Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“: Du wohnst noch zur Miete?

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Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“ Du wohnst noch zur Miete?

10. September 2026, 18:13 Uhr |

Lesezeit: 2 Min.

Kolumnistin Friederike Zoe Grasshoff.
Kolumnistin Friederike Zoe Grasshoff. Lorenz Mehrlich

Unsere Kolumnistin fragt sich: Warum wird auf Partys eigentlich nur noch über Häuser, Kredite und Mieten gesprochen?

Von Friederike Zoe Grasshoff

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F olgendes Szenario: Treffen sich alte Freunde und gute Bekannte aus allen Himmelsrichtungen Deutschlands in einer im Norden gelegenen Stadt, um einen runden Geburtstag zu feiern. Den vierzigsten, um ganz genau zu sein, manche haben sich seit dem Dreißigsten des Geburtstagskindes nicht gesehen.

Die Freunde und Bekannten haben in der Zwischenzeit Städte und Partner gewechselt, sind ergraut oder sehen beneidenswert zeitlos aus, haben Kinder bekommen oder überlegen, ob sie nicht noch Kinder bekommen sollten. Sie haben aus romantischen oder unromantischen Erwägungen geheiratet und flirten hier nun mit denselben Menschen, mit denen sie auf dem Dreißigsten vor zehn Jahren geflirtet haben. Sie haben den Betrieb vom Vater übernommen oder arbeiten als Paketbote bei DHL. Geschieden ist noch keiner, stellt man mitternachts am Lagerfeuer fest, während drinnen in der Scheune ein paar Franzosen „Le vent nous portera“ singen.

Es wird getanzt, gegessen und getrunken, eigentlich alles wie früher. Also: fast wie früher, was nicht an den Kindern liegt, welche die meisten zu Hause gelassen haben und auf ihren Screens herumzeigen. Sondern daran, dass schon im Großraumtaxi vom Bahnhof zum Bauernhof zum ersten Mal das Wort fällt, das beim Dreißigsten damals noch niemand gewagt hatte in den Mund zu nehmen: Immobilie.

Und wer Immobilie sagt, der muss auch Kredit sagen, Abschlagszahlung, Nettohaushaltseinkommen, Steuerklasse, Schimmel und modulares Ecksofa. Der ist gebeutelt von der immer drohenden Eigenbedarfskündigung und den galaktischen Mietpreisen, der fragt sich, ob man nicht aussteigen muss aus diesem Teufelskreis und investieren, kaufen, den Kindern was hinstellen, damit sie diesen Mindfuck eines durchschnittlichen deutschen Mieters später einmal nicht erleben müssen: nämlich alle drei Jahre brav der Mieterhöhung zustimmen, undichte Fenster hinnehmen und hoffen, nicht bald die Kündigung im Briefkasten zu haben beziehungsweise vor den Scherben seiner Existenz zu stehen.

Und so weiß ich an Tag zwei des großen Geburtstagsgelages, dass Freundin 1 gedenkt ein Haus zu kaufen, das sie sich nicht leisten kann. Freundin 2 hat eine Dachterrasse und damit ein Ticket ins Paradies, Freund 3 zermartert sich wegen der Tatsache, dass er sich für all das Geld, das er seinem Vermieter in den letzten 25 Jahren gezahlt hat, längst hätte was Eigenes kaufen können. Er zermartert sich sehr.

Man merke sich also für alle folgenden runden Geburtstage und sozialen Events: Wenn Menschen ausführlich von ihrer Wohnsituation erzählen, stoppe sie nicht, auch wenn alle dieselbe Geschichte der Ausweglosigkeit erzählen. Es reinigt ihre im Wohnkapitalismus geschundene Seele.

Und je weiter das Lagerfeuer hinunter brennt und je lauter die Franzosen drinnen in der Scheune singen (sie singen bis morgens um fünf), desto mehr Wein fließt. Die Miet-Epen sind irgendwann  auserzählt, und die alten Freunde und guten Bekannten fragen endlich: Du, wie geht’s dir eigentlich?

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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