Oktoberfest-Heimkehrer: Achtung, Achtung, hier spricht die Party-Polizei!

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Por Von Jacqueline Lang — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

Lesezeit: 5 Min.

Die Beamten verbreiten mit Durchsagen und Hits aus dem Lautsprecherwagen auf der Hackerbrücke gute Laune unter den Wiesn-Heimfahrern. Das tun sie nicht nur zum Spaß.

Von Jacqueline Lang

P olizeibeamte, die zu „Macarena“ tanzen? Das sieht man nicht oft – und wenn, dann eigentlich nur an ein paar Tagen im Jahr auf der Hackerbrücke: Dort steht für die Dauer der Wiesn ein sogenannter Lautsprecherkraftwagen der Bundespolizei und sorgt dafür, dass Menschen, die vom Oktoberfest nach Hause wollen, auf den letzten Metern keine Dummheiten machen und sicher zur S-Bahn kommen. Und weil man Betrunkenen eben am besten mit guter Laune beikommt, läuft aus den Boxen des Fahrzeugs – die Polizei sagt LauKw, alle anderen Partybus – besagter Song von Los del Río, zu dem das Kommunikationsteam sowie Wiesnbesucherinnen und -besucher gemeinsam die Hüften schwingen.

Ein Video davon ging in der ersten Wiesnwoche viral, ganze zwei Millionen Menschen haben es sich allein auf Instagram schon angeschaut. Die Kommentare unter dem Reel sind großteils positiv, so nahbar und lustig erlebt man die Polizei ja sonst selten. Was dabei schnell mal untergehen kann: Da legen Polizistinnen und Polizisten nicht zum Vergnügen eine Tanzeinlage ein, da machen Beamte ihren Job. Für Menschen wie Polizeioberkommissar Tim Oberfrank, Sprecher der Bundespolizei, bleibt es ein Balanceakt: Wie viel Nahbarkeit ist der Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen zuträglich – und ab welchem Punkt wird sie gar erschwert?

Wer das besser verstehen will, besucht am besten Matthias Nimz, Leiter der taktischen Kommunikationseinheit (TaKe) vom niedersächsischen Standort Uelzen, der noch bis Mittwoch mit seinen Leuten den Einsatz auf der Hackerbrücke überwacht, dann übernehmen wieder Kollegen aus Bayreuth. Für Nimz ist es bereits der dritte Wiesneinsatz, wenn auch nicht in Folge. Und ob man das öfter machen muss, sei mal dahingestellt, aber einmal im Leben, das sei schon „ein Muss“, sagt er. Warum? Sie hätten zwar auch andere Einsätze, wo sie mal Musik spielen, aber so wie hier während der Wiesn, das sei schon „etwas Besonderes“.

Der 52-Jährige war mit einem Mann in Streit geraten, als er in eine Rikscha einsteigen wollte. Die Schwere seiner Verletzungen ist noch nicht absehbar. Im Paulaner-Festzelt gibt es Wirbel um sieben Schankkellner.

Erstmals zum Einsatz kamen die LauKw bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, von 2009 an stand ein solches Fahrzeug dann während des Oktoberfests auf der Hackerbrücke. Das mit der Dauerbeschallung kam dann noch einmal etwas später – und ist längst nicht mehr wegzudenken. Vermutlich, weil die Einsatzstrategie so simpel wie effektiv ist: : Wer tanzt, schlägt nicht.

Dass das stimmt, lässt sich beobachten, als die Sonne am zweiten Wiesnsamstag längst untergegangen ist und immer mehr Menschen von der Theresienwiese heimwärts strömen: Zu Songs wie „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros oder „Sing Hallelujah“ von Dr. Alban wird getanzt, es wird gefilmt, aber vor allem: eigentlich immer gelacht. Dass das so bleibt, dafür sorgen zum einen humorige Durchsagen wie „Legt euch ins Bett und nicht daneben“, zum anderen Angela Müller und Sabine Grenner an den Reglern.

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Im Inneren des Wagens sitzen die beiden und haben nicht nur die Mikrophone der Kollegen auf der Straße im Blick, sondern auch die Liederauswahl – dennn wer denkt, hier laufe einfach eine Playlist runter, der täuscht sich gewaltig. Grenner ist immerhin nicht umsonst auch als DJ Tüte bekannt, statt auf Partys legt sie aber längst nur noch im Dienst auf: Von „Dancing Queen“ über „Summer of 69“ bis „Eins, zwei, Polizei“ ist alles dabei. Wichtig ist sowieso nur eines: Die Menschen müssen in Bewegung bleiben.

Dass Grenner es erst kurz vor ihrer Rente auf die Hackerbrücke geschafft hat, bereut sie selbst ein wenig, denn wenn sie könnte, „dann würde ich das noch 20 Mal machen“. Sagt sie, wirft die Arme nach oben und animiert damit auch die Vorbeilaufenden zum Winken. Als eine Frau ihre Hand an die Scheibe legt, tut Grenner es ihr nach; gemeinsam bilden sie ein – wenn auch etwas schiefes – Herz. Keine Frage, da freut sich nicht nur eine Wiesnbesucherin – da ist auch eine Polizistin ganz in ihrem Element.

Auch für Müller ist es heuer das erste Jahr, auch sie hatte davor schon viel von diesem besonderen Einsatzszenario gehört: „Das ist eine Institution, der Lautsprecherwagen.“ Und jetzt, da sie seit zwei Tagen hier ist, weiß sie auch, warum. Die Arbeit sei „interessant, anstrengend und wunderschön“ zugleich: Weil man Kollegen von anderen Standorten hier wieder trifft, weil man gebrannte Mandeln oder Plastikrosen geschenkt bekommt, weil die Stimme hier weicher sein darf als, sagen wir, bei einem Fußballspieleinsatz.

Wobei sich das natürlich ganz schnell ändern kann: Als etwa ein Rettungswagen über die Brücke muss, wird die Stimme eines Kollegen schnell ernst: „Lassen Sie den Rettungswagen einmal durch, machen Sie bitte die Straße frei.“ Er werde das, warnt er, während er für den besseren Überblick auf die Leitplanke steigt, so lange wiederholen, bis alle auf die Seite gegangen seien. Zumindest an diesem Abend ist das nicht nötig: Die Rettungsgasse wird unverzüglich gebildet. Danach wird die Musik wieder aufgedreht, the show must go on.

Dass das so ist, begreifen die Menschen allerdings offenbar nicht als Selbstverständlichkeit: „Find’ ich super“, ruft einer im Vorbeigehen, dazu gibt’s einen Daumen hoch, „Danke euch“, sagt eine andere und verteilt Küsschen in die Luft. „Ihr seid cool“, kommt noch von einem anderen, breites Grinsen im Gesicht, Handykamera im Anschlag, „Danke für alles“, Fistbump mit einem der Beamten, „Ich finde das so geil“, ungläubiges Kopfschütteln, noch eine Handykamera. Für die Beamten wiederum ist der viele Zuspruch keine Selbstverständlichkeit, ja er scheint Balsam für die geschundene Polizeiseele.

Übrigens: Wer als Polizist, als Polizistin auf der Hackerbrücke arbeitet, sollte nicht kamerascheu sein. Fast im Minutentakt wollen Menschen Selfies mit der Polizei machen. Das machen die Beamten zwar gerne, eine gewisse Distanz versuchen sie dabei aber zu wahren. Stichwort Eigensicherung. Immerhin tragen auch die Beamten vom Kommunikationsteam eine Waffe, bei der sie aufpassen müssen, dass sie ihnen nicht irgendein Trunkenbold aus dem Holster zieht. Am Ende muss das Kommunikationsteam deshalb nicht nur die nötige Technik beherrschen und einen gewissen Sinn fur Humor mitbringen, auch eine gute Menschenkenntnis ist gefragt.

Ach so, und man sollte noch dazu gut auf den Beinen sein: So eine Schicht auf der Hackerbrücke dauert schon mal zwölf Stunden. Sie stehen jeden Abend nämlich so lange hier, bis die Straße für den Verkehr wieder freigegeben wird. An diesem Abend werden sie erst um 1.15 Uhr morgens Feierabend machen.

Wieder eine Durchsage, die man so vermutlich nur auf der Hackerbrücke zu hören bekommt: Alle, die keine Schuhe anhätten, sollten bitte aufpassen, „auf der Straße könnte Glas liegen“. Einige Frauen haben sich tatsächlich für den Heimweg ihrer High Heels entledigt. Wieder andere schaffen es nicht mehr ganz, die Spur zu halten. Da ruft Grenner: „Immer schön gerade laufen.“ Dazu Durchsagen zu Glasflaschen, die nicht mit aufs Gleis dürfen und die Warnung vor Taschendieben.

Nur: Was passiert eigentlich, wenn Menschen trotz Musik aggressiv werden? Dann übernehmen Kollegen von Nimz und seinem Team, sogenannte Raumschutzkräfte. An diesem Samstag ist das nur vereinzelt notwendig. Was im Umkehrschluss bedeutet: Tanzende, Scherze und Selfies machende Polizistinnen und Polizisten, das ist wirklich eine Strategie, die aufgeht. Nur, was wird aus dem Partybus im nächsten Jahr, wenn die Hackerbrücke saniert wird? Das weiß Tim Oberfrank noch nicht, sicher sei nur: Der LauKw ist auch 2027 wieder im Wiesn-Einsatz.

Noch einmal der schweifende Blick über die glück- und bierselige Menge. Waren Nimz und die anderen eigentlich selbst schon mal jenseits der Hackerbrücke, auf dem Oktoberfest? Nur Angela Müller beantwortet diese Frage mit „Ja“, auch sie ist sich aber sicher: „Hier ist’s schöner.“

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