Kultur in Bayern: Der Jägerstand – Ersatzthron, Skulptur und Statikwunder

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Por Von Sebastian Beck, Amberg — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

Lesezeit: 3 Min.

Sie erinnern mal an Plumpsklos, DDR-Beobachtungstürme oder Gartenhäusl auf Stelzen: Hochsitze gehören zum Alltagsmobiliar der Landschaft. In einem Bildband werden sie jetzt ebenso gründlich wie unterhaltsam erforscht.

Von Sebastian Beck, Amberg

N ein, auf dieses Buch hat die Welt gewiss nicht gewartet: „Hochsitze“ ist der Bildband schlicht betitelt, der kürzlich im Amberger Büro Wilhelm Verlag erschienen ist. Darin sind auf 252 Seiten sage und schreibe 300 Fotos und diverse Texte versammelt. Insgesamt fünf Fotografen und fünf Autoren, darunter eine Frau, arbeiten sich am Phänomen des Jägerstands ab. Ihnen sei schon mal gleich am Anfang ein Waidmannsdank zugerufen, denn so gründlich hat sich bisher wahrscheinlich noch nie jemand mit der Kulturgeschichte der „Bricolage am Waldrand“ beschäftigt, wie die Kunsthistorikerin Ira Mazzoni die zusammengenagelten Konstruktionen in ihrer Einführung bezeichnet.

Hochsitze zählen – ähnlich wie Trafohäuschen oder Strommasten – zum gleichermaßen verbreiteten wie banalen Alltagsmobiliar der Landschaft. Insofern sind sie ein typischer Fall für den Büro Wilhelm Verlag, der bereits mit seinen Büchern über Klos, Holzstöße und Scheunen in der Oberpfalz Standards gesetzt hat. Der Ansatz des Bildbands „Hochsitze“ nimmt sich dagegen geradezu international aus, denn darin wurden auch Objekte an der einstigen innerdeutschen Grenze aufgenommen.

Erste Erkenntnis beim Durchblättern: Gibt es weit und breit keinen Baum zum Anlehnen, müssen sich Jäger freistehende Konstruktionen ausdenken – eine durchaus anspruchsvolle Bauaufgabe, wie Ira Mazzoni findet. Dass manchen ihr Werk anscheinend nicht geheuer ist, liest sie an der Vielzahl der Rundstangen unterhalb der Kanzeln ab, die dem Prinzip der „mehrfach unbestimmten Statik“ folgen, um einem „plötzlichen Totalversagen des Systems“ vorzubeugen. Kracht der Hochsitz unter der Last des Waidmanns oder neuerdings immer öfter auch der Waidfrau zusammen, ist das mindestens peinlich, wenn nicht lebensgefährlich oder gar tödlich.

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Von Ira Mazzoni erfährt man überdies, dass der Hochsitz eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist, die mit dem Ende des feudalen Jagdrechts und dem Beginn der Aufforstung einherging. Jäger konnten von ihrer erhöhten Warte aus nicht nur das Wild besser beobachten, ohne von ihm erschnüffelt zu werden. Die geneigte Schussposition bewirkt zudem, dass die Kugeln im Boden stecken bleiben und damit nicht mehr Schaden als beabsichtigt anrichten.

Der Autor Florian Sendtner erinnert in seiner „Pirsch durchs historische und psychologische Unterholz der Jägerei“ an Uwe Dicks Schrift „Der Jäger von Knall“ aus dem Jahr 1995. Dieser lästert darin: „Und des Jägers Ersatzthron ist der Hochsitz. Welch ein Aufstiegsritual, welch ein königliches Gefühl, wenn er hinunterschauen darf auf die anderen (…); sei es, dass er ein Reh in die ewigen Jagdgründe schickt, sei es, dass er einen Spaziergänger abkanzelt, was er denn hier, verdammtnochmal zu suchen habe.“

Bei Sendtner ist auch nachzulesen, dass der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand – er wurde 1914 in Sarajewo erschossen – zu den exzessivsten Usern des Jägerstands zählte. Er soll den Schussbüchern zufolge 274 889 Stück Wild erlegt haben.  Zum Vergleich: In Bayern wurden in der Saison 2024/2025 laut Staatsregierung insgesamt 354 699 Rehe geschossen.

Um auf die unglaubliche Zahl zu kommen, bedurfte es der Vorarbeit des Leibjägers Viktor Mittendorfer, der Seiner Kaiserlichen Hoheit das Wild quasi vor die Flinte trieb. Bis es so weit war, studierte dieser auf dem Hochsitz Akten, dann legte er kurz an, schoss – und arbeitete weiter. Einen Teil seiner Jagdstrecke machte Franz Ferdinand auf seinen ausgedehnten Weltreisen. Auf der Insel Java etwa trieben ihm 2000 Mann seine Beute vor den Jägerstand. In Indien schoss er mit der Hilfe von 1793 Jagdhelfern und 72 Soldaten seinen ersten Tiger: „Nur ein Waidmann kann das Gefühl ermessen, das mich in diesem Augenblick erfüllte“, schrieb er danach. Stimmt. Den meisten Nichtjägern ist es bis heute noch ein Rätsel, was daran so toll sein soll, wenn man ein Tier erschießt.

Im Vergleich zu Franz Ferdinands Zeiten geht es auf den Hochsitzen inzwischen in jeder Hinsicht nüchtern zu: Jäger müssen Abschussvorgaben erfüllen und Schonzeiten einhalten. Auch der Bau von Hochsitzen unterliegt inzwischen allerlei Vorschriften zur Unfallverhütung, wie aus einer 72-seitigen Broschüre der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau hervorgeht: „Absturzunfälle von Hochsitzen bilden einen Unfallschwerpunkt im jagdlichen Unfallgeschehen“, heißt es darin. Merke: „Beim Besteigen der Leiter ist die Waffe diagonal auf dem Rücken zu tragen (soweit der Einstieg dies zulässt). Dann kann man sich mit beiden Händen an der Leiter festhalten.“ Eine gute Idee.

Augenscheinlich halten sich die meisten Jäger zumindest an ein paar elementare Regeln, wie etwa den Anstellwinkel der Leiter, der zwischen 65 und 75 Grad liegen soll. Trotzdem lassen die Vorschriften immer noch Spielraum für kreative Selbstentfaltung, das zeigen die Fotos im Buch. Die Hochsitze erinnern mal an Plumpsklos, DDR-Beobachtungstürme oder Gartenhäusl auf Stelzen, in denen man es auch bei Wind und Wetter aushält. Allen gemeinsam ist, dass sie phänotypisch irgendwo zwischen Landschaftsskulpturen und Behelfsbauten rangieren, die eine begrenzte Lebensdauer haben und dann morsch im Gebüsch enden. Insofern kann man die Hochsitze wie der Autor Till Briegleb durchaus als „Zeugen von Vergänglichkeit und Memento mori“ sehen. Schade eigentlich, dass andere gebaute Scheußlichkeiten nicht auch einfach so verrotten.

Das Schlusswort sei Oliver Maria Schmitt, dem einstigen Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, vorbehalten:

Wer sitzt so spät noch hoch im Sitz? / Es ist der Jäger mit seiner Spritz. Mit der knallt er das Blei ins Tier / Vom Hochsitz aus. Drum sitzt er hier.

Sitzt der Jäger hoch im Sitz / Schießt er leicht ein Loch ins Kitz. / Stünd er drunt im Unterholz / Schösse er bestimmt nix Dolls.

Hochsitze, Büro Wilhelm Verlag, 252 Seiten, 45 Euro

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