Erinnerung an Holocaust-Opfer: Wie ein Münchner zufällig herausfand, dass seine Großmutter von Nazis getötet wurde

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Erinnerung an Holocaust-Opfer Wie ein Münchner zufällig herausfand, dass seine Großmutter von Nazis getötet wurde

16. September 2026, 11:57 Uhr |

Lesezeit: 3 Min.

Das undatierte Foto zeigt die Münchnerin Anna Paroubek, die im Konzentrationslager Theresienstadt starb, mit ihrer Familie.
Das undatierte Foto zeigt die Münchnerin Anna Paroubek, die im Konzentrationslager Theresienstadt starb, mit ihrer Familie. Foto: privat/dpa

Zusammenfassung

  • Toni Heilmaier entdeckte vor 23 Jahren zufällig ein Foto seiner Großmutter Anna Paroubek in einer Ausstellung über vergessene Juden aus München.
  • Anna Paroubek wurde im Juli 1942 von der Gestapo abgeholt und ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie 1943 starb.
  • An Paroubeks ehemaligem Wohnort in der Großhaderner Straße 18 wurde nun ein Erinnerungszeichen für das Holocaust-Opfer angebracht.

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Toni Heilmaier dachte jahrzehntelang, seine Oma sei im Altenheim gestorben. Dann entdeckt er auf einer Schulausstellung das Bild seiner Großmutter – und eine bewegende Spurensuche beginnt.

Von Patrik Stäbler

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A ls Toni Heilmaier vor 23 Jahren in der Stadtbibliothek Hadern ein Foto entdeckt, durchzuckt ihn ein Gedanke: „Das ist ja meine Oma!“ Das Bild seiner Großmutter Anna Paroubek ist dort Teil einer Ausstellung, die in der nahen Mittelschule an der Guardinistraße entstanden ist, im Rahmen eines Projekts über die Lebensgeschichten von vergessenen Jüdinnen und Juden aus dem Münchner Stadtbezirk.

Toni Heilmaier ist mittlerweile 92 Jahre alt, aber erinnert sich noch daran, wie die Gestapo seine Großmutter im Sommer 1942 abholte und ins Ghetto Theresienstadt deportierte. Er war acht Jahre alt, als er sie das letzte Mal sah. Über ihr Schicksal wurde in der Familie danach kaum gesprochen. Die Oma sei ins Altenheim gekommen, habe ihm seine Mutter damals erzählt, sagt Heilmaier. Umso mehr wühlte es ihn auf, als er viele Jahrzehnte später in der Ausstellung plötzlich auf die Kennkarte seiner Großmutter stieß. Auf diesem Vorläufer des Personalausweises prangte ein großes rotes J – der sogenannte Judenstempel.

Anna Paroubek starb im September 1943 an den unmenschlichen Lebensbedingungen in Theresienstadt. 83 Jahre später ist nun ein Erinnerungszeichen an ihrem ehemaligen Wohnort in der Großhaderner Straße 18 angebracht worden – im Beisein ihres Enkels Toni Heilmaier, ohne dessen Entdeckung in der Bücherei es heute keinen Gedenkort für seine Großmutter gäbe. Denn im Nachgang seines Ausstellungsbesuchs nahm er Kontakt zu Ursula Saabel auf, die das Schulprojekt organisiert hatte. Und die Lehrerin versprach ihm, dem Schicksal von Anna Paroubek genauer nachzugehen.

Das tat Ursula Saabel nach ihrem Eintritt in den Ruhestand von 2010 an, zusammen mit Barbara von Broekhoven: Gemeinsam recherchierten die beiden Frauen in Archiven, fuhren nach Theresienstadt und brachten so die traurige Lebensgeschichte von Anna Paroubek zutage. 1870 in Čelechovice im heutigen Tschechien geboren, zog sie noch vor der Jahrhundertwende nach München, wo sie im Jahr 1900 den katholischen Herrenschneider Anton Paroubek heiratete. Er führte ein gut gehendes Geschäft, in dem auch seine Frau arbeitete. Sie gehörte zwar dem jüdischen Glauben an, praktizierte jedoch nicht. Ihre 1904 geborene Tochter Emilie Paroubek erzogen die Eltern katholisch.

Das war ein bewegender Moment für uns und ein Stück gelebte Familiengeschichte.

Toni Heilmaiers Sohn Christian

Nach der „Machtergreifung“ der Nazis wurde die Witwe – im Jahr 1932 war ihr Ehemann verstorben – zunehmend drangsaliert und ausgegrenzt. Als sie von September 1941 an in der Öffentlichkeit den Judenstern tragen musste, verließ sie ihre Wohnung nicht mehr. Sogar die eigene Tochter, die nur einen Steinwurf entfernt lebte, konnte sie nicht mehr besuchen. „Weil unser Hausherr damals gesagt hat: In mein Haus gehören keine Juden“, erinnert sich Toni Heilmaier.

Er sah als Achtjähriger, wie die Gestapo seine Großmutter am 23. Juli 1942 abholte. „Ich war damals ein kleiner Bub und habe vom KZ nichts gewusst“, erzählt Heilmaier. „Deshalb hat meine Mutter zu mir gesagt: Die Oma ist ins Altenheim gekommen.“ Tatsächlich aber wurde Anna Paroubek zusammen mit 49 weiteren Menschen ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort litt sie unter Unterernährung und Isolation, ehe sie im September 1943 im Alter von 73 Jahren verstarb. Ihre Asche wurde an unbekannter Stelle verstreut, ein Grab gibt es nicht.

Nach ihrem Tod geriet Anna Paroubeks Geschichte in Vergessenheit – bis im Jahr 2003 die Schulklasse von Ursula Saabel auf die Jüdin aus Hadern stieß. Auf Initiative der Lehrerin sammelten der Geschichtsverein Hadern und die Familie von Anna Paroubek Spenden für eine Gedenktafel, die vor wenigen Wochen im Kolumbarium der Gedenkstätte Theresienstadt enthüllt wurde, unter den Augen von Toni Heilmaier, seinem Sohn Christian Heilmaier und dessen 17-jähriger Tochter Emilia Heilmaier. „Da waren drei Generationen zusammen“, erzählt Christian Heilmaier. „Das war ein bewegender Moment für uns und ein Stück gelebte Familiengeschichte.“

Um Anna Paroubek auch an ihrem früheren Wohnort zu gedenken, beantragte der Geschichtsverein Hadern ein Erinnerungszeichen, das nun an ihrer letzten Adresse an einer Stele angebracht wurde.

Christian Heilmaier, Emilia Heilmaier und Toni Heilmaier (v. l.) bei der Enthüllung des Erinnerungszeichens für Anna Paroubek.
Christian Heilmaier, Emilia Heilmaier und Toni Heilmaier (v. l.) bei der Enthüllung des Erinnerungszeichens für Anna Paroubek. Foto: Florian Peljak
Das Erinnerungszeichen für Anna Paroubek in Hadern.
Das Erinnerungszeichen für Anna Paroubek in Hadern. Foto: Florian Peljak

In ganz München gebe es mittlerweile circa 350 solcher Denkmäler für die Opfer des Nationalsozialismus, sagte Stadträtin Nimet Gökmenoğlu (Grüne) bei der Gedenkveranstaltung im Kulturzentrum Guardini90. Dadurch werde das Erinnerungsnetz zunehmend feinmaschiger, „und wir bewahren immer mehr Namen und Lebensgeschichten vor dem Vergessen“.

Zu diesen zählt jetzt auch das Schicksal von Anna Paroubek – dank ihres Enkels, dank des Engagements von Ursula Saabel und dank des Zufalls, der Toni Heilmaier im Jahr 2003 in die Ausstellung in der Stadtbibliothek führte.

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Fonte: Top – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

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