Großbritannien: Grüne setzen Zionismus mit Rassismus gleich

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Großbritannien Grüne setzen Zionismus mit Rassismus gleich

4. Oktober 2026, 15:17 Uhr |

Lesezeit: 3 Min.

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Der britische Grünen-Chef Zack Polanski (Mitte) feiert auf dem Parteitag in Brighton den Erfolg seiner Partei.
Der britische Grünen-Chef Zack Polanski (Mitte) feiert auf dem Parteitag in Brighton den Erfolg seiner Partei. Carlos Jasso/REUTERS

Zusammenfassung

  • Die britischen Grünen erleben unter ihrem neuen Chef Zack Polanski einen Mitgliederboom – von 68 000 auf mehr als dreimal so viele Mitglieder.
  • Auf dem Parteitag in Brighton träumen die Grünen von einer Regierungsbeteiligung, etwa in einer Koalition mit Labour nach der nächsten Wahl spätestens 2029.
  • Ein Antrag, der Zionismus mit Rassismus gleichsetzt, wurde am Sonntagnachmittag mit 1022 zu 814 Stimmen angenommen und sorgt intern für Spaltung.

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Die britischen Grünen haben ein spektakulär erfolgreiches Jahr hinter sich. Auf dem Parteitag wird sogar von einer Regierungsbeteiligung geträumt. Aber die Haltung zu Israel spaltet die Partei.

Von Martin Wittmann, London

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Zack Polanski steht auf der Bühne, er trägt ein weißes Hemd, ein olivgrünes Sakko, keine Krawatte. Er strahlt, seine ersten drei Wörter sind: „Was ein Jahr“. Spricht er da am Freitag von dem erstaunlichen Jahr der Grünen, oder spricht er vom Erfolg ihres Vorsitzenden, also von seiner eigenen Leistung? Vieles auf dem Parteitag an diesem Wochenende in Brighton ist Interpretationssache. Sicher ist, dass die Grünen, seit sie den 43-Jährigen im Herbst 2025 an ihre Spitze gewählt haben, Rekordwerte erreicht haben. Damals gab es 68 000 Mitglieder, heute sind es mehr als dreimal so viele. Das weckt Ambitionen.

Auf dem dreitägigen Parteitag schwebt über jeder der Dutzenden Diskussionen, sei es über Mietendeckel, Reichensteuer, Bildungsreform, Glyphosat, soziale Ungleichheit, hohe Lebenshaltungskosten oder die Legalisierung von Cannabis, die Hoffnung, man könnte sich dieser Themen demnächst in einer Regierung annehmen. Ein mögliches Szenario bei der nächsten Wahl, die spätestens 2029 stattfinden wird, ist schließlich eine Koalition von Labour und den Grünen. Eine Koalitionsregierung wird wahrscheinlicher, wenn sich Großbritannien, wie vom neuen Premierminister Andy Burnham (Labour) geplant, vom Mehrheitswahlrecht verabschiedet. Die Hoffnung auf Grüne an der Macht teilen aber nicht alle.

„Wie verhindert man, dass die Grünen in einer Regierung zu Anzug tragenden Funktionären werden wie in Deutschland?“, fragt ein Zuhörer eines Panels, an dem Caroline Lucas teilnimmt. Sie war von 2010 bis 2024 die einzige Abgeordnete ihrer Partei im Parlament, sie kennt den Betrieb. Mit einem viel größeren, viel erfahreneren Partner eine Koalition zu bilden, wäre gewiss nicht einfach, ist hier der Tenor. Allerdings müsse alles getan werden, um Reform UK an der Regierung zu verhindern. Die Rechtspopulisten sind die größten Rivalen von Labour.

Eine etablierte linke Partei wie in Deutschland gibt es in Großbritannien nicht

Der Mann, der die Frage an das Panel gestellt hat, heißt Steve Hudson. Er hat die britische und die deutsche Staatsbürgerschaft, seit 1999 lebt er in Köln, erzählt er in einer Pause. Der Filmemacher, 57, war schon immer politisch engagiert, „Hambi, Lutzi, Klimaproteste“, aber von den deutschen Grünen ist er seit Langem enttäuscht. Die britischen Grünen hingegen seien unter Polanski radikaler. Neben der alten Generation, höflich und eher zaghaft, die sehr aufs Lokale fokussiert ist, gebe es jetzt eine jüngere, wütendere. „Da geht es um die Krisen in der Welt“, sagt er, „in Deutschland würden die alle die Linke wählen.“ Eine etablierte linke Partei gibt es in Großbritannien nicht.

Grünen-Mitglied Steve Hudson freut sich über eine jüngere, wildere Generation.
Grünen-Mitglied Steve Hudson freut sich über eine jüngere, wildere Generation. Foto: Martin Wittmann

Die eine große Krise lässt Hudson, der perfekt Deutsch spricht, kurz fassungslos ins Englische wechseln: „Die Klimakatastrophe, fucking hell! Jeder Mensch weiß, dass wir jetzt handeln müssen, und trotzdem zögern alle.“ Die andere Krise ist in Brighton weniger eindeutig beschrieben: Palästina. Die Enttäuschung vieler Briten darüber, dass ihre Regierung den brutalen Krieg, den Israel seit dem Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 im Gazastreifen führt, nicht entschiedener verurteilt hat, ist einer der Gründe für den starken Zuwachs der Grünen. Polanski spricht von „Völkermord“. Das imponiert Hudson, „Polanski ist selbst Jude, er hat sich nicht von der Antisemitismus-Keule einschüchtern lassen, er hält den Shitstorm aus“. Polanski gefährlich werden könnte jedoch ein Antrag von Grünen-Mitgliedern, in dem Zionismus mit Rassismus gleichgesetzt wird.

Was das genau bedeutet? In Brighton ist man sich unsicher. Caroline Lucas sagte der BBC: „Es gibt keine einheitliche Definition von Zionismus.“ Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt als oberstes Ziel der zionistischen Bewegung die Rückführung der in aller Welt lebenden, im 19. Jahrhundert zunehmend unter Antisemitismus leidenden Juden in ihr ursprüngliches Heimatland, das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan. Grünen-Mitglieder wie Hudson sehen im heutigen Zionismus, so nachvollziehbar die Beweggründe dafür einst gewesen seien, eine ethnische Säuberung. Israel verdränge die arabische Bevölkerung, durch Bomben und Siedlungen.

Der Antrag könne als Zeichen verstanden werden, „dass jüdische Menschen in der Partei nicht willkommen sind“

Steht hier das Existenzrecht Israels auf dem Spiel? Demonstranten, die mit Plakaten vor dem Kongresszentrum am Stadtstrand stehen, streiten das ab. Caroline Lucas unterstützt den Antrag jedenfalls nicht: Er spalte und könne als Zeichen verstanden werden, „dass jüdische Menschen in der Partei nicht willkommen sind“, sagte sie.

Während sich die grüne Partei streitet, reagiert Premier Burnham auf deren Erfolge. Seine Pläne, Transport, Trinkwasser, Wohnen, Energie und Pflege unter stärkere öffentliche Kontrolle zu bringen, ließ ihn etliche zu den Grünen abgewanderte Wähler zurückgewinnen. Auch das Importverbot von israelischen Waren aus dem illegal besetzten Westjordanland wurde von vielen Linken begrüßt.

Am Sonntagnachmittag wird der Rassismus-Antrag mit 1022 zu 814 Stimmen angenommen. Grünen-Chef Polanski, der sich dazu nie klar positioniert hatte, ist da schon nicht mehr in Brighton. Er kämpft am Donnerstag in einer Nachwahl in London um einen Sitz im Parlament. Nicht nur dort dürfte der Beschluss für Kontroversen sorgen. Polanskis triumphales Jahr als Parteivorsitzender könnte noch bitter enden.

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