus Stuttgart befragt, wie gut sie einzelne Krebsrisikofaktoren kennen. Die große Mehrheit erkannte Rauchen, Passivrauchen, Bewegungsmangel und Sonnenbrände korrekt als Krebsrisiken, berichtet das Team im Fachblatt Frontiers in Public Health. Andere wissenschaftlich belegte Risikofaktoren waren dagegen deutlich weniger bekannt. Dazu gehörten zum Beispiel hoher Salzkonsum und langes Sitzen.
Auch einige Falschinformationen wurden von den meisten Befragten nicht als solche erkannt. So gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Handystrahlung, die Nutzung von Plastiktrinkflaschen oder Deosprays und der Konsum von genetisch modifizierten Lebensmitteln oder Süßstoffen krebserregend seien. Dies wird aber häufig behauptet.
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Wie sehr ein gesunder Lebensstil tatsächlich dazu beitragen kann, das Krebsrisiko zu senken, belegt derweil eine weitere Arbeit aus dem DKFZ – und zwar für ein besonders breites Spektrum von Krebsarten. Für ihre im British Journal of Cancer veröffentlichte Analyse werteten die Forschenden Daten von rund 290 000 Personen aus, die in der UK Biobank erfasst sind. Alle Personen waren anfänglich nicht an Krebs erkrankt, im Laufe von 11,5 Jahren erhielten aber 12 947 eine Krebsdiagnose.
Um den Einfluss des Lebensstils zu ermitteln, erhielten die Probanden jeweils einen Punkt, wenn sie einen der fünf mit Blick auf Krebs vermutlich wichtigsten Lebensstilfaktoren beherzigten: Nichtrauchen, gesundes Körpergewicht, ausreichend Bewegung, ausgewogene Ernährung und höchstens moderaten Alkoholkonsum. Sie konnten demnach zwischen null und fünf Punkten bekommen.
Dabei zeigte sich, dass Menschen mit vier oder fünf Punkten, also einem besonders gesunden Lebensstil, im Vergleich zu solchen mit null oder einem Punkt ein um 29 Prozent geringeres Risiko hatten, im Beobachtungszeitraum von 11,5 Jahren an Krebs zu erkranken. Insgesamt zeigte sich bei 13 der 27 untersuchten Krebsarten ein statistischer Zusammenhang zwischen Lebensstil und Erkrankungsrisiko. Dazu gehörten unter anderem Lungen-, Darm-, Magen-, Leber-, Bauchspeicheldrüsen-, Nieren- und Blasenkrebs sowie Brustkrebs nach den Wechseljahren. 66 Prozent aller Fälle von Kehlkopfkrebs waren letztlich darauf zurückzuführen, dass die fünf Empfehlungen nicht vollständig eingehalten wurden, bei Lungenkrebs waren es 52 Prozent aller Erkrankungsfälle und bei Rachenkrebs 30 Prozent.
Besonders starke Krebstreiber sind demnach Rauchen und Übergewicht. Rauchen stand mit zwölf der untersuchten Krebsarten in einem statistischen Zusammenhang, Übergewicht mit zehn. Die übrigen negativen Lebensstilfaktoren waren mit weniger Krebsarten verbunden.
Hoffnung macht, dass Menschen bei Gesundheitsinformationen großen Wert auf wissenschaftliche Expertise und vertrauenswürdige Institutionen legen, wie die Claro-Studie ergab. Umso wichtiger sei es, betont die Erstautorin Mona Illmann, qualitätsgesicherte Informationsangebote sichtbarer zu machen und den Zugang dazu zu verbessern.
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