Gedenken zum zehnten Todestag von Max Mannheimer: „Es aus seinem Mund zu hören, wäre unerträglich gewesen“
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Gedenken zum zehnten Todestag von Max Mannheimer „Es aus seinem Mund zu hören, wäre unerträglich gewesen“
25. September 2026, 13:19 Uhr |
Lesezeit: 3 Min.

Zusammenfassung
- Das NS-Dokumentationszentrum veranstaltet einen Erinnerungsabend zum zehnten Todestag des Holocaustüberlebenden Max Mannheimer, der vier Konzentrationslager überlebt hatte.
- Sein Sohn Ernst beschreibt, wie er als Kind kaum etwas vom Leid seines Vaters erfuhr und den Schulbesuch mit ihm als eines seiner „schrecklichsten Erlebnisse“ empfand.
- Ernst Mannheimer ist froh, dass sein Vater zu Hause geschwiegen hat, und bezeichnet dessen späteres öffentliches Zeugnis über die NS-Verbrechen als „Wunder“.
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Vor zehn Jahren starb der große Zeitzeuge Max Mannheimer, der vier Konzentrationslager überstanden hatte. Sein Sohn Ernst erzählt vom Aufwachsen mit einem Vater, der sich nie traurig zeigte.
Von Bernd Kastner
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E he der Sohn von einem erschütternden Erlebnis mit seinem Vater berichten wird, erzählt Christian Ude von diesem Vater, von Max Mannheimer. „Er war ein lustiger Mensch. Er war ein heiterer Mensch.“ Der Altoberbürgermeister spricht von seinem jüdischen Freund, der vier Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebte. Vor zehn Jahren starb Max Mannheimer, er war 96. Das NS-Dokumentationszentrum veranstaltet deshalb einen Erinnerungsabend an den Mann, dessen „Appell an die Jugend in Deutschland“ im Grundstein des Hauses liegt: „Lernt aus der Geschichte.“
Ude erzählt im Gespräch mit Katja Wildermuth, der Intendantin des Bayerischen Rundfunks, wie Mannheimer, der SPD-Genosse, einst seinen Mit-Genossen Hans-Jochen Vogel dazu gebracht habe, 1960 für das Amt des Oberbürgermeisters zu kandidieren. Vogel sei unsicher gewesen, ob er es in so jungen Jahren wagen solle. Überzeugt hätten ihn Mannheimer und dessen damalige Frau Elfriede, die im Widerstand war und dann für die SPD im Stadtrat saß.


Jahrzehnte später, als München über ein NS-Dokuzentrum nachdachte, sei Mannheimer ein entschiedener Antreiber gewesen, erzählt Ude. Darf man es wirklich auf dem Grundstück der ehemaligen NS-Parteizentrale bauen? Genau für diesen Ort habe Mannheimer vehement plädiert, und er habe den Verantwortlichen Beine gemacht: Er wolle, bitte schön, die Eröffnung noch erleben. „Man beeilt sich“, beschreibt Ude die Reaktion. Mannheimer war dabei, als das Haus 2015 öffnete. Seine Adresse heute: Max-Mannheimer-Platz 1.
Als Zeitzeuge des Holocaust hat sich Mannheimer ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik geschrieben und gesprochen. In den 80er-Jahren begann er, Schulen zu besuchen. „Man konnte ihn fragen“, sagt Ude, man durfte, man sollte. Und tatsächlich, die jungen Leute fragten ihn viel, und er erzählte viel in den Schulen.
Nicht aber zu Hause. Ernst Mannheimer, der 1966 geborene Sohn, berichtet vom eigenen Großwerden: „Ganz normal“ sei er aufgewachsen, und doch habe er als Kind einen „Schatten“ gespürt, irgendwas war da. Einmal habe ihn seine Mutter – sie war Mannheimers dritte Frau, Elfriede war jung an Krebs gestorben – beiseitegenommen und gesagt, dass der Vater im Krieg viele Angehörige verloren habe. Das habe sich angefühlt, erzählt Mannheimer, als wäre des Vaters Großfamilie in einer Lawine umgekommen. Er, der junge Ernst, habe nichts verstanden. Und als er seinen Vater mal gefragt habe, wie es für ihn war, als er vom Tod der Eltern erfahren habe, da habe der Vater nur gesagt: „Da war ich traurig.“


Ernst Mannheimer ist der Zeitzeuge eines Zeitzeugen. Er sitzt auf der Bühne des Dokuzentrums und schildert, ruhig und souverän, sein Nichtverstehen in jungen Jahren.
Irgendwann habe der Vater ihn und seine Mutter gebeten, ihn in eine Schule zu begleiten. Er sei mitgegangen, sagt Ernst Mannheimer, und was er dort erlebt und gefühlt habe, fasst er so zusammen: „Ich wäre am liebsten gestorben.“ Da habe er seinen Vater gehört, der fremden Leuten erzählte, worüber er daheim geschwiegen habe. Das zu hören, sagt Ernst Mannheimer, sei eines seiner „schrecklichsten Erlebnisse“ gewesen, „ich war vollkommen hilflos“ angesichts der Grausamkeit, von der sein Vater berichtet habe.
Die Familie Mannheimer stammt aus Mähren im heutigen Tschechien. 1943 deportierten die Nationalsozialisten die ganze Familie zuerst ins Ghetto Theresienstadt, dann ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort wurden Max Mannheimers Eltern, seine Schwester, seine Frau sowie zwei seiner Brüder ermordet. Allein Max und Edgar blieben am Leben, und „Onkel Edi“ habe dem Vater in Auschwitz das Leben gerettet, erzählt Ernst Mannheimer. Als der Vater, da war er 23, vom Tod der Familie erfahren habe, habe er in den elektrischen Zaun laufen wollen. Da habe dessen fünf Jahre jüngerer Bruder gefragt: „Willst du mich allein lassen?“ Die beiden Brüder wurden später ins KZ Warschau deportiert, von dort ins KZ Dachau und dessen Außenlager Karlsfeld und Mühldorf.
Nein, er mache seinem Vater überhaupt keinen Vorwurf, dass er zu Hause kaum vom Leid gesprochen habe, im Gegenteil: Froh sei er darüber, „dass er es nicht getan hat“, er habe seine Kinder schützen wollen. Schon seine schriftlichen Berichte seien schwer zu verarbeiten gewesen, „es aus seinem Mund zu hören, wäre unerträglich gewesen“.
Als liebenswürdigen, guten Vater habe er ihn erlebt. Dem Sohn gegenüber habe er sich „nie traurig gezeigt“. Und dass er öffentlich so beredt Zeugnis ablegte – „ich empfinde das als Wunder“, sagt der Sohn. Er hatte vier Jahrzehnte gebraucht, ehe er die Kraft dafür hatte, dann wurde er einer der bekanntesten Zeitzeugen der NS-Verbrechen. Max Mannheimer litt unter Depressionen, er ging offen damit um. Sein Sohn sagt, der Vater habe in der Rente nicht einfach nur daheimsitzen und auf den Tod warten wollen. Also habe er den Kontakt zu jungen Leuten gesucht. „Ich glaube, dass ihn diese Tätigkeit gerettet hat.“
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