Entscheidung über die Olympiabewerbung: Wie München sich gegen Köln-Rhein-Ruhr durchgesetzt hat
Por Von Joachim Mölter — Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport
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Mit dem Erbe von 1972, dem Versprechen kompakter, nachhaltiger Spiele und prominenter Unterstützung überzeugt München die DOSB-Delegierten.
Von Joachim Mölter
Genau elf Monate, nachdem die Münchnerinnen und Münchner bei einem Bürgerentscheid mit überraschend deutlicher Mehrheit dafür plädiert hatten, nach 1972 noch einmal Olympische Sommerspiele in die Stadt zu holen, votierten am Samstag auch die Delegierten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung für München. Damit bewirbt sich der deutsche Sport mit der bayerischen Landeshauptstadt beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) um die Ausrichtung von Olympischen und Paralympischen Sommerspielen in den Jahren 2036, 2040 oder 2044.
Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Nachmittag – nach einem schier nicht enden wollenden Vorlauf von Reden, Imagefilmen und Interviews – die bereits am Vormittag getroffene Entscheidung im Kurhaus von Baden-Baden verkündete, herrschte freilich eher Erleichterung als überschwängliche Freude bei der Münchner Delegation mit dem Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) an der Spitze.
Die beiden Politiker umarmten sich kurz und klopften sich auf die Schulter, Krause bekannte vor dem Fernseh-Mikrofon: „Es war schon ein Krimi, wir haben den ganzen Tag gebangt.“ Und Söder gab zu: „Die Kölner haben es uns ganz schön schwer gemacht. Ihr habt uns ganz schön zum Zittern gebracht.“ Am Ende des Bewerbungsprozesses war ja nur noch die Region Köln-Rhein-Ruhr im Wettbewerb verblieben.
Und so wie sich die Dinge zuletzt entwickelt hatten, war ein knapper Ausgang erwartet worden. Am Freitagabend hatte es für die Delegierten aller DOSB-Mitgliedsverbände noch einen Empfang im Baden-Badener Kongresszentrum gegeben. Die Teams der verbliebenen Bewerber nutzten das Treffen, um den einen oder anderen unentschlossenen Sportverband auf ihre Seite zu ziehen. Abstimmen durften die Vertreter von 42 olympischen Sportverbänden, und umworben waren vor allem diejenigen, die bis zu Berlins kurzfristigem Rückzug als Unterstützer der Bundeshauptstadt galten. Am Morgen danach konnte freilich immer noch keine Partei sicher sein, genug Stimmen auf ihrer Seite zu haben.
Bayerns Ministerpräsident Söder war bereits eine Viertelstunde vor Beginn der Versammlung die Treppe in den Benazet-Saal hinaufgegangen, ein paar Minuten vor seinem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten-Kollegen Hendrik Wüst (CSU), dem Rivalen im Kampf um Olympia (und womöglich auch um die Nachfolge von Friedrich Merz als Bundeskanzler). Direkt vor Wüst und seiner Entourage war noch Münchens Oberbürgermeister Krause dazwischengeschlüpft und die Stufen hochgegangen.
Das passte zum gesamten nationalen Bewerbungsprozess: Schon zu Beginn waren Münchens Pro-Olympia-Kämpfer die Ersten gewesen mit ihrem Bürgerentscheid vom 26. Oktober 2025. Nun, genau elf Monate später, nahmen sie nun auch die letzten Stufen als Erste.
Berlin, Rhein-Ruhr oder München? Am Samstag soll die Entscheidung über den deutschen Olympiabewerber fallen. München geht mit einem starken Partner ins Finale – und erinnert damit an die Spiele von 1972.
In der Woche vor der Entscheidung hatte das Rennen freilich eine unerwartete Dynamik angenommen: durch die Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, den Abschlussbericht der DOSB-Evaluierungskommission, Berlins anschließendem Verzicht auf die Fortsetzung der Kandidatur, vor allem aber die Entscheidungen der verbliebenen Bewerber München und Köln für ein Segelrevier. Während sich München für Kiel entschied, den Partner von 1972, hatte Köln die mecklenburgische Stadt Rostock-Warnemünde ins Boot geholt – und damit einen Trumpf ausgespielt.
Berlin hatte sich lange zuvor zu Warnemünde bekannt und auch andere Orte in den umliegenden Bundesländern ins Konzept „Berlin+“ aufgenommen. Nach dem Rückzug tendierten wohl einige der wahlberechtigten Delegierten, die für die Bundeshauptstadt votiert hätten, dazu, den Mitbewerber Köln-Rhein-Ruhr zu unterstützen. So war jedenfalls eine Rede von Berlins regierendem Bürgermeister Kai Wegener (CDU) zu interpretieren; auch ein Beitrag des Hamburger Sportsenators Christoph Holstein (SPD) ging in diese Richtung. Die Vertreter der ausgeschiedenen Mitbewerber durften vor der Abstimmung noch einmal sprechen.
Angesichts der Ablehnung der Hamburger Kampagne durch die dortige Bevölkerung wies Holstein darauf hin, dass der Sport „auch lehrt, mit Niederlagen umzugehen“. Aber deswegen lasse man ihn nicht sein: „Der Wert des Sports besteht heute auch darin, eine auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenzuhalten.“
Man konnte das durchaus als Plädoyer für das Konzept von Köln-Rhein-Ruhr verstehen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wüst und seine SPD-Kollegin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern waren in den vergangenen Tagen sehr offensiv damit umgegangen, dass die dortige Bewerbung mit der Hinzunahme von ostdeutschen Sportstätten eine national verbindende Kampagne anbieten könne: Außer dem Segelrevier in Warnemünde hatten sie auch den sächsischen Kanupark Markkleeberg in ihr Sportstätten-Portefeuille aufgenommen.
„Ich finde, dass wir nicht einfach Olympische Spiele von 1972 wiederholen sollten. Wir sollten das Deutschland von heute zeigen – wiedervereinigt, stark und modern“, hatte Manuela Schwesig argumentiert und das „Ost-West-Konzept“ von Köln-Rhein-Ruhr gelobt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte dem entgegengehalten, dass sich die von ihm unterstützte Münchner Bewerbung an das vom IOC vorgegebene „One-Village-Konzept“ gehalten habe – also möglichst kompakte Spiele an einem Ort, an dem der Großteil der Athleten in einem olympischen Dorf zusammenkommt.
Ansonsten hatte München immer seine Nachhaltigkeit betont: damit, dass die meisten der Sportstätten von 1972 wiederverwendet werden könnten. Und mit seiner internationalen Strahlkraft geworben, zum einen für den Sport, wie gerade erst durch die Vergabe der Leichtathletik-WM 2031 in die Stadt zu sehen war. Zum anderen auch generell als Touristen-Destination, wie gerade beim Oktoberfest wieder zu erleben ist. Trümpfe, die bei den Delegierten offensichtlich eher gestochen haben.
Ein gutes Konzept, hohe Zustimmungswerte: Lange sah es so aus, als stünde die bayerische Landeshauptstadt im Vergleich mit den nationalen Bewerbern am besten da. Doch Köln hat erstaunlich aufgeholt.
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