Comeback von Mitchell Weiser: „Unfassbar schöne zehn Minuten“

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Por Von Philipp Selldorf, KölnTop – Themen – Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport

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Beim Auswärtsspiel in Köln feiert Mitchell Weiser überraschend sein Comeback für Werder Bremen – und gibt Einblicke ins Gefühlsleben eines Langzeitverletzten.

Von Philipp Selldorf, Köln

T orsten Frings hat für Borussia Dortmund, den FC Bayern und die Nationalelf gespielt, in der allgemeinen Erinnerung steckt er aber in einem Trikot des SV Werder. Lange Haare, Zottelfrisur, Stirnband, Nummer acht auf dem Rücken. Letzteres ist allerdings eine gedankliche Täuschung: Er war zwar ein Spieler für die Position des Achters und wurde in Dortmund, München und beim DFB entsprechend nummeriert, aber in Bremen war immer die 22 die Zahl seiner Wahl.

Am Samstagabend jedoch kehrte Frings mit der Acht im Werder-Trikot zurück, jedenfalls mochte man das einen Moment glauben, als Mitchell Weiser die Bühne in Köln-Müngersdorf betrat. Lange Haare, Zottelfrisur, Stirnband, so lief er, dem Fringser gleichend, in der 83. Minute aufs Feld. Und wenn er auch nicht mehr epochal auf das Spiel zwischen dem 1. FC Köln und Werder Bremen hat einwirken können – für Mitchell Weiser, 32, markierte dieser kurze Einsatz einen Meilenstein. „Es waren unfassbar schöne zehn Minuten“, sagte er später.

Tränen der Rührung und des Glücks kamen ihm, als die Partie beim gerechten Stand von 1:1 vorüber war. Niclas Füllkrug, Schütze des Bremer Tores, hat gleich ein wenig mitgeweint, weil er aus eigener, allzu häufiger Erfahrung nachempfinden konnte, was sein Mitspieler in 14 Monaten Verletzungsgeschichte durchlitten hatte.

Nur ein Scherz, natürlich, im bodenständigen Breisgau: Trotzdem steht der SC Freiburg mit neun Punkten und 10:1 Toren nicht ganz zufällig an der Tabellenspitze.

Wie herrlich war daher nun für Weiser die imposante Ohrfeige, die ihm sein Kölner Gegenspieler im Zweikampf verpasste. Es war ein richtiger Hieb, den Paul Okon-Engstler dem ohne Deckung dastehenden Bremer Kollegen verabreichte, mehr als bloß eine unfreundliche Geste. „Aber das will ich ja“, sagte Weiser später. In der Sehnsucht nach jenem Fußball, der sein ganzes Leben bestimmt hat, sind auch unfreundliche Gesten des Gegenspielers enthalten. Ob Okon-Engstler mit Absicht zugelangt hatte, sei ihm „egal“, meinte Weiser, „wenn er’s nicht macht, laufe ich vielleicht allein Richtung Tor“. Diese Darstellung war zwar ein Stück Jägerlatein, der Vorfall ereignete sich in der Peripherie fern vom Kölner Strafraum. Aber private Legenden von fast erzielten Toren und fast geglückten Alleingängen gehören zur Vorstellungswelt von Fußballern.

„Mitchell Weiser fällt mehrere Monate aus“, hatte Werder Bremen am 16. Juli vorigen Jahres mitgeteilt, der Flügelspieler habe im Training einen Riss des Kreuzbandes im rechten Knie erlitten. Die Formulierung mehrere Monate erwies sich als trügerisch, außer den Bändern war auch der Meniskus betroffen. In Bremen wurde geraunt, vielleicht ginge es gar nicht mehr weiter für den in der Hansestadt heimisch gewordenen Rheinländer, der seinerseits ein ungeduldiger Patient war und seine Genesungsbedürfnisse, wie er jetzt sagte, „unterschätzt“ hatte.

Befragt nach seinem Gefühlsleben in der langen Zeit, wurden die Augen wieder ein wenig wässrig. „Ich denke jetzt nicht mehr so gern daran zurück“, erwiderte er, an diese „große Ungewissheit jeden Tag. Du arbeitest die ganze Zeit darauf hin, und wenn du morgens aufstehst, fragst du dich immer: Fühlt es sich besser an? Ja, nein, ein bisschen vielleicht, dann wieder ein bisschen schlechter.“

Nun also das überraschend zügige Comeback in Köln. So lang steht er noch gar nicht wieder im Team-Training, Werder-Trainer Daniel Thioune hatte vor ein paar Tagen die Rückkehr im Oktober avisiert, doch Weiser hatte sich einen anderen Termin in den Kopf gesetzt: „Samstag, 18.30 Uhr in Köln, das war mein Ziel, dafür habe ich gekämpft.“ In Köln hatte dieses Fußballerleben vor fast 15 Jahren mit dem ersten Bundesligaspiel begonnen, schon Weisers Vater Patrick hatte dem FC angehört.

Wann er wieder ganz der Alte sei, lautete dann noch eine Frage aus dem Bremer Block an den Rückkehrer. „Was heißt der Alte?“, kam es zurück: „Ich bin der festen Überzeugung, dass ich besser sein werde als vorher.“ Dieses Versprechen hört man in Bremen sicher gern. Weiser hat in seinen fünf Jahren beim SV Werder noch nicht den Stellenwert erreicht, den Torsten Frings hatte. Aber er gehört neben Leuten wie Kapitän Marco Friedl zu den Altgedienten im Kader, sein Einfluss aufs Spiel war zuletzt sehr groß, obwohl er sich tendenziell immer am Rand bewegt hat. Auch Friedl hieß aus emotionaler Anteilnahme das Comeback des Tages („toller Moment“) und den Betroffenen an sich („ein toller Mensch“) willkommen, er hob aber auch auf den Nutzen für die Mannschaft hervor. Weiser käme jetzt auch als Spieler fürs Zentrum oder auf der Acht infrage, hat Thioune erklärt. Die Partie in Müngersdorf hat gezeigt: Ein Techniker mit Spielverstand kann dem SV Werder nur guttun (dem 1. FC Köln im Übrigen auch).

Dieser Samstag war für Mitchell Weiser ein Feiertag, gefeiert wurde die Heimkehr in die Normalität des Profialltags, dazu passend plante er das bevorstehende Festprogramm. Weiser verkündete es mit einem Lächeln: „Jetzt fahre ich mit dem Bus zurück, dann nach Hause und morgen ist Spielersatztraining.“

Innerhalb eines Jahres zweimal derselbe Fehler: Erneut muss sich Gladbach nach dem dritten Spieltag von seinem Trainer trennen. Diesmal trifft es Eugen Polanski.

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