Frankfurter Buchmesse: Er kämpft gegen das Schweigen
Por Von Detlef Esslinger, Frankfurt am Main — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Der Schriftsteller und Jurist Philippe Sands erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In seiner Dankesrede kritisiert er die Bundesregierung scharf für ihre Israel-Politik.
Von Detlef Esslinger, Frankfurt am Main
Im Grunde ist die Szene so nebensächlich, kaum einer Bemerkung wert. Und vor zehn Jahren, als die Bullys in der Politik zumindest noch nicht so sichtbar waren wie jetzt, wäre diese Nebensächlichkeit vermutlich nicht einmal aufgefallen. Die Feier in der Paulskirche ist zu Ende, der Preisträger darf sie als Erster verlassen, unter dem Applaus der 700 Gäste, und dazu hakt er sich unter, bei Frank-Walter Steinmeier. Es ist erst fünf Minuten her, dass der Preisträger die Bundesrepublik Deutschland sehr heftig kritisiert hat, und nun hilft das Oberhaupt dieses Staates ihm ganz selbstverständlich aus dem Saal. Also, es würden einem durchaus Länder und Staatsoberhäupter einfallen, bei denen das mittlerweile unvorstellbar wäre; nicht zu reden von jenen, in denen beides nie vorgekommen wäre, weder die Rede, noch das Geleit.
Philippe Sands, 65, britisch-französischer Rechtsanwalt und Schriftsteller mit jüdisch-ukrainischen Wurzeln, ist in diesem Jahr der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Er hat an internationalen Gerichtshöfen serbische Kriegsverbrechen verhandelt; er hat bewirkt, dass die Immunität des ehemaligen chilenischen Diktators Augusto Pinochet aufgehoben wurde; er hat dafür gesorgt, dass Großbritannien den Chagos-Archipel an Mauritius zurückgeben musste; er hat das Volk der Rohingya gegen die damalige Regierungschefin von Myanmar, Aung San Suu Kyi (eine Friedensnobelpreisträgerin), vertreten, und auch die Palästinensische Autonomiebehörde.
Sein Großvater stammt aus Lemberg, also Lwiw, in der Ukraine, entkam dem Holocaust, und als Sands vor 16 Jahren eine Einladung zu einem Vortrag dorthin erhielt, entdeckte er, wer noch von dort stammte: jene beiden Männer, die einst das Völkerrecht mitschufen, indem sie die Begriffe „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Völkermord“ erfanden. Niemand kann in so einfachen, in so klaren Worten das Völkerrecht erklären wie Sands. „Frieden braucht Gerechtigkeit“, sagt er in der Paulskirche. „Gerechtigkeit braucht Regeln. Regeln brauchen das Recht. Und das Recht und Gesetz gelten universell, nicht selektiv.“
Der Jurist und Schriftsteller Philippe Sands über Palästina, Deutschland – und die Frage, was hilft, wenn ihm angesichts der Skrupellosigkeit der Mächtigen dunkle Gedanken kommen.
Das sind Sätze, bei denen alle klatschen, auch der Bundespräsident und die Bundesjustizministerin in der ersten Reihe, die die Broschüre mit den Reden auf ihrem Sitz haben und daher vielleicht wissen, was gleich kommen wird. Vier Absätze später ist Sands nicht mehr bei Pinochet, bei der Zerstörung der Natur, bei Myanmar. Diese Beispiele sind in dieser Rede eigentlich nur – wenn man das so sagen darf – Präludium. Er will hier über Israels Taten im Gazastreifen sprechen und über Deutschlands Verhalten dazu. „Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?“, fragt Sands.
Schweigen, und dass man es überwinden muss – das ist quasi das Lebensthema dieses Mannes, und auch hier in der Paulskirche. Er sagt: „Schweigen – und Schweigen über Verbrechen – ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe.“ Das Schweigen über Völkerstraftaten müsse gebrochen werden, und das schließe Verbrechen ein, „die vielleicht von einem Staat begangen werden, der gegründet wurde, um Individuen zu schützen, die Handlungen im Namen des deutschen Staates erlitten“. Das deutsche Schweigen zu Gaza und zum Westjordanland sei „bis heute laut“. Das gesamte Publikum klatscht, in der ersten Reihe klatscht der Frankfurter Oberbürgermeister (der 1983 in Syrien geboren wurde), nur die Bundesjustizministerin und der Bundespräsident, beide rechts von ihm, lassen die Hände auf den Oberschenkeln.
Klatschen ist ja immer auch ein Statement. Eine Privatperson klatscht nur für sich selbst, für niemanden sonst. Amtsträger hingegen vertreten auch beim Klatschen ihr Land, und eine Sequenz mit dem an dieser Stelle klatschenden Staatsoberhaupt: Die hätte Nachrichtenwert gehabt. Also sucht Frank-Walter Steinmeier sein Heil im, nun ja, Schweigen. Und bietet ihm dann, sehr zugewandt, den Arm an. Ein Thema beim Rausgehen hätten die beiden gehabt.
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