Diplomatie: Ein Prosit auf Kanada
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Diplomatie Ein Prosit auf Kanada
25. September 2026, 21:42 Uhr |
Lesezeit: 3 Min.
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Bei seinem Kurztrip nach Ottawa sucht Außenminister Wadephul eine Antwort auf die Frage: Wie umgehen mit einem US-Präsidenten, auf den kein Verlass mehr ist?
Von Sina-Maria Schweikle, Ottawa
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Ein Schlag mit dem Holzhammer, und schon fließt das Bier. Außenminister Johann Wadephul (CDU) haut sicherheitshalber noch einmal darauf, Schaum quillt aus dem Fass, Kanadas Außenministerin Anita Anand hält lächelnd ein Glas unter den Zapfhahn. Donnerstagabend in der Residenz des deutschen Botschafters in Ottawa, die Stimmung ist gelöst. Die Regierungskrise in Berlin ist weit weg, die zähen Verhandlungen bei den Vereinten Nationen in New York sind es auch. Der Außenminister kann erst mal durchatmen, zumindest für 24 Stunden. Dann geht es zurück nach New York, wo er vor der UN-Generalversammlung reden wird.
Doch nun wird gefeiert, und zwar gleich doppelt: der Tag der Deutschen Einheit, vorgezogen, und 75 Jahre deutsch-kanadische Beziehungen. Es wird gelacht und gescherzt, man liegt sich in den Armen und hält sich die Hand. „Es ist eine große Freude, heute Abend hier bei Ihnen zu sein“, sagt Anand auf Deutsch. Und, dass sie Cousinen, Onkel und Tanten in Deutschland habe. Sie ist damit nicht allein in ihrem Land: Rund drei Millionen Kanadier haben deutsche Wurzeln, erklärt sie. Außerdem habe das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern im vergangenen Jahr rund 20 Milliarden Euro betragen.
„Es gibt keinen Weg zurück in die Vergangenheit“, sagt Wadephul
Das Fundament für diese Freundschaft steht, möglichst schnell soll mehr daraus werden. Schließlich durchläuft die Welt einen Wandel, der vor allem auch Mittelmächte wie Kanada und Deutschland betrifft. Das habe sich auch in New York City gezeigt, wo die Gespräche bei den Vereinten Nationen intensiv gewesen sind, sagt Wadephul. Sie seien von der Sorge um die Stabilität der internationalen Ordnung geprägt gewesen. Man müsse akzeptieren: „Es gibt keinen Weg zurück in die Vergangenheit – also müssen wir uns anpassen“, sagt er. Das betrifft nicht nur Europa mit dem Krieg in der Ukraine, sondern auch Kanada, mit einem aggressiven Präsidenten im Nachbarland.
Immer wieder hat US-Präsident Donald Trump Kanada als künftigen 51. Bundesstaat bezeichnet, eine kaum verhüllte Annexionsdrohung. Den Ontariosee, den sich beide Länder teilen, taufte er kurzerhand in „Amerikasee“ um. Ottawa antwortete auf seine Weise: Eine Straße, die den Namen des US-Präsidenten trägt, soll umbenannt werden. Er möge den Gedanken nicht, dass es „in unserer Stadt etwas gibt, das den Namen von Donald Trump trägt, der seine Feindseligkeit gegenüber Kanada gezeigt hat“, sagt Bürgermeister Mark Sutcliffe.
Nach dem Freihandelsabkommen will der Premierminister auch eine Sicherheitsallianz mit der EU
Symbolik ist das eine, Wirtschaft das andere. Die Gespräche im Handelskonflikt zwischen Washington und Ottawa sind festgefahren. Für Kanada ist das bitter, denn die USA sind der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Umso mehr richtet sich der kanadische Blick über den Atlantik. Seit 2017 wird das EU-kanadische Freihandelsabkommen Ceta vorläufig angewendet, nun will Premierminister Mark Carney mehr: eine Sicherheits- und Wirtschaftsallianz mit der EU.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat Ottawa kürzlich sogar eine assoziierte EU-Mitgliedschaft angeboten. Trump reagierte prompt, drohte der EU mit weiteren Zöllen und sprach von einer möglichen „feindseligen Handlung“. Was sagen die beiden Außenminister dazu? Es gehe weniger um Begrifflichkeiten als um die Vertiefung der ohnehin schon guten Beziehungen, sagt Wadephul. Seine kanadische Amtskollegin sagt, ihr Land wolle ohnehin kein volles Mitglied der EU sein. Das Ziel der Kanadier lautet Diversifizierung und Integration: weniger Abhängigkeit von einem Nachbarn, auf den kein Verlass mehr ist.
Es geht darum, eine ohnehin schon gute Partnerschaft zu vertiefen
Verlässlichkeit ist deshalb das, was Wadephul in Ottawa anbieten will. Einen Tag nach der Feier ist vom Bier nichts mehr zu spüren, die Harmonie ist aber geblieben. Wadephul und Anand spazieren durch den Park von Rideau Hall, dem Amtssitz der kanadischen Generalgouverneurin, und plaudern gelöst. Gesprächsstoff gibt es genug, auch jenseits von Trump und seinen Zöllen. In der kanadischen Hauptstadt haben die beiden Außenminister ein Geheimschutzabkommen unterzeichnet, dass diese Kooperation verstärken und vereinfachen soll. Es soll als Grundlage dienen, den Austausch eingestufter Dokumente beider Länder zu vereinfachen – auch, was die praktische Umsetzung des U-Boot-Deals betrifft. Dieser sei ein „echter Meilenstein in unseren Beziehungen“ sein, sagt Wadephul in Kanada, noch bevor er den Handels- und den Außenminister trifft.
Im Juli hat sich Kanada für bis zu zwölf U-Boote des Typs 212 CD von TKMS entschieden, die Deutschland und Norwegen zur gemeinsamen Nutzung entwickelt haben. Ein Milliardenauftrag für die Werft in Kiel, Wadephuls Heimatstadt. Dass die Länder nun auf dasselbe System setzen, bedeutet auch, dass sie gemeinsam trainieren können, die Boote gemeinsam warten und sogar Besatzungen austauschen. Auch das ist eine Botschaft an Washington: Die drei Länder wollen ihre Schlagkraft im Nordatlantik stärken und sich weniger auf die USA verlassen.
24 Stunden in Ottawa, Umarmungen und Händchenhalten statt Krisensitzungen: Für einen Moment konnte Außenminister Wadephul durchatmen. Doch am nächsten Tag wird es damit schon wieder vorbei. In New York wird er wohl vor einem nahezu leeren Saal zur Staatengemeinschaft sprechen. Und dann geht es auch schon wieder zurück nach Berlin. Dort warten ein geschwächter Kanzler und eine nervöse Partei auf ihn.
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